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Korea : Wie fährt man auf dem Regenbogen Ski?

Pyeongchang ist nicht das Pitztal: Auf den ersten Blick sieht es so aus, als fahre man in Südkorea Ski wie in den Alpen. Doch Ginkgos, Trockenfisch und Drachengipfel sprechen deutlich dagegen. Bild: Archiv

Die Koreaner sind ein stolzes Volk mit einer uralten Kultur. Trotzdem lassen sie sich gerne vom Westen inspirieren. Und manchmal übertreffen sie ihn sogar - so wie der künftige Olympiaort Pyeongchang,

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          Vor Gott und auf der Skipiste sind alle Menschen gleich. Was das im Himmel zu bedeuten hat, wird sich weisen. Im Schnee hingegen herrscht Klarheit. Das dachten wir uns, als wir in unserer Gondel zum Drachengipfel hinaufschwebten und unter uns lauter Erdenbewohner sahen, die sich geschickt anstellten oder wie Idioten, geschmackvoll gekleidet waren oder in Fruchtgummifarben, vor Glück jauchzten oder aus Frust verzweifelten. Skifahrer sind eben Skifahrer, gleich ob buddhistisch, konfuzianistisch oder römisch-katholisch. Das dachten wir also, bis sich in der Gondel eine zwanglose Konversation entspann, unsere Mitfahrer über ihren Traum eines Skiurlaubs in den Alpen plauderten und uns höflich fragten, wie viele Pisten es denn so in den alpinen Skiorten gebe. Bei der Zahl zweihundert verstummten sie fassungslos verblüfft. Nach langer Zeit wagten sie die Zusatzfrage, ob manche dieser Abfahrten auch schwarz seien. Nicht nur manche, sondern sogar viele! Die Verblüffung ging in Schreckschockstarre über. Und wieder nach einer Ewigkeit wollten sie wissen, wie lang diese Abfahrten denn seien. Zehn, zwölf Kilometer. Unfassbar, da brauche man ja einen ganzen Tag dafür! Wir aber lächelten still und wussten nun, dass Gottes Gleichheitsgebot in Pyeongchang doch nicht gilt. Es gibt sie noch, die feinen Unterschiede.

          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Die Unterschiede beim interkontinentalen Skifahrvergleich fangen schon damit an, dass es Pyeongchang, den ältesten, größten und inzwischen weltberühmtesten Skiort Südkoreas, gar nicht gibt, jedenfalls nicht als Skigebiet, sondern nur als regionalen Überbegriff. Die Olympischen Winterspiele 2018 sind zwar Pyeongchang zugesprochen worden, doch tatsächlich finden sie in den beiden Retortenorten Alpensia und Yongpyeong statt. Sie liegen im Nordosten des Landes, in einer Mittelgebirgslandschaft mit buckligen Bergen, auf denen Fichten, Ahornbäume und Ginkgos wachsen wie schütteres Haar. Dass man sich hier im Siegerland befindet, wird jedem Besucher flächendeckend mittels hauswandgroßer Plakate und übermannsgroßer Lettern in der Landschaft kundgetan, die zu der trotzig triumphalen Botschaft „Yes! Pyeongchang“ zusammengerückt sind. So viel Freude ist verständlich, denn zweimal hintereinander scheiterten die Koreaner mit ihrer Bewerbung und mussten erst Vancouver, dann Sotschi den Vortritt lassen, bevor sie im vergangenen Sommer die halbherzig leidenschaftlichen Münchner mit ihrer Hartnäckigkeit bravourös besiegten.

          Ginkgo-Buckel statt hochalpiner Kulisse

          Der eine oder andere schlechte Verlierer rümpfte damals die Nase und schmähte Pyeongchang als Parvenü, der viel Geld und viele Freunde im IOC, aber keine Tradition und erst recht keine anständige hochalpine Kulisse vorzeigen könne. Oben angelangt auf dem 1458 Meter hohen Dragon Peak, erstarrten zugegebenermaßen auch wir nicht gerade in Ehrfurcht angesichts der Schöpfungsmacht von Mutter Natur. Um uns herum rollen lauter lustige Ginkgo-Buckel zum Horizont. Unten im Tal ducken sich Holzgestelle mit Trockenfisch, der in der Höhenluft von siebenhundert Metern besonders aromatisch dehydriert. Und wir stehen etwas ratlos auf dem Kopf des olympischen Drachens wie auf einem Matterhörnchen inmitten lauter Maulwurfshügel, während es unsere Mitfahrer vorziehen, die Gondel hinunter ins Tal zu nehmen. Wir werden - und bitten demütigst um Verzeihung für unseren Hochmut - vor ihnen unten sein.

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