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Korea : Wie fährt man auf dem Regenbogen Ski?

Aus Alpen und Asia wird Alpensia

Eines der jüngsten Kunstskidörfer ist im Nachbartal aus dem Nichts gewachsen. Es wird das Herz der Olympischen Winterspiele 2018 sein und hört auf den eigenwilligen Namen Alpensia, einer semantischen Zwangsehe aus den Wörtern Alpen und Asia. Auch sonst ist es eine wilde, wenngleich stilistisch vollkommen homogene Mischung aus Luxushotel, Condominium, Kongresszentrum, Konzerthalle, Casino und Spaßbad, reine Retorte voller Simulationsarchitektur, die Plastikverkleidungen für rauhen Putz und Blechpaneele für Steinsimse ausgibt und erst gar nicht versucht, authentischer zu sein als die ganze Situation. Der Ort ist als Gipfel der Künstlichkeit auch noch vollständig im Stil nordamerikanischer Skistationen gehalten, die mit Erkern, Giebeln und Glockentürmchen ihre Liebe zu Europa bekunden, dabei aber Almhütte, Loire-Schloss und Hexenhäuschen zu einer pseudoeuroodisneyhaften Zuckerbäckerei verrühren. Zum Glück hat man in einen Kunstsee eine schöne, original koreanische Insel wie aus einer Kalligraphie gesetzt, mit Pagodenpavillon, Holzbogenbrücke und allem drum und dran, damit jeder weiß, dass er doch nicht irgendwo im Nirgendwo gelandet ist.

Einen skurrilen Höhepunkt erreicht Alpensias freischwebende Internationalität an unserem persönlichen Lieblingsort, einem Souvenirgeschäft mit einem derart interkontinentalen Sammelsuriumsortiment, dass uns ganz schwindlig wird. Alles gibt es hier, was man nie haben wollte, afrikanisches Schnitzwerk, venezianische Karnevalsmasken, peruanische Wandtteppiche, Ritterrüstungen aus Blech, Musketen aus Sperrholz, Tutanchamun aus Polyester, schauderhafte Kopien vom „Letzten Abendmahl“, der „Mona Lisa“ und als Krönung einen Tisch mit eingebautem Holzglobus, unter dem sich, simsalabim, die Hausbar befindet - lauter Kitsch und Plunder aus aller Welt, die sich hier offenbar wie zu Hause fühlen soll, wenn sie in sechs Jahren in Pyeongchang zu Gast sein wird.

Eine sehr eigenartiger Beweis von Weltläufigkeit

Das Wahrzeichen von Pyeongchang 2018 thront schon über dem Ort wie ein Eiffeltürmchen in Schnee und Wind: die Sprungschanze mit ihrem kreisrunden, herrlich retrofuturistischen Raumschiff-Orion-Observationsdeck, das so aussieht, wie man sich in den fünfziger Jahren die Zukunft vorgestellt hat. Auch hier oben beweist Korea seine Weltläufigkeit, präsentiert nicht nur die wunderbare einheimische Seladon-Keramik und lokalen Schnaps, der in Riesenbottichen mit Pilzen und Bienen angesetzt ist, sondern bietet auch günstig Zinnbecher mit mittelalterlichen Trinkgelagen im Halbrelief und Schellackplatten prähistorischer deutscher Popbands mit Titeln wie „Der King vom Prenzlauer Berg“ zum Verkauf an. Wir verzichten auf den Ostzonen-König und nehmen bei einem Dreihundertundsechzig-Grad-Spaziergang lieber die künftigen Olympiawettkampfstätten in Augenschein, in denen schon jetzt Koreaner eifrig Langlauf und Biathlon trainieren - lauter Sportarten, von denen sie keine Ahnung und für die sie noch nicht einmal einen eigenen Namen haben, weshalb sie die englische Bezeichnung umstandslos ins Koreanische einweben. Doch man darf dieses zähe, hartnäckige Volk nicht unterschätzen. In sechs Jahren stehen bestimmt Koreaner auf Biathlon-Podesten.

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