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Korea : Wie fährt man auf dem Regenbogen Ski?

Ein Musterbeispiel koreanischer Supereffizienz

Für die exotische internationale Note sorgen hier Buden mit amerikanischen Hotdogs und spanischem Churro-Schmalzgebäck, ein Döner-Kebap-Stand mit zwei fidelen Original-Istanbulern in Osmanentracht und ein europäisches Restaurant mit dem mysteriösen Namen „Gelände“; wir haben lange über sein Wesen gerätselt, bis wir beschlossen, ihn der seltsamen Liebe der Koreaner zu deutschen Umlauten zuzuschreiben, die sich auch in Appartementhäusern namens „Hügel“ niederschlägt. Auf den meisten Tellern liegt indes landestypisches Essen, denn die Koreaner sind aus gutem Grund glühende kulinarische Patrioten. Bei all dem herrlichen Kimchi, Bulgogi und dem wie die Sixtinische Kapelle marmorierten Kalbi-Rindfleisch wollten auch wir sofort zum Fahnenflüchtling des Geschmacks werden. Und wir dachten uns im Stillen, dass die IOC-Granden vielleicht einfach die Pommes-frites-Currywurst-Tyrannei der Selbstbedienungsrestaurants in den Alpen satthatten, als sie die Spiele nach Korea vergaben.

Zweimal scheiterte Pyeongchang mit seiner Olympia-Bewerbung. Beim dritten Anlauf hat es geklappt - sehr zum Leidwesen von München.
Zweimal scheiterte Pyeongchang mit seiner Olympia-Bewerbung. Beim dritten Anlauf hat es geklappt - sehr zum Leidwesen von München. : Bild: dapd

Wir widerstanden vorerst der Kimchi-Kalbi-Versuchung, gingen zum Skiverleih und erlebten, halb staunend, halb schaudernd, ein Musterbeispiel koreanischer Supereffizenz, das uns alteuropäische Zausel sehr alt aussehen lässt. Das Ausleihen der Skier ist hier nicht die traumatische Geduldsprobe als Ouvertüre jedes Winterurlaubs. Denn es gibt ein einziges Skimodell, eine einzige Stiefelsorte, die Skistöcke am Selbstbedienungsständer und keine lästigen Fragen nach Gewicht oder Können. Stattdessen geht der Verleih im Zackzackakkord über den Tresen - aber niemals ruppig, um Himmels willen, sondern immer mit ausgesuchter Höflichkeit, denn ein Land mit besseren Manieren als Korea wird man nirgendwo auf Erden finden. Nach drei Minuten standen wir dank der fleißigen Verleihfließbandarbeiter in voller Montur da und wussten spätestens da, dass das einundzwanzigste Jahrhundert asiatisch sein wird.

Frauenheld oder weibischer Waschlappen?

Im Trubel der Talstation gibt es aber auch einen Ort meditativer Ruhe, den wir erst nach unserer Premierenabfahrt entdecken: eine ausrangierte Gondel, vor der zwei Pappkameraden stehen, eine Frau, schön wie der Morgentau, und ein Mann mit Gesichtszügen weich wie eine Chrysantheme. Verzückt lächelnde Koreanerinnen, Japanerinnen, Chinesinnen, Philippininnen und sonstige Asiatinnen lassen sich hier im Akkord fotografieren. Wir fragen die glückselige Damenwelt, wer denn die beiden seien, das Traumpaar des koreanischen Skisports vielleicht, die Rosi Mittermaier und der Christian Neureuther des Landes der Morgenröte? Aber nein, wird uns mit fassungslosem Lächeln gesagt, weil man unsere Ahnungslosigkeit gar nicht fassen kann, das seien natürlich die beiden Helden der TV-Serie „Wintersonata“,

die hier gedreht wurde und in ganz Asien ein Sensationserfolg war - was kein Wunder ist, denn das bei uns notorisch unterschätzte Korea hat sich dank K-Soaps, K-Pop, K-Art zur asiatischen Leitkultur schlechthin entwickelt. Der besondere Erfolg der „Wintersonata“, wird uns nun mit einem besonders glühenden Lächeln verraten, liege in der Person des Mannes, der allzeit zärtlich, mitfühlend und verständnisvoll sei, ein weibischer Waschlappen also, gar kein richtiger Kerl, wie uns die männlichen Skifahrer zuraunen und uns so zu verstehen geben, dass die koreanische Leitkultur zumindest auf einem Feld noch ein wenig emanzipatorisches Entwicklungspotential besitzt.

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