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Korea : Wie fährt man auf dem Regenbogen Ski?

Viel los auf dem Drachengipfel: Snowboard ist bei koreanischen Wintersportlern fast genauso beliebt wie das klassische Skifahren.
Viel los auf dem Drachengipfel: Snowboard ist bei koreanischen Wintersportlern fast genauso beliebt wie das klassische Skifahren. : Bild: Archiv

Zu Füßen des Dragon Peak hält Yongpyeong Wacht, das 1975 als erstes Skiresort des Landes überhaupt in die bis dahin menschenleere Gegend gebaut wurde und sich den Drachen als Schutzpatron auserkor, weil dieser als Gott des Wassers im weiteren Sinn auch für Schnee zuständig ist. Zu dieser Zeit war Skifahren in Korea die Randsportart einer Handvoll halbwahnsinniger Exzentriker. Die allermeisten Menschen machten im Winter einen weiten Bogen um die Berge, was gar nicht so einfach ist, denn sie bedecken zwei Drittel des Landes. Ab und zu stapfte auch eine Frau mit Kinderwunsch durch den Schnee, weil sie die Gipfelgeister um gutes Gelingen bitten wollte. Und hin und wieder wagte sich ein Schamane ins Gebirge, um sich eine Portion Wahrsagerinspiration abzuholen, was dort anscheinend besser funktioniert als im Flachland. Heute gibt es zwar immer noch fünfzigtausend praktizierende Schamanen, aber auch eine stetig wachsende Zahl von Skifahrern, die mit ständig neuen Retortenresorts beglückt werden und die Entscheidung des Internationalen Olympischen Komitees plausibel erscheinen lassen. Wo sonst auf der Welt findet man noch so etwas Exzentrisches wie einen wachsenden Wintersportmarkt?

Ohne mein Kimchi gehe ich nicht auf die Piste

Auch Yongpyeong hat sich prächtig entwickelt und ist inzwischen zu seinem respektablen Wintersportort mit dreieinhalbtausend Condominiums herangewachsen. Vorherrschend ist ein, sagen wir, eurasischer Stil, eine unbekümmerte Mischung aus Chalet und Pagodendach, Fachwerkapplikation und Tempelsäule, Spitzgiebel und lasierten Ziegeln mit Drachenkopf - munterer Eklektizismus, zum Glück weit diesseits ästhetischer Schwerverbrechen. Und da der Skisport in Korea trotz beginnender Demokratisierung noch immer ein Vergnügen der besseren Stände ist, gibt es auch Luxushotels, die sich sogar das Capriccio eines Maybachs als Chauffeurkarosse leisten; das ist, falls sich noch jemand daran erinnert, dieser Superluxusmarkenrohrkrepierer von Mercedes-Benz, Blech gewordene Präpotenz, so überflüssig wie ein Platten.

Die Alpen sind stolz auf ihre uralten Skidörfer, die wie Jahresringe gewachsen sind, allerdings oft Gewaltmärsche zur Gondelstation in Via-Dolorosa-Qualität erzwingen. Wer hingegen in Yongpyeong pfeifend vom Hotel fünfzig Meter zur zentralen Talstation schlendert, singt gerne das Loblied auf die rigorosen koreanischen Reißbrettplaner und vermisst weder Zwiebelkirchturm noch Kuhstallparfüm. Uns ging das heute früh auch so, wenngleich wir uns in der extrem funktionalen, bis ins winzigste Detail durchdachten Talstation mit ihren Rolltreppen für den reibungslosen Skifahrertransport, dem offenen Riesenkamin für das Gliederaufwärmen und den schönen, hohen Holzbalkendecken für ein luftiges Ambiente im ersten Moment verirrt zu haben glaubten. Denn schätzungsweise neunzig Prozent der Talstation nimmt ein riesiger Foodcourt ein, in dem zu jeder Tageszeit so viel Bienenkorbbetrieb herrscht wie in einer Gaudihütte beim schönsten Firnschneesonnenschein.

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