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Kontrolle ist alles : Die Kunst, sich neu zu erfinden

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Nacktheit ist erlaubt, aber nur, wenn sie nicht sexuell wirkt. Die Deutungshoheit haben staatliche Behörden. Bild: Marlene Göring

Vietnam öffnet sich – seinen Künstlern gönnt es allerdings nur wenig Freiheit. Jeder Ausstellung geht ein aufreibender Behördenkrieg voraus.

          Seit fast hundert Jahren thront das „Majestic“ über dem Ufer des Saigon, mitten im ersten Distrikt der Stadt. Einst nahmen hier französische Maler und chinesische Geschäftsleute ihren Tee in der „Cyclo-Bar“, ohne aus der Fahrradrikscha aussteigen zu müssen. Später tauschten Politiker des Landes und amerikanische Agenten Neuigkeiten auf der Dachterrasse des Hotels aus. Der Autor Graham Greene, dessen Domizil in Zimmer 304 konserviert ist, hat den goldenen Zeiten Saigons mit seinem Roman „Der stille Amerikaner“ ein Denkmal gesetzt. Der Glanz mag verschwunden sein – die Geschichten aber leben im „Majestic“ weiter.

          Was von der Legende übrigbleibt

          Doch das berühmte Haus wird bald die größte Verwandlung in seiner Geschichte erleben. Längst geht die Prachtfassade unter zwischen all den Wolkenkratzern, die in den letzten zehn Jahren gewachsen sind in der Stadt, die heute Ho-Tschi-Minh-Stadt heißt. Der Besitzer, das Staatsunternehmen Saigon Tourist, plant zwei Türme mit 24 und 27 Stockwerken, die sich dann über dem historischen Hotel erheben und es fast ganz auffressen werden. An der Südseite stehen schon Kräne bereit, der Boden ist aufgebrochen. Man wolle den historischen Charme erhalten, versichert ein Manager. Am Ende aber wird die Fassade des alten „Majestic“ nur noch einen Bruchteil des neuen Megahotels ausmachen.

          Das Majestic in Saigon ist eine Hotel-Legende

          Vietnam erfindet sich zurzeit neu. Die Öffnung des Landes für Investoren und Bauherren bedeutet nicht nur das Ende für viele Orte und Gebäude. Sie löscht auch die Erinnerung aus an eine Zeit, in der Saigon und Vietnam das kulturelle Zentrum Südostasiens waren.

          Nicht deshalb, weil französische Kolonialherren und später amerikanische Soldaten ihre Musik, Bücher und Architektur mitbrachten. Sondern weil in diesem Schmelztiegel Künstler, Händler, Wissenschaftler und Abenteurer aus der ganzen Welt zusammenkamen – und eine Atmosphäre schufen, in der zum ersten Mal so etwas wie eine intellektuelle Elite entstand, die gleichzeitig modern und vietnamesisch war. Erst als die Partei Ho Tschi Minhs Nord- und Südvietnam wieder zusammenführte und die Amerikaner vertrieben hatte, verschwand diese kulturelle Szene. Oder gibt es sie doch noch? Auch, wenn es nicht beabsichtigt war: Die Öffnung des kommunistischen Vietnams Richtung Westen bringt nicht nur Investoren und Unternehmen ins Land.

          Die stillen Amerikaner

          In der berühmten Dong Khoi Street, die zum „Majestic“ führt, findet man zwischen Boss und Chanel noch die alten vietnamesischen Häuser, schmal und hoch säumen sie das Trottoir. Ähnlich wie die Hinterhöfe in Berlin geben sie erst ihr Geheimnis preis, wenn man sich durch Gänge und über dunkle Treppen traut. Etwa in das „L’Usine“, das von einem Australier mit Wurzeln in Singapur in einer ehemaligen Fabrik der 1920er Jahre eröffnet wurde. Im Café im ersten Stock sitzen ungewöhnlich viele Westler, lesen Zeitung, essen Pulled Pork Burger oder Bruschetta. Im Shop kann man Weine, Lotionen und Shirts kaufen, alles „organic“.

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