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Kontrolle ist alles : Die Kunst, sich neu zu erfinden

  • -Aktualisiert am

Arlette Quynh-Anh Tran hat diesen Ort für ein Treffen ausgesucht, es ist einer ihrer liebsten, und auch das „L’Usine“ soll noch dieses Jahr abgerissen werden. Den französischen Vornamen hat Tran sich zugelegt, weil ihr echter für die Freunde aus dem Ausland so schwer auszusprechen ist. Von „Forbes“ wurde sie unter die einflussreichsten Vietnamesen unter 30 gewählt. Tran ist Künstlerin und arbeitet bei San Art – eine Künstlerorganisation, gegründet von den Kindern derer, die aus Vietnam flohen, als es kommunistisch wurde.

Seit zehn Jahren etwa kommen immer mehr dieser Expats zurück nach Vietnam, eröffnen Cafés, gründen Start-ups, machen Kunst. Obwohl sie hier auf schwierige Bedingungen treffen. „San Art wurde aus der Not heraus geboren“, sagt Tran. Denn freie Kunst ist im Land nicht vorgesehen. Es gibt wenige Orte außerhalb des offiziellen Systems, an denen Freischaffende ihre Werke zeigen können. Und keine staatlichen Förderprogramme wie Stipendien oder Residenzen. Tran ist in Berlin geboren, aber in Vietnam aufgewachsen, ging zum Studieren zurück nach Europa. „Hier bei uns lernt man an der Uni das Handwerk – aber nicht, seine Arbeit zu reflektieren und einen Stil zu finden.“

San Art tut genau das: Bietet Ausstellungsräume, lädt zu Workshops und Gesprächen mit anderen Künstlern ein, richtet ein Stipendiatenprogramm aus. Und hat sich so über die Landesgrenzen hinaus einen Namen gemacht.

Nichts geht ohne Genehmigung

Aber San Art muss wie alle anderen jedes Werk vom Kulturministerium genehmigen lassen, bevor es ausgestellt wird. Viele Formulare müssen die Künstler und Kuratoren ausfüllen, oft mehrmals vorsprechen. „Die fragen uns dann: Wieso könnt ihr nicht einfach Vasen mit Blumen malen?“ Kürzlich wurde die Ausstellung eines Stipendiaten abgelehnt – 18 Monate Arbeit umsonst. Zwar komme in Vietnam niemand für kritische Kunst ins Gefängnis. „Aber zu verbieten, dass jemand deine Werke sieht – diese Strafe ist schlimm genug für einen Künstler.“

In einer schmalen Gasse in Hanoi sitzen junge Menschen vor ihren Laptops im Café. Es heißt „Manzi“ und ist gleichzeitig eine Galerie. Vu Kim Thu stellt derzeit hier aus. Ihre Installationen stehen zwischen Klappstühlen und Blumentöpfen: zarte Linien auf dünnem Papier, das zu Tunneln und Schirmen verbaut ist, innen leuchten Lämpchen. Im oberen Ausstellungsraum steht ein ganzer Garten davon. Zu jedem dieser Traumgebilde gehört ein Formular. Auch sie mussten erst vom Kulturministerium abgesegnet werden.

Sozialismus und Kaptialismus schließen sich in Vietnam nicht aus

„Die Kunstpolizei kontrolliert uns“, erzählt Thu. Die junge Frau, die in den Vereinigten Staaten und Japan studiert hat, weiß nicht mehr, wie oft sie das erlebt hat: Eine Ausstellung wird eröffnet, die Stimmung ist gut, viele Gäste sind gekommen - da stoßen Beamte in Zivil dazu und hängen Bilder einfach ab oder schließen gleich die ganze Galerie. „Wir halten uns meistens daran und gehorchen.“ Manche aber, sagt Thu, mögen den Ärger sogar. „Für sie gehört das zum Selbstverständnis als Künstler.“ Die stellten die Werke einfach wieder auf. Bis die Polizei das nächste Mal kommt.

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