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Kommentar : Wir bleiben

  • -Aktualisiert am

Blick auf den zerstörten Alten Markt in Scharm al Scheich Bild: dpa/dpaweb

Reisen in Zeiten des Terrorismus: Die Touristen haben in den vergangenen Jahren der Bedrohung gelernt, mit dem Schrecken zu leben. Warum der Tourismus stärker ist als der Terrorismus.

          3 Min.

          Ein zynisches Gedankenspiel: Was wäre, wenn das Kalkül der Terroristen aufginge? Wie sähe die touristische Weltkarte aus, wenn die Bomben fanatischer Gotteskrieger alle Urlauber aus Ägypten und Tunesien, Marokko und der Türkei, Indonesien und Thailand, demnächst vielleicht auch aus Italien und Griechenland vertrieben hätten? Wenn sich niemand mehr traute, Städte wie London oder Madrid zu besuchen? Wenn die Welt des Reisens aus verbrannter Erde bestünde und die Menschen sich zu Hause verbarrikadierten? Was wäre, wenn man ihnen die Freiheit der Bewegung raubte, weil die Angst größer wäre als die Neugier? Das ist ein undenkbares Szenario im einundzwanzigsten Jahrhundert.

          Die Menschen verweigern sich diesem Szenario, selbst im Moment des größten Schreckens. Nach den Anschlägen von Scharm al Scheich hat nur ein verschwindend geringer Teil von Ägypten-Urlaubern die geplanten Ferien dort storniert. Und weniger als zehn Prozent der knapp fünftausend deutschen Touristen am Roten Meer nutzen die Möglichkeit, in den sofort bereitgestellten Sondermaschinen der Reiseveranstalter nach Hause zurückzukehren. Die Touristen bleiben und bringen ihren Urlaub zwischen Trümmern zu Ende. Manche sagen sogar trotzig, daß sie im nächsten Jahr wiederkommen wollten.

          Spiel mit der Angst der Urlauber

          Auf übereifrige Mahner wie den Vorsitzenden des Tourismusausschusses im Bundestag, den CSU-Politiker Ernst Hinsken, werden glücklicherweise die wenigsten von ihnen hören. Hinsken hatte nach den Anschlägen den Deutschen empfohlen, Urlaub im eigenen Land zu machen, bis sich die globale Sicherheitslage wieder beruhigt habe. "Wir waren jetzt jahrelang überall auf der Welt, da kann man doch ruhig auch einmal die Schönheiten des eigenen Landes bewundern", sagte Hinsken einer bayerischen Zeitung. Diese Forderung könnte man naiv nennen und als Wunschtraum eines patriotischen Kleingeistes abtun. Doch sie ist gefährlich, denn sie spielt mit der Angst der Urlauber und dem Feuer der Terroristen.

          Blick auf das beliebte Touristenziel Scharm al Scheich

          Die Touristen haben in den vergangenen Jahren der Bedrohung gelernt, mit dem Schrecken zu leben. Nach allen Attentaten gab es einen ähnlichen Mechanismus: Zunächst sank die Zahl der Besucher teilweise drastisch, doch nach zwei, spätestens drei Jahren erholte sie sich wieder und erreichte in den meisten Fällen das Niveau der Zeit vor den Attacken. Das war in New York nach dem Anschlag auf das World Trade Center so, auf Bali nach den Bomben auf zwei Nachtclubs, denen im Oktober 2002 mehr als zweihundert Menschen zum Opfer fielen, und auch auf der tunesischen Insel Djerba, auf der bei einem Attentat mit einem Tanklaster vierzehn deutsche Touristen beim Besuch einer Synagoge ihr Leben verloren.

          Ultimatium für Touristen

          In Ägypten, das schon mehrfach verheerende Terrorattentate erlebte, wird es nicht anders sein. Im September 1997 starben neun deutsche Urlauber und ihr ägyptischer Fahrer vor dem Nationalmuseum in Kairo, zwei Monate später wurden achtundfünfzig Touristen vor dem Hatschepsut-Tempel erschossen, doch der Fremdenverkehr fand wider Erwarten schnell zu alter Stärke zurück. Die Tourismusindustrie ist ihrerseits längst krisen- und katastrophenerprobt genug, um mit solchen Schlägen fertig zu werden. Sie kann ihre Kunden innerhalb weniger Tage zurückholen oder in andere Weltgegenden umdirigieren; besonders eindrucksvoll demonstrierte sie das nach dem apokalyptischen Tsunami-Desaster vom zweiten Weihnachtsfeiertag des vergangenen Jahres. Und der Kurs der TUI-Aktie, der gestern empfindlich nachgab, wird sich gleichfalls rasch erholen.

          Es ist falsch zu glauben, daß sich die Kartographie des Tourismus mit jedem Attentat verändere, daß es immer weniger Länder gebe, in denen man noch Urlaub machen könne, und die Welt von Al Qaida nach und nach in ein Minenfeld verwandelt werde. So lautet zwar das Kalkül der Fanatiker - auch nach den Bomben von Scharm al Scheich stellte ein Bekennerschreiben im Internet den Touristen ein Ultimatum, das Land zu verlassen -, doch paradoxerweise durchkreuzt gerade die Strategie des globalisierten Terrorismus diese perfide Rechnung. Denn in dem Maße, in dem der Terror weltumspannender wird und selbst Vorortzüge in Madrid oder U-Bahnen in London und damit potentiell den Städtereisenden auf Museumstour erreicht, schrumpft das vermeintlich sichere Terrain, das ein Ernst Hinsken vielleicht im Allgäuer Voralpenland oder an einem einsamen mecklenburgischen Tümpel vermutet. Die Botschaft der Bomben lautet: Wir erwischen euch überall. Der Umkehrschluß daraus heißt: Dann ist es auch gleichgültig, wo wir unseren Urlaub verbringen.

          Terrorismusbekämpfer in Badehosen

          Die Feriengäste, die jetzt in Scharm al Scheich bleiben oder demnächst ans Rote Meer fahren, sind deshalb weder heldenhafte Terrorismusbekämpfer in Badehosen noch skrupellose Holzköpfe, die trotz des Leids, der Toten und der Zerstörung ihren Spaß haben wollen. Es sind Menschen, die so reagieren, wie Menschen in Zeiten des Fanatismus nur reagieren können: mit dem Fatalismus des Überlebenswillens, mit einer intuitiven Abstumpfung, die ein Schutzmechanismus, kein moralisches Versagen ist. So banal diese Reaktion ist, so sehr ist sie die einzig richtige. Man muß dem Schrecken die Stirn bieten und ihn als tragische Routine des Lebens betrachten - in der Gewißheit, daß die Zeit nicht für die Bösen, sondern für die Guten läuft. Denn je öfter die Waffe des Terrorismus zusticht, um so stumpfer wird sie.

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