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Kolumne „Ausgepackt“ : Der arme Kaiser

Bild: AFP

Die Armee der Terrakottakrieger von Xian ist weltberühmt. Doch die Geschichte dahinter ist traurig. Im Angesicht des vielleicht größten dreidimensionalen historischen Puzzles der Welt.

          3 Min.

          Da stehe ich also in dieser Halle, die aussieht wie etwas, in dem Flugzeuge gewartet werden, umwimmelt von sehr vielen Chinesen und einigen anderen Besuchern. Von irgendwoher tönt es: „Ei knipste misch mol do!“, das ist das dunkel rollende Südhessisch des Rieds um Groß-Gerau, die Sprache Georg Büchners, ich weiß, ich will es aber gerade nicht hören. Es ist hier schon alles düster genug, von Inszenierung kann keine Rede sein, und ich würde gern ein Foto machen, kann mich aber nicht zum Geländer vorkämpfen. Ich sehe nur Gräben aus Lehm, auch auf den Fotos wird man nichts als Gräben aus Lehm sehen, und darin steht das angeblich achte Weltwunder ziemlich profan herum. Immerhin hat das angeblich achte Weltwunder „very clean toilets“, wie unsere Gästeführerin Erin nicht müde wird zu betonen. Und sie hat ja auch recht, das ist nicht selbstverständlich und bei zehntausend Besuchern pro Tag mindestens das neunte Weltwunder.

          Ich gebe mir große Mühe, in diesem chinesischen Hangar einen Platz am Geländer zu erkämpfen, zwischen Menschen und Smartphones und iPads und Familienvätern mit Teleobjektiven. Schließlich schaue ich in den Graben. Da stehen die Terrakottakrieger von Xian und sehen bei weitem nicht so eindrucksvoll aus wie bei der Replikenausstellung damals im Frankfurter Palmengarten. Ich umrunde das ganze Grabungsfeld, weiter hinten kann man Archäologen dabei zuschauen, wie sie gerade ein weiteres Segment freilegen. Seit 1974 tun sie das Stück für Stück, bergen Scherben und rekonstruieren die Figuren. Die Terrakottaarmee ist das größte dreidimensionale Puzzle der Welt, wenn man so will. Dieser hintere Teil der Halle sieht auch ein wenig improvisiert aus, er wird von einem jungen Mann in Uniform bewacht, der an einem einfachen Schreibtisch mit beigefarbenem Telefon steht, und abwechselnd an einem Smartphone herumspielt und streng guckt. Er wäre, denke ich, ein prima Symbolbild für das gegenwärtige China.

          Unschlagbares Understatement

          Weltwunder haben die ungute Tendenz, einen zu enttäuschen. Das liegt nicht selten daran, dass sie von sehr vielen Menschen besucht werden. Im Idealfall aber ist man nahezu allein. Die große Pyramide von Gizeh teilte ich mir kurz nach dem Sturz Mubaraks mit ein paar Pyramidenfegern und einer alten koreanischen Dame, die sich mit Hilfe ihres Sohnes die Stufen hinaufkämpfte. Die Dame war zwar sehr gebrechlich, aber auch sehr entschlossen. Ich kam wegen der Dame nur sehr langsam voran, aber dadurch hatte ich viel Zeit, mir das Pyramideninnere anzuschauen, diese einfachen, schmucklosen Steinstufen, die das einzige sichtbare Ornament in diesem Steinklotz waren. Genauso, dachte ich, baut ein moderner Architekt, wenn er etwas Beklemmendes bauen will. Aber das hier ist richtig alt, vielleicht das älteste Gebäude, für das man sich einfach so eine Eintrittskarte kaufen und hineingehen kann. Und manchmal versteht man das dann plötzlich, man versteht, dass man nicht in einer pyramidenförmigen Rekonstruktion herumläuft, sondern in etwas Echtem. Man sieht etwas anderes, als man sah, als man sich nur Bilder davon anschaute. Wie dieser Moment zustande kommt und ob er überhaupt zustande kommt, ist völlig unklar. Aber vermutlich hat er etwas mit wimmelnden Menschen und Kameras und Personenleitsystemen zu tun.

          Es gibt in Xian eine weitere Halle, etwas weniger hangarartig als die erste, dafür von der staatstragenden Muffigkeit öffentlicher sozialistischer Großbauten der siebziger Jahre. Man läuft über Marmorplatten ein Stahlgeländer entlang und schaut von bastionsartigen Vorsprüngen in die punktuell erleuchtete Tiefe, in der die zerschmetterten Terrakottateile herumliegen. Ein paar fertig gepuzzelte Krieger stehen hinter Glas am anderen Ende der Halle, stetigem Blitzlichtgewitter ausgesetzt. Wer nicht die Ellbogen einsetzen will, sieht nur ihre Köpfe. Mannshohe Jadekrieger stehen in einem Seitengang vor abgebröckelter Wand, zwischen Feuerwehrschlauch und Leuchtkastenwerbung. Ich habe schon viel Understatement gesehen, aber diese Jadekrieger sind so ziemlich die am brimboriumlosesten präsentierten Exponate, die mir je unterkamen.

          Zwei Monate als Leiche in der Sänfte

          Das sind also die Terrakottakrieger, denke ich und bemühe mich sehr, auratisch erfasst zu werden. Dann ist auch schon wieder Erin da und will zeigen, wie viel sie über die Krieger weiß. Achtunddreißig Jahre lang, sagt Erin, habe man an diesem Grab gebaut. Und war das nach dem Tod des Kaisers, frage ich. Nein, sagt Erin. Üblicherweise fängt man mit dem Bau eines Grabes an, wenn der Nachfolger des Kaisers noch ein kleiner Prinz ist. Das Grab ist dann schon fertig, er kann jederzeit sterben.

          Es wimmelt immer noch um mich herum, und das ist gut, sollen die Menschen wimmeln und reisen und fotografieren und laut sein und ihre Ellenbogen einsetzen. Alles ist besser als ein Leben, das daraufhin ausgerichtet ist, einmal ein möglichst prächtiges Grab zu beziehen. Man kommt auf die Welt, wird mit dreizehn König und gibt dann schon mal ein Mausoleum in Auftrag. Mit dreizehn Jahren. Und plötzlich ist es völlig egal, wie trostlos diese Lehmgruben präsentiert werden, nichts ist trostloser als das Leben des Qin Shihuangdi, immer mit dem Blick auf sein Grab und gleichzeitig in panischer Angst vor dem Tod. Er starb auf einer Inspektionsreise, halb wahnsinnig vom Quecksilberkonsum, das er regelmäßig als Heilmittel einnahm, und wurde zwei Monate lang als Leiche in einer Sänfte herumgetragen, weil man fürchtete, nach seinem Tod könnte es zu Aufständen kommen. Der große Kaiser war klein und versteckte sich im Tod hinter dieser tönernen Armee. Manchmal braucht es nur einen Satz, um zu verstehen, was eigentlich vorgeht, und alles sieht mit einem Mal anders aus.

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