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Wintersport : Ist Skifahren noch zeitgemäß?

Es ging um den Stil und die Kosten. Aber hat man das Skifahren jemals in Frage gestellt? Bild: Picture-Alliance

In den Alpen beginnt die Wintersaison mit den üblichen Superlativen. Doch zwischen all den Liften, Pisten und Schneekanonen taucht immer öfter die Frage auf, ob der Wintersport überhaupt eine Zukunft hat.

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          In den vergangenen vierzig Jahren hat man sich verschiedenste Fragen gestellt: Fährt man auf Snowboards oder Ski die Hänge hinab? Schwingt man auf kurzen, langen, schmalen oder breiten Ski? Trägt man dazu knallrote Jethosen, giftgrüne Overalls oder lumumbabraune Kapuzenjacken? Und tun man das an Weihnachten, im Februar oder an Ostern, in Bayern, Tirol oder in den Dolomiten? Einige sind nach Genf, Klagenfurt oder Turin geflogen, weil es genauso viel gekostet hat wie eine Autofahrt nach Innsbruck. Das hat sich merkwürdig angefühlt, aber keiner hat es in Frage gestellt. Man hat es im Freundeskreis erzählt, für den Status oder weil es so grotesk war, aber nicht weil damit ein Problem verbunden sein könnte. Es ging in all den Fragen also um das Wie, das Wo und das Wann. Es ging um den Stil und die Kosten. Aber die Frage, ob es grundsätzlich falsch sein könnte Ski zu fahren und ob man diese schönste und eleganteste aller Sportarten besser bleiben lassen sollten, die hat man sich nicht gestellt. Bis jetzt.

          Andreas Lesti

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Global Warming, CO2-Fußabdruck, Flugscham, Kompensation, Greenwashing und Greta-Hype – neue Begriffe sind in unser Leben getreten und Forscher mahnen immer eindringlicher davor, dass wir den Planeten an die Wand fahren, wenn nicht ein paar Regeln eingehalten werden. Was sie meinen wird einem seit einiger Zeit auch in der Berg-Idylle erschreckend deutlich klar: Die Alpen zerbröckeln regelrecht, weil die Null-Grad-Grenze im Sommer mittlerweile auf über fünftausend Meter steigt und an den höchsten Gipfeln am Permafrost nagt. Aus den erhabensten Gipfeln brechen riesige Felsen heraus und stürzen ins Tal, Muren verschütten Straßen, ganze Bergdörfer rutschen ab, Baum- und Schneegrenzen wandern nach oben und majestätische Gletscher schmelzen dahin wie Eiswürfel im Backofen.

          Gibt es Kompromisse?

          Und zwischen all diesen Nachrichten beginnt nun die neue Wintersportsaison und tut überwiegend so, als würde sie das alles nichts angehen. In ihrer Superlativlogik preist die Branche die höchsten und größten Skigebiete, die längsten Skipisten und schnellsten Seilbahnen. Riesige Gebiete schließen sich zusammen, um die Allergrößten zu werden, nur, um den Titel im nächsten Jahr an einen dann noch größeren Konkurrenten abzugeben.

          Beschauliche Anfänge des Wintertourismus. Inzwischen fahren jedes Jahr fast 50 Millionen Wintersportler in die Alpen.

          Es ist wie ein Wettrüsten, lange nach Ende des Kalten Krieges. Aber auch wie ein Aufbäumen gegen den drohenden Untergang, weil die Branche an dem Ast sägt, auf dem sie sitzt. In Abwandlung des Enzensberger-Satzes zerstören wir den Schnee, den wir suchen, indem wir ihn finden – oder, indem wir uns überhaupt erst auf den Weg zu ihm machen und für einen Skitag im Auto in irgendein entlegenes Tal fahren, was den Hauptanteil des CO2-Ausstoßes hinterlässt (je nach Strecke bis zu 85 Prozent). Somit ist auch der vermeintlich unverdächtige und naturverbundene Skitourengeher, der Seilbahnen und Schneekanonen ablehnt, aber mit seinem alten Volvo anreist, ein Klimasünder.

          Aber muss man wirklich so schwarz sehen? Ist Skifahren so klimaschädlich, dass die Lösung nur Verzicht lauten kann? Verzicht auf intensive Erlebnisse voller Lebensfreude, in einer großartigen Natur im strahlenden Schneeweiß? Oder gibt es Kompromisse, wenn man die Anreisen klimafreundlich gestaltet, nur Naturschneegebiete ansteuert und keine Lifte benutzt?

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