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Wintersport : Ist Skifahren noch zeitgemäß?

Spaß und Sport sind der Fokus

Nicht, wenn es nach Leonie Bremer geht. Die 22-Jährige ist Bundespressesprecherin von Fridays for Future in Deutschland und war bis vor drei Jahren Snowboarderin und regelmäßig in Österreich im Urlaub. „Ich habe das super gerne gemacht“, sagt die Studentin „aber ich habe aus Klimaschutzgründen damit aufgehört.“ Wir telefonieren, im Hintergrund ist es laut, sie ist gerade auf der Welt-Klimakonferenz in Madrid, um eine konsequente Klimapolitik einzufordern. „Die Abholzung für die Pisten, der Kunstschnee, der täglich mit viel Energie produziert wird, der dramatische Eingriff in die Natur, die Zerstörung des Berges – das kann alles niemals klimaneutral werden“, sagt Bremer. Und daher gebe es auch keine Kompromisse: „Mein Gewissen ist nicht im Reinen, wenn ich das tue.“ Und es bringe auch nichts, das Bewusstsein für alternative Anreisen und die Natur, in der man sich als Wintersportler bewegt, zu schärfen. „Spaß und Sport sind hier der Fokus“, sagt Leonie Bremer und es klingt ziemlich entzaubernd – Skifahren bekommt den gleichen Verbotsstempel wie Langstreckenflüge und Rindersteaks.

Wie geht es weiter? „Schon die nächste Generation wird Wintersport in der heutigen Form wohl nicht mehr betreiben können“, sagt ein Klimaforscher.
Wie geht es weiter? „Schon die nächste Generation wird Wintersport in der heutigen Form wohl nicht mehr betreiben können“, sagt ein Klimaforscher. : Bild: Picture-Alliance

Die expandierenden Skigebietbetreiber in den Alpen haben für Leonie Bremers konsequente Haltung vermutlich soviel Verständnis wie ein schmelzender Gletscher für einen Jahrhundertsommer. Immerhin geht es um ein riesiges Geschäft. 48,2 Millionen Wintersportler gibt in den Alpen. Die kommen jedes Jahr auf 158 Millionen Skitage, wie ein Forschungsprojekt der Sporthochschule Köln herausgefunden hat. Sie verteilen sich auf 1300 Skigebiete (so viele zählt der Schweizer Analyst Laurent Vanat), die mit rund zehntausend Liften und fünfzigtausend Schneekanonen betrieben werden.

Das Kernland des Wintertourismus ist nach wie vor Österreich. Und das Kernland Österreichs ist Tirol. Daher sieht Felix Webhofer, der sich für Fridays for Future in Innsbruck engagiert, die Lage nicht ganz so absolut wie Leonie Bremer. „Die meisten Menschen leben hier vom Wintersport“, sagt der 19-jährige Zivildienstleistende und er selbst sei auch „begeisterter Skifahrer“. Er fordert ein Umdenken, sowohl bei der Anreise, als auch beim Vorgehen einiger Skigebiete: „Muss ich von München aus zum Beispiel im Auto bis nach St. Anton fahren? Und muss man in Kitzbühel den Schnee per Helikopter anliefern?“

Die Kritik scheint zumindest nicht ganz an den Wintersportgebieten vorbei zu gehen. Erstmals thematisieren einige wenige Klimaaspekte, erinnern an die Bahn-Anreise und Alternativen zum Skifahren: Langlaufen, Schlittenfahren und, ganz hoch im Kurs, Winterwandern. Das Mieminger Plateau in Tirol hat schon vor Jahren alle Lifte abgebaut und sich für „saften Wintertourismus“ entschieden. Die Gäste kommen trotzdem. Nur ein paar Täler weiter liegt Ischgl. Die selbsternannte „Lifestyle-Metropole der Alpen“ bezeichnet sich nun gleich als „größtes klimaneutrales Skigebiet“. Der Kohlendioxid-Ausstoß der Bergbahnen würde durch ein Aufforstungsprogramm im eigenen Tal ausgeglichen und der Strom käme aus erneuerbaren Energien, heißt es. Das klingt ein bisschen nach Greenwashing und Imagepflege, so wie es die Kreuzfahrtbranche gerade praktiziert. Auch deshalb, weil Ischgl nicht unbedingt für sein Klimabewusstsein bekannt ist. Noch vor sechs Jahren hat man dort die Bahn auf den Piz Valgronda gebaut – allen Umweltbedenken zum Trotz. Aber, das muss man der „Lifestyle-Metropole“ lassen, sie hat im Gegensatz zu vielen anderen erkannt, dass sie sich mit diesen Themen auseinander setzen muss.

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