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Wände hoch!

Von LARS FEHLANDT

11. April 2021 · Klettern vor der Haustüre: Das geht in Deutschland überraschend gut. Etwa in den Steinbrüchen der Osteifel.

Die Zeiten, in denen wir uns beinahe jeden Abend in der Kletterhalle trafen, um nach einem langen Arbeitstag gemeinsam zu trainieren, sind vorbei. Die Hallen sind seit Monaten geschlossen, und die Kraft in den Fingern hat bereits im Sommer fast so nachgelassen wie der Wert der Wirecard-Aktie. Einige von uns halten sich an über den Türen in der Wohnung angebrachten „Kletter­boards“ fit, mit ein paar Klimmzügen am Türrahmen oder einem schnellen Quergang an Nachbars Trockensteinmauer – aber einem Klettertraining mit Freunden ist das nicht gleichzusetzen.

Klettern kennt kein Alter – aber jeder, der sich am Seil die Wand hochbewegt, sollte seine Grenzen und Fähigkeiten kennen.


Doch seit einigen Wochen sind ein paar Klettergebiete wieder freigegeben, und die Outdoor-Klettersaison wurde offiziell eingeläutet, wenngleich auch mit den schon fast zur Gewohnheit gewordenen Einschränkungen und AHA-Regeln. Und es zeigt sich, dass es nicht immer die Alpen oder das Alpenvorland sein müssen. Auch in Mittel- oder Norddeutschland finden sich inter­essante Möglichkeiten, und selbst in großen Städten wie Berlin, Frankfurt und Hamburg sieht man nun immer mehr Kletterer, die mit Seil und Karabiner an Flaktürmen, Brücken, Mauern oder Fassaden emporklettern. Mitten in Köln kann man, vorausgesetzt man ist Mitglied des Deutschen Alpenvereins, an dem Deutzer Brückenkopf der Hohenzollernbrücke oder an der Kaimauer im Niehler Hafen klettern. In Deutz benötigt man nur ein paar Bandschlingen, Seil, Gurt, Sicherungsgeräte, einen Sicherungspartner, und schon kann man ein paar Routen begehen. Auch im Sauerland, in Niedeggen (Nordeifel) oder in Gerolstein (Hustley) gibt es einige attraktive Kletterspots. Immer unter Beachtung der örtlichen Einschränkungen – einfach drauflosklettern geht nicht.

Ordnung ist alles, auch in der freien Natur: Sicherungsgerät und Karabiner gehören wie Kletterschuhe zur Grundausstattung. Wer ohne Seil auf Absprunghöhe klettert, bouldert - und legt sich am besten über ein paar weichen Matten zurecht.


Und auch wer einen Schritt weiter gehen will und sich an naturgegebene Kletterwände wagt, muss nicht zwingend nach Bayern oder Baden-Württemberg. Ganz besondere und überraschend hohe Kletterwände finden sich etwa im rheinland-pfälzischen Mayen in der Osteifel, im Vulkanpark zu Füßen des Hochsimmern. Die alten Basaltsteinbrüche eignen sich perfekt zum Freiklettern. Die ältesten stammen aus der Keltenzeit, um etwa 450 vor Christus, die meisten jedoch aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Wegen der Nähe zum Rhein wurden hier bereits in der Römerzeit Reib- und Mühlsteine gehandelt. Viele der ungenutzten Steinbrüche besitzen noch die alten Abbaukräne und lassen erahnen, dass die bis zu 30 Meter hohen Felswände nicht immer zur Freizeitgestaltung sportbegeisterter Anwohner und Besucher genutzt wurden.

Allein mit dem Stein, aber durch ein Seil gesichert: Kletterer in der Osteifel.
Allein mit dem Stein, aber durch ein Seil gesichert: Kletterer in der Osteifel.


Bei Kletterern sind vor allem drei Örtlichkeiten besonders beliebt. Wer nicht in schwindelnde Höhen steigen möchte und lieber auf Absprunghöhe ohne Seil klettert, für den bietet sich das Bouldergebiet Glees an (bei Wassenach). Das Gebiet erstreckt sich entlang eines Hangs über etwa zwei Kilometer Länge, jedoch ist das Absprunggelände nicht immer optimal. Wem das Klettern mit Seil im Vorstieg lieber ist, sollte sich im Kottenheimer Winfeld umsehen. Glatte Felsspalten, Überhänge und Kamine verteilen sich an einer Vielzahl von Felswänden. Karabiner klackern, Seile reiben über den Fels, und Kletterer versuchen sich hier an Routen unterschiedlichster Schwierigkeitsgrade. Doch die spektakulärste und meistbesuchte Wand befindet sich im dritten Gebiet, der Ettringer Lay. Wer den gelbbraunen Fels mit seinen Kanten und Vorsprüngen sieht, der wähnt sich eher im Yosemite Valley in Kalifornien als in der Osteifel. Und die „Große Wand“, die eine Unmenge an Riss-, Verschneidungs- und Kantenklettereien an griffigem Basalt bietet, mutet ein wenig an wie ein Ausschnitt aus der berühmten El-Capitan-Kletterwand.

Die „Große Wand“ ist 30 Meter hoch und die Herausforderung für Kletterer in der Osteifel. Es gibt rund um Mayen aber auch weniger anspruchsvolle Kletter- und Boulder-Routen.


Hier sollte man also wissen, was man tut, sollte wissen, wie man sich im sechsten, siebten oder achten Schwierigkeitsgrad bewegt, sollte Sicherungstechniken beherrschen und das geeignete Material dabeihaben: Für einige Routen benötigt man neben den obligatorischen Expresssets („Exen“) auch Klemmkeile und „Friends“ (Klemmgeräte) in verschiedenen Ausführungen. Der Kletterführer „Schwarze Säulen“, der über 1300 Kletterrouten an den verschiedenen Sektoren illustriert, hilft sowohl bei der Einschätzung der Schwierigkeit als auch bei der Auswahl der Ausrüstung.

Es geht aber auch weniger extrem: Der Vulkanpark ist auch für seine Wanderwege, die „Traumpfade“ oder „Traumpfädchen“, bekannt. So können auch Wanderer, geleitet von einer hervorragenden Beschilderung, in die geologische Vergangenheit der Eifel eintauchen. Ein Spaß für die ganze Familie – mit spektakulären Blicken auf die Kletterer in den Felswänden.

Eine genaue Liste der Gebietsregeln im Vulkanpark beschreibt Peter Grabowitz auf seiner Internetseite www.gleesbouldering.com.

Unter www.traumpfade.info bietet der Tourismusverband Mayen-Koblenz eine Ansicht der Wanderrouten im Vulkanpark.

Unter klettern-ettringen.de findet sich eine „Routendatenbank“ mit Kurzbeschreibungen von 1700 Routen im Gebiet Ettringen, Kottenheim und Mayen.

„Schwarze Säulen“ heißt der deutsch- und englischsprachige Kletterführer von Alexander Schmalz-Friedberger. Er beschreibt 1400 Routen rund um Mayen; Geoquest, 26 Euro, ISBN: 978-3000181863

Fotos: Lars Fehlandt


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Quelle: F.A.S.

Veröffentlicht: 21.04.2021 09:43 Uhr