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Klettern am Gardasee : Wandern war nicht ausgemacht

  • -Aktualisiert am

Der See ist kalt, der Fels ist warm: An den Steilwänden des Gardasees stoßen auch pubertierende Jugendliche an ihre Grenzen – und werden ganz schnell kleinlaut Bild: Helmut Luther

Eine Klettertour am Gardasee mit den halbwüchsigen Söhnen verläuft nicht immer reibungslos - ein einmaliges Erlebnis ist es trotzdem. Über Männer-Seilschaften.

          Lieber noch Kind sein oder doch schon erwachsen? Sich auf Papas Knie setzen oder eher den coolen Jugendlichen hervorkehren? Im Ausloten dieser Pole werden die folgenden Tage ziemlich abwechslungsreich sein. Zwei Brüderpaare, die zugleich Cousins sind: Valentin und Lenz sowie Michael und Jakob - gemeinsam mit ihren Vätern wollen sie zwei Tage lang am Gardasee klettern. Jakob ist mit dreizehn Jahren der Jüngste in der Gruppe, sein Bruder Michael ist sechzehn, genauso wie Lenz; Valentin wird im Sommer vierzehn Jahre alt. Unsere Jungs werden in diesen Tagen oft „geil“ und „krass“ sagen, sich genervt von uns Vätern zeigen. Aber das ist nicht böse gemeint, die Stimmung wechselt, und die Kleineren sind plötzlich sanft und anschmiegsam, egal, was die Größeren darüber denken mögen. Gemeinsam werden alle vier ein neues Spiel erfinden, das „Aufzugfahren“. Dabei sprinten sie, nur durch ein Kletterseil verbunden, das durch einen Haken läuft, in Zweierteams parallel über eine vielleicht 45 Grad steile Felswand. Der eine rennt hinauf, der andere hinunter, das schnellere Team gewinnt.

          In den vergangenen Wintermonaten haben wir oft zusammen in der Kletterhalle trainiert. Jetzt, da es draußen wieder wärmer wird, wollen wir einen richtigen Kletterberg bezwingen. Eine neue Herausforderung. Da ist es praktisch, dass Heinz, der andere Vater, in jüngeren Jahren als Bergführer gearbeitet hat. Er wird am Gardasee unser Führer sein und hat eine Tour ausgewählt, die er uns allen zutraut.

          Riesiger Schneckenpanzer

          Im Einkaufszentrum bei Rovereto kommen zum ersten Mal Urlaubsgefühle auf - beim Kauf von Süßigkeiten. Den Restproviant, Müsliriegel, Brot, Käse sowie Wurst, haben die daheim gebliebenen Mütter besorgt. Und obwohl die Strecke von Südtirol zum Gardasee nicht allzu lang ist, liegen in unserem Campingbus, in dem wir alle sitzen, schon kurz vor der Ankunft lauter leere Gummibärchenpackungen und Schokoladenpapiere herum. Was Sauberkeit und Ordnung anbelangt, ticken wir alle ähnlich. Daheim werden wir das Familienauto gründlich reinigen, hier herrschen andere Regeln.

          Während wir die Haarnadelkurven bei Nago hinunterschaukeln, legt die Jugend endlich ihre Smartphones zur Seite. Zu überwältigend ist der Blick auf den Gardasee, auf dessen dunkelblauen Wellen Dutzende Segelboote dümpeln. Im Hintergrund ragen schroffe Felswände empor, ganz oben glitzern weiße Schneemützen. Wegen des milden Klimas und der meist kurzen Zustiege sind die Kalkwände rund um das nördliche Gardaseeufer ein Klettereldorado. Es gibt unzählige Möglichkeiten, vom Naturfelsklettergarten für Anfänger bis zu schwierigsten Touren durch hohe Felswände, die nur etwas für absolute Könner sind.

          Wir beginnen mit dem Monte Baone. Vor einem steinernen Brunnen in Chiarano, einem Ortsteil von Arco, parken wir unseren Wagen. Schlüpfen in die Klettergurte und wickeln uns das Seil um die Schultern. Mit umgehängten Karabinern und Expressschlingen - sie dienen zum Sichern - stapfen wir an Trockenmauern vorbei durch tunnelartige Hausdurchgänge in Richtung Kletterfelsen. An den Hüften der Buben klimpern metallene Klemmkeile sowie mechanisch verstellbare Klemmapparate, die „friends“ heißen. Normalerweise benötigt man sie nur in großen Felswänden, der Nachwuchs aber weiß, dass er damit cool aussieht, und erntet anerkennende Blicke von entgegenkommenden Wanderern. Rings um den Monte Baone dehnen sich Olivenwälder aus, in der Luft schwebt Blütenduft, Bienen umschwirren die aufgeplatzten Knospen eines Mandelbaumes. Links an einem mächtigen Felssporn kleben die Überreste des Castello di Arco, uns zu Füßen stapeln sich Chiaranos Häuser. Mit seinen rot leuchtenden Ziegeldächern und den gewundenen Gassen ähnelt das Ensemble einem riesigen Schneckenpanzer. Finden zumindest wir Erwachsene. Der Nachwuchs hat sich schon zu Zweierseilschaften formiert. Und nachdem unser Bergführer noch einmal alle Knoten kontrolliert und zur Wachsamkeit ermahnt hat („die meisten Kletterunfälle passieren wegen Konzentrationsfehlern!“), stürmen die Jungs los.

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