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Showroom in Murano : Höhenflug durch die gläserne Decke

  • -Aktualisiert am

Eine erkleckliche Anzahl von Glasgeschäften in Murano ist inzwischen im Besitz asiatischer Kaufleute. Bild: Picture-Alliance

Die Schwestern Sent fertigen Glasschmuck und -kunst in einer Welt, in der Männer und die Konkurrenz aus dem Osten dominieren: dem venezianischen Murano.

          Kleine Glaskugeln, dicht aneinandergeschmiegt. Ein Geflecht wie aus Seifenblasen, die im Licht changieren. Und das Schönste daran: Sie zerplatzen nicht. Marina und Susanna Sent legen uns ihre „bolle di sapone“ als Geschmeide um den Hals. Damit wir wissen, dass auch so zarte Stoffe, wie es Seifenblasen und Träume sind, nicht unbedingt zerschellen. Sie selbst haben es bewiesen. Die Schwestern haben sich nie entmutigen lassen und gelten heute als äußerst innovative Designerinnen: Ehre und Anerkennung in einer immer noch von Männern dominierten Welt wie dem venezianischen Murano.

          Marina und Susanna tragen die Liebe zum Glas in den Genen. Großväter und Vater galten als talentierte „artisti del vetro“. Kein Familientreffen ohne ausgiebige Diskussionen über aktuelle Muster, Formen und Verfahrensweisen. Lähmend, wie die zwei Jüngsten der Runde befanden. Sie entschieden sich für eigene Wege. Bis es sie doch in die väterliche Firma zurückzog. Aus einer Laune heraus begannen sie, Halsketten, Ohrringe und Armbänder zu entwerfen, zunächst nur für sich und ihre Freundinnen. „Das war Liebhaberei, nichts Ernstes“, erzählt Susanna. „Wir haben einfach einiges ausprobiert und dabei von den Techniken profitiert, die uns papà gezeigt hat.“

          Wer echte Murano-Ware in seinen Auslagen drapiert, bringt Schilder an: „No pictures, please!“

          Die wirkliche Emanzipation von der Familie gelang, als die beiden an der Fondamenta Serenella ihre eigene Werkstatt einrichteten: ein lichtdurchflutetes Gebäude mit Blick auf die Lagune, auf die Friedhofsinsel und die Häuser und Türme von Venedig. Seit 1993 entwerfen und produzieren sie dort Schmuck, der in unsere Zeit passt, mit klaren Formen und ohne den Zierrat und die Dekorationen, die an den klassischen Murano-Bijouterien etwas altmodisch wirken.

          Die Aufgaben sind klar verteilt. Susanna hat den künstlerischen Part übernommen, Marina den praktischen. Das Zusammenspiel ist eng. „Marina holt mich zurück, wenn ich zu sehr abhebe“, lacht Susanna. „Ständig erklärt sie mir, dass meine Ideen nicht zu realisieren sind. Während ich mich nicht beirren lasse. Außer wenn sie recht hat.“ Die Schwestern grinsen. „Es ist bei uns wie bei einem Auto“, kontert Marina. „Susanna gibt Gas, und ich steige auf die Bremse.“

          Ja, das kann man anziehen: ein Kleid aus Glas.

          Eine erfolgreiche Strategie. Die Ketten und Armbänder liegen in den Shops berühmter Museen von Mailand über Wien bis nach New York. Und man sieht sie auf den Catwalks italienischer Modeschöpfer. Inzwischen haben die Sents die Kollektion um Vasen, Schalen und Objekte erweitert, die wie Skulpturen im Raum hängen. Das Kleid der Penelope etwa, ein aus hellen Glassteinen fabriziertes Gewand, magisch in der filigranen und zugleich kraftvollen Wirkung: ein Symbol für den verletzlichen Körper mit seiner zarten Haut, den ein fragiler Panzer schützt.

          Murano kämpft mit der Konkurrenz aus dem Osten

          Inspirationen schleichen sich langsam an, sagt Susanna. Glas ist ein Material mit starkem Eigenleben, da ist wenig vorhersehbar. Jeder Entwurf wird zum Kampf – mit Rückschlägen und mit beglückenden Sprüngen nach vorne. Ihre Arbeiten wurzeln in der alten Handwerkskunst, wie sie sich über die Jahrhunderte entwickelt hat. Das für die Kreationen benötigte Glas wird speziell für sie produziert, ehe der eigentliche Gestaltungsprozess beginnt und das Rohmaterial verschmolzen, sandgestrahlt, gekerbt oder geschliffen wird.

          „Gegensätze faszinieren uns.“ Marina und Susanna kombinieren Glas mit Polyester, Leder oder Kautschuk, was überraschende Effekte freisetzt. Die Kontraste von hart und elastisch werden sichtbar, von dichter Kolorierung und Transparenz. Ein Ausloten von Stärke und Schwäche, ein augenzwinkerndes Statement in Sachen Identität. Schmuck für Frauen mit Eigenart und dem Selbstbewusstsein, sich nicht in gängige Rollenbilder zu fügen.

          Bereits Großväter und Vater der Schwestern galten als talentierte „artisti del vetro“ - wie viele Männer in Murano.

          Bei Details zu ihren Entwürfen bleiben Marina und Susanna zurückhaltend. Murano kämpft mit der Konkurrenz aus dem Osten. Eine erkleckliche Anzahl von Glasgeschäften ist inzwischen im Besitz asiatischer Kaufleute. Wohlfeile Massenware, schlecht ausgeführt und wenig originär im Design. Wer echte Murano-Ware in seinen Auslagen drapiert, bringt Schilder an. „No pictures, please!“ Doch die Bitte verhallt. Alles wird kopiert und verramscht. Nur nicht ärgern, die Sents geben sich einen Ruck. In ihrem Showroom herrscht eine entspannte, aufgeräumte Stimmung der Betriebsamkeit. Dass in der angeschlossenen Werkstatt ausschließlich Frauen tätig sind, versteht sich fast schon von selbst. Die temperamentvollen Schwestern setzen auch da Zeichen. Sie schreiben Geschichte, lässig und leichthändig. Ihre Preziosen sind eine Liebeserklärung an Murano und Venedig und zugleich ein Höhenflug durch gläserne Decken.

          Gläserner Showroom

          Marina und Susanna Sent, Show-Room Fondamenta Serenella 20, Murano, Venedig, www.marinaesusanna.sent.

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