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Familienreisen : Kinder, Pizza, Sensationen

Fröhliche Artisten in der Manege - und den Eltern macht das Zuschauen mindestens eben soviel Spaß wie ihren Kindern das Zirkusleben. Bild: Archiv

Jeden Sommer kommt der Hamburger Zirkus Mignon nach Sylt und baut bei Wenningstedt seine Zelte auf. Nachmittags und abends gibt es wunderbare Vorstellungen. Vormittags werden Kinder zu Artisten ausgebildet.

          7 Min.

          Manchmal fragen sich die Ferienkinder auf Sylt, was Martin Kliewer denn nun eigentlich getan habe, außer hin und wieder vorbeizuschauen, während sie ihre Nummern probten, sie anzulächeln und zufrieden mit dem Kopf zu nicken oder streng den Zeigefinger zu heben, wenn sie nicht ordentlich in einer Reihe gingen, und dann in letzter Sekunde die Musik für den Einmarsch in die Manege zu ändern, obwohl er dafür doch fünf Tage Zeit gehabt hätte. Und nun musste plötzlich alles noch einmal geprobt werden, weil der Rhythmus ein ganz anderer war. Was also habe er eigentlich getan, außer vielleicht noch die Eintrittskarten für die Veranstaltung abzureißen und beim Süßigkeitenverkauf im Eingang auszuhelfen. Und natürlich hat er die Einführung gehalten, am ersten Tag, als er jedem Mut machte, nicht gleich zu verzweifeln, wenn etwas nicht klappe, und als er warnte, dass sich das Karussell draußen vor dem Zelt sehr schnell drehe und mancher schon heruntergefallen sei, vor allem Erwachsenen würde das immer wieder passieren. Aber ist das wirklich genug, fragen die Kinder, dass ausgerechnet er sich am Ende der Gala vor sie stelle, vor hundertsechzig Kinder insgesamt, alle wunderbar gekleidet in farbenfrohe, fröhliche Kostüme, er in Frack und Leopardenfellstiefel, und nun den Applaus für ihre Arbeit ernte? Wer ist dieser Mann überhaupt? Und die Eltern sagen den Kindern, dass das doch gar nicht stimme. Dass das doch ihr Applaus gewesen sei, für ihre Aufführung, für ihren Abend, für ihre Show. Aber dass sich der Herr Kliewer dazugestellt hat, das sagen die Eltern auch, habe unbedingt seine Richtigkeit. Und wer ist er nun?

          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Bürgerlich gesehen, sagt Martin Kliewer, müsse man ihn wohl als Sozialunternehmer bezeichnen. Aber seit das Finanzamt Hamburg im März 2001 seinen Zylinder als Berufsbekleidung anerkannt hat, spricht er von sich nicht ohne Stolz als Zirkusdirektor. Das hatte er zwar nie werden wollen. Aber im Rückblick kann man seiner Karriere eine gewisse Logik keineswegs absprechen.

          Die richtige Einstellung zum Leben

          Studiert hat er Sonderpädagogik, das ist mehr als dreißig Jahre her, anschließend arbeitete er als Lehrer mit behinderten Kindern und leitete bald darauf in Hamburg das Therapiezentrum Haus Mignon. Als er dort ein großes Fest organisierte, „mit Zirkuszelt und echten Elefanten“, wie er sagt, war ungewollt eine Spur gelegt, der künftig alles folgen würde: Aus einer Therapie-Idee wurde ein Lebensplan - ein frei finanziertes Jugendkulturprojekt rund um das Thema Zirkus, das Kindern nicht einfach nur eine Anlaufstelle bietet, sondern gleichsam eine komplette Lebenswelt darstellt.

          Hier können sie sich kreativ austoben, hier können sie aber auch Berufe erlernen, ebenso als Veranstaltungstechniker oder Veranstaltungskaufmann wie in Service und Küche der vier eigenen Themen-Restaurants in und um Hamburg, mit denen nicht zuletzt die Zirkusidee finanziert wird. Nach wie vor, sagt Martin Kliewer, handele es sich beim Zirkus Mignon um ein pädagogisches Projekt, aber längst gehe es eben um mehr als nur darum, artistische Nummern als Therapiemöglichkeit für feinmotorische Bewegungsabläufe zu gebrauchen. Jetzt geht es um eine Einstellung zum Leben, eine Hinführung zur richtigen Welt. Und das soll ausgerechnet über den Umweg eines Zirkusses funktionieren, denkt man da mit einer gewissen Skepsis. Aber wenn man sieht, was die Kinder auf die Beine stellen, dann begreift man, weshalb diese Glitzerwelt nicht der schlechteste Ort ist, um zu lernen, wie wichtig Pflichtbewusstsein, Verantwortung, Gewissenhaftigkeit sind. Die Produktionen, die mit fast dreihundert Hamburger Kindern erarbeitet werden, erleben immerhin bis zu dreißig Aufführungen.

          Zirkuszelt, Probenzelt, Küchenzelt

          Im Sommer verlässt der Zirkus Mignon die Stadt und zieht nach Sylt. Es ist ein Umzug auf Raten. Vierundzwanzig Mal ist die Zugmaschine unterwegs. Am Steuer sitzt jedes Mal Martin Kliewer, denn er ist der einzige im Team, der einen Führerschein für Lastwagen besitzt. Wenn alles steht, glaubt man sich in einer kleinen Stadt: mit Zirkuszelt, Probenzelt, Küchenzelt, mit einem altem Karussell und alten Schiffschaukeln, mit Bauwagen und Containern, in denen die Angestellten und Artisten wohnen, und mit einem nostalgischen Restaurant aus Holz im Zentrum, in dem man zwischen Tiffany-Glas und Spiegeln unter Sternenzelt und Glühbirnengirlanden gemütlich in lauter kleinen Nischen auf Holzbänken sitzt und eine vorzügliche Küche genießen kann - oder einfach nur die beste Pizza der Welt, längst legendär auf der ganzen Insel.

          Herr und Frau Zirkusdirektor: Martin Kliewer und Imke Wein.
          Herr und Frau Zirkusdirektor: Martin Kliewer und Imke Wein. : Bild: Wolfgang Schmidt

          Die Idee für den Sommerzirkus hatte der Bürgermeister von Wenningstedt, einer kleinen Gemeinde im Zentrum von Sylt, eher zweckmäßig als schnuckelig, auf halben Weg zwischen Westerland und Kampen gelegen, die als einzige Attraktion den Strand um Buhne 16 nennen kann und mit sehr viel gutem Willen noch die „Hansibar“. Den Zirkus zu holen war ein Experiment, vor mittlerweile siebzehn Jahren. Jetzt ist der Zirkus eine feste Institution im Inselkalender. Nachmittags und abends gibt es Vorstellungen der Hamburger Kinder, von Zirkusschulen anderswo und oft mit prominenten Artisten von überall auf der Welt, mit denen Martin Kliewer gut befreundet ist - und unter denen er schon lange nicht mehr mitleidig als der kleine Pädagoge mit dem Zirkuszelt betrachtet wird, sondern voller Respekt als Zirkusdirektor mit pädagogischen Zielen. Wenn es regnet, sind die Vorstellungen ausverkauft, und das bei vierhundert Plätzen. Doch eigentlich sollten sie es immer sein. Das haben sie verdient.

          Ein Haufen umherhüpfender Flöhe

          Vormittags gehört der Zirkus den Ferienkindern, dann heißt er „MitmachCircus“. Eine Woche lang studieren die Kinder ein abendfüllendes Programm ein, mit dessen Aufführung am letzten Tag der Kursus seinen Höhepunkt erlebt. Dass diese Vorstellung selbst bei Sonnenschein ausverkauft ist, liegt freilich weniger an den artistischen Sensationen als an den Eltern und Verwandten der kleinen Stars in der kleinen Manege. Und bei manchem Solo-Auftritt muss man seine Kinder schon sehr lieb haben, um stolz auf sie zu sein. Aber die einzelnen Nummern stehen gar nicht im Mittelpunkt - es geht ums Ganze. Und da kann man nichts anders als staunen, wie innerhalb von fünf Tagen aus einem Haufen wild umherhüpfender Flöhe eine konzentrierte Mannschaft geworden ist.

          Tag eins: Am Anfang steht das Schnuppern. Die Eltern werden unter lautem Gegröle fortgeschickt. Dann stellen sieben Trainer sich und ihr Programm vor: von Kugellauf und Ballakrobatik über Seiltanz, Trapez und Tuchkunststücke bis zu Jonglage und Zauberei. Jedes Kind soll alles einmal ausprobieren, um ein Gefühl zu bekommen für das Material, für die Bewegungen, für die Probleme mit dem Gleichgewicht, bevor es entscheidet, womit es auftreten möchte. Aber bei der Einteilung in Gruppen am nächsten Tag scharen sich die Jungens erwartungsgemäß um den Zauberer und um den Jongleur, und die Mädchen rennen zu jenen Disziplinen, bei denen man kurze Röckchen trägt oder hautenge Kostüme und sich grazil bewegt oder zumindest bewegen sollte. Manche wählen auch einfach nach Trainer oder Trainerin aus. Der eine ist so cool. Die andere ist so hübsch. Natürlich werden sie im Laufe der Woche zu Helden, so wie die Skilehrer in den Weihnachtsferien oder die Klassenlehrerin in der Grundschule.

          Atemraubende Nummer mit dem Rhönrad

          Am Tag zwei fliegen einem die Diabolos nur so um die Ohren und die Einräder vor die Füße. Mädchen halten sich beim Seiltanz zitternd an der Trainerin fest. Und Jungs lassen sich lachend in einer großen Kiste verschwinden. Aber am Tag drei kehrt Ruhe ein, ein Gefühl von Spannung und Nervosität, und man hält es kaum für möglich, wie gesammelt die Kinder an ihrem Programm trainieren und das Gewusel um sie herum gar nicht mehr wahrzunehmen scheinen. Dabei herrscht im Trainingszelt eine Szenerie wie auf einem Wimmelbild. Auf drei Etagen wird geübt. Am Boden, auf dem Seil, am Trapez. Manche balancieren auf riesigen Bällen und bewegen sich in Schlangenlinie durch das Getümmel wie Mopedfahrer durch die Autos im Berufsverkehr. Andere lassen sich aus Tüchern von der Spitze des Zirkuszeltes hinunterrollen. Auf einer Matte liegt aufgeschlagen das Buch „Creating Gymnastic Pyramides and Balances“. Auf der Doppelseite folgt wie im Comic Bildchen für Bildchen, auf denen immer mehr Kinder so spektakulär übereinandergetürmt sind, dass es sich hier schon um Lektion drei bis vier handeln muss. Bis zum Schluss jedenfalls ist diese Pyramide beim Circus Mignon nicht zu erleben. Bei den Jungs der Zauberergruppe klettern zwei kleine Buben in ein Gestell, und nun sieht es aus, als handele es sich um nur noch einen, dafür sehr langen Bub. Die anderen streiten sich derweil darum, wer sägen darf. Dann ist Pause, und alle rennen zu Karussell und Schiffschaukeln.

          Die Trainer sind junge Zirkusschüler. Manche sind noch in der Ausbildung, eine hat gerade ihren Abschluss gemacht und ist nach Sylt gekommen, um sich mit ihrer Nummer Zirkusdirektoren und Besitzern von Varietés vorzustellen. Die kommen auch in die Vorstellungen. Und was Rosa, eine junge Frau aus Finnland, die morgens die Mädchen über das Seil führt, nachmittags in ihrem Cyr Ring anstellt, einer Art Rhönrad mit nur einem Reif, kann einem den Atem rauben. Wie sie da gleichermaßen die Gesetze der Schwerkraft und die der Anatomie aushebelt, wie sie kreiselt, wirbelt und trudelt, aussieht wie eine Plastik des Art déco, den Kopf mal oben, mal unten hält und innerhalb des Rings kreuz und quer Spagat macht, das grenzt schon an Ekstase.

          Das einzige Tier ist eine Ratte

          Nach Las Vegas, weiß Martin Kliewer, ist Deutschland der größte Varieté-Markt der Welt. Und vielleicht hat sein Zirkus tatsächlich mehr mit Varieté zu tun als mit der Vorstellung von Zirkus-Remmidemmi. Was hier präsentiert wird, sind kleine Nummern auf kleinem Raum, fast wie auf einer Bühne. Der Zirkus von morgen, sagt Kliewer, basiere auf artistischer Technik, die im Einklang stehe zu Musik und Kostüm. Es würden Geschichten erzählt, Poesie beschworen. Und die erfolgreichen Zirkusse, etwa der Cirque du Soleil, hätten ja nicht einmal mehr Umbaupausen, sondern bewegten sich nahtlos innerhalb eines Themas von Höhepunkt zu Höhepunkt. Und es gibt ja auch immer weniger Tiere in den Manegen.

          Das einzige Tier im Circus Mignon war im vorigen Sommer eine Ratte, die dem Clown Antoschka aus dem Hut gekrabbelt ist. Der Zirkus, sagt sie, die mehr als dreitausend Mal im Russischen Staatscircus in Moskau aufgetreten ist, sterbe schon so lange, lacht und fügt an, dass er leben wird, solange die Menschen ihren Wunsch nach Wundern nicht verlieren. Gerade dass Sängerinnen wie Madonna, Pink und Helene Fischer in ihren Shows reichlich Elemente aus dem Zirkus aufnehmen, zeige doch dessen Popularität. Und dann hat sie noch einen Rat für den Nachwuchs, den sie schon von ihrem Lehrer bekommen habe: Klaue hemmungslos! Nimm von allen guten Nummern den Schluss, also den Höhepunkt, und darauf baue auf.

          Respekt für die kleinen Artisten

          Die Schlussrevue des „MitmachCircus“ war ein Fest. Die Übungen unterschieden sich kaum von dem, was Kinder sonst am Spielplatz treiben: Sie kletterten, turnten und hüpften, balancierten und hingen kopfüber an Stangen. Aber sie machten es mit einer überzeugenden Anmut, bezaubernd verkleidet und wunderbar choreographiert. Der Dressurakt der Menge durch die Trainer war am Ende die größere Leistung gegenüber den akrobatischen Übungen der Kinder. Was zu der paradoxen Erkenntnis führte, wie viel ein Trainer in einer Woche auf die Beine stellen kann und wie wenig ein Kind in einer Woche Training erreicht, denn beim Jonglieren fielen noch immer die Bälle auf den Boden, und beim Seiltanz gingen sie noch immer an der Hand. Der Respekt für Artisten aber wuchs gerade deshalb ins Unermessliche. Und dann war da ja noch die Musik, das bunte Licht, das Geglitzer einer Spiegelkugel, die Sterne über die Zeltdecke schleuderte, und der Geruch von Popcorn. Und dann fragte ich mich, wieso um alles in der Welt man sich diesem Zauber nicht viel häufiger hingibt.

          Mitmachen

          Informationen: Der InselCircus gastiert bis Ende August in Wenningstedt. Mitmachen können Kinder in fast jedem Alter. Für Kinder ab drei Jahre gibt es einen FlohCircus. Für die Altersgruppe sechs bis elf den MitmachCircus. Und für Teenager das Programm YoungStars. Die Ausbildung dauert von Montag bis Freitag jeweils von 10 bis 13 Uhr; sie kostet pro Kind 110 Euro. Eine Reservierung wird empfohlen. Am Freitagnachmittag treten alle Gruppen gemeinsam auf. Es werden auch Wochenkurse mit Unterkunft im Zirkus angeboten. Außerdem gibt es Training für Erwachsene in Gruppen ab 30 und ab 60 Jahren. Das Restaurant des Zirkusses steht auch Gästen offen, die weder eine Vorstellung besuchen noch ihre Kinder dort untergebracht haben. Weitere Auskunft unter der Telefonnummer 04651 / 299499 sowie unter www.inselcircus.de

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