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Familienreisen : Kinder, Pizza, Sensationen

Hier können sie sich kreativ austoben, hier können sie aber auch Berufe erlernen, ebenso als Veranstaltungstechniker oder Veranstaltungskaufmann wie in Service und Küche der vier eigenen Themen-Restaurants in und um Hamburg, mit denen nicht zuletzt die Zirkusidee finanziert wird. Nach wie vor, sagt Martin Kliewer, handele es sich beim Zirkus Mignon um ein pädagogisches Projekt, aber längst gehe es eben um mehr als nur darum, artistische Nummern als Therapiemöglichkeit für feinmotorische Bewegungsabläufe zu gebrauchen. Jetzt geht es um eine Einstellung zum Leben, eine Hinführung zur richtigen Welt. Und das soll ausgerechnet über den Umweg eines Zirkusses funktionieren, denkt man da mit einer gewissen Skepsis. Aber wenn man sieht, was die Kinder auf die Beine stellen, dann begreift man, weshalb diese Glitzerwelt nicht der schlechteste Ort ist, um zu lernen, wie wichtig Pflichtbewusstsein, Verantwortung, Gewissenhaftigkeit sind. Die Produktionen, die mit fast dreihundert Hamburger Kindern erarbeitet werden, erleben immerhin bis zu dreißig Aufführungen.

Zirkuszelt, Probenzelt, Küchenzelt

Im Sommer verlässt der Zirkus Mignon die Stadt und zieht nach Sylt. Es ist ein Umzug auf Raten. Vierundzwanzig Mal ist die Zugmaschine unterwegs. Am Steuer sitzt jedes Mal Martin Kliewer, denn er ist der einzige im Team, der einen Führerschein für Lastwagen besitzt. Wenn alles steht, glaubt man sich in einer kleinen Stadt: mit Zirkuszelt, Probenzelt, Küchenzelt, mit einem altem Karussell und alten Schiffschaukeln, mit Bauwagen und Containern, in denen die Angestellten und Artisten wohnen, und mit einem nostalgischen Restaurant aus Holz im Zentrum, in dem man zwischen Tiffany-Glas und Spiegeln unter Sternenzelt und Glühbirnengirlanden gemütlich in lauter kleinen Nischen auf Holzbänken sitzt und eine vorzügliche Küche genießen kann - oder einfach nur die beste Pizza der Welt, längst legendär auf der ganzen Insel.

Herr und Frau Zirkusdirektor: Martin Kliewer und Imke Wein.
Herr und Frau Zirkusdirektor: Martin Kliewer und Imke Wein. : Bild: Wolfgang Schmidt

Die Idee für den Sommerzirkus hatte der Bürgermeister von Wenningstedt, einer kleinen Gemeinde im Zentrum von Sylt, eher zweckmäßig als schnuckelig, auf halben Weg zwischen Westerland und Kampen gelegen, die als einzige Attraktion den Strand um Buhne 16 nennen kann und mit sehr viel gutem Willen noch die „Hansibar“. Den Zirkus zu holen war ein Experiment, vor mittlerweile siebzehn Jahren. Jetzt ist der Zirkus eine feste Institution im Inselkalender. Nachmittags und abends gibt es Vorstellungen der Hamburger Kinder, von Zirkusschulen anderswo und oft mit prominenten Artisten von überall auf der Welt, mit denen Martin Kliewer gut befreundet ist - und unter denen er schon lange nicht mehr mitleidig als der kleine Pädagoge mit dem Zirkuszelt betrachtet wird, sondern voller Respekt als Zirkusdirektor mit pädagogischen Zielen. Wenn es regnet, sind die Vorstellungen ausverkauft, und das bei vierhundert Plätzen. Doch eigentlich sollten sie es immer sein. Das haben sie verdient.

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