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Kilmainham Gaol : Jeder gute Patriot hat hier einmal eingesessen

  • -Aktualisiert am

Beherzte Männer und wilde Adelstöchter saßen hier Wand an Wand: im Gefängnismuseum von Kilmainham. Bild: Martin Glauert

Sentiment und Zorn liegen nah beieinander: Das Häftlingsverzeichnis von Kilmainham Gaol bei Dublin liest sich wie ein Who’s Who der irischen Geschichte.

          3 Min.

          Grau und grimmig wirkt der Kasten, eine Zwingburg wie aus dem Bilderbuch. Als sich das massive schwarze Gefängnistor öffnet, erscheint ein Mann mit rotem Dreitagebart im Dufflecoat. Niall Berghin, der Kurator des Gefängnismuseums, kommt gleich zur Sache. „Die Menschen, die hier eingesperrt wurden, waren politische Gefangene, irische Freiheitskämpfer gegen die Unterdrückung durch die Briten. Kilmainham war ein patriotisches Gefängnis.“ Das wird er uns zeigen. Wir folgen ihm über den Gefängnishof in den Zellentrakt. Gittertüren quietschen und schlagen mit hartem Klang wieder zu. Die Gänge sind dunkel und feucht wie in einem Keller. Wir sind froh um unsere Jacken, dennoch fröstelt uns.

          Von den Holztüren ist die Farbe abgeblättert. Durch das runde Guckloch lugen wir in eine Zelle. Sie ist kleiner als gedacht, kaum zu glauben, dass da ein Bett, ein Tisch und ein Stuhl hineingepasst haben sollen – außerdem sechs Gefangene. Mit dem Schlafen und Stehen mussten sie sich abwechseln.

          Die Countess war ein wildes Mädchen

          Jetzt ist der Trakt verlassen und leer. Aber woher kommen die lauten Schritte? Ganz offensichtlich aus der Nachbarzelle. Neugierig schiebt der Besucher die Metallplatte vor dem Guckloch zur Seite und sieht einen bärtigen Gefangenen, der unruhig auf und ab geht. Als er den Beobachter entdeckt, wird er wütend, läuft auf die Tür zu und schaut den heimlichen Beobachter von Auge zu Auge an. Ertappt und erschrocken lässt man die Klappe fallen. Eine Videoinstallation mit Überraschungseffekt.

          Über eiserne Treppen geht es ins obere Stockwerk. Durch trübe Fenster fällt das Licht auf die Namen über den Zellentüren. „Countess Markievicz 1916“ steht über der ersten. „Constance war ein wildes, aber ungeheuer hübsches Mädchen“, weiß eine Besucherin zu erzählen, „immer auffällig und nur die teuersten Kleider. Der strahlende Mittelpunkt jeder Party, alle jungen Männer wollten mit ihr tanzen.“ „Stimmt!“, pflichtet die Begleiterin ihr bei, „selbst bei der Schießerei in Stephen’s Green trug sie zur grünen Uniform diesen verrückten Federhut, mit dem sie aussah wie ein Indianer.“ Die beiden tratschen wie über eine Freundin; dabei ist die Geschichte fast hundert Jahre her!

          Hier Häftling zu sein, gehörte fast zum guten Ton

          Es geht um Constance Markievicz, eine der wichtigsten Gestalten im irischen Unabhängigkeitskampf. Von der verwöhnten Tochter eines reichen Landbesitzers wandelte sie sich zur militanten Revolutionärin. Während des legendären Osteraufstands 1916 kämpfte sie in Dublin mit der Waffe in der Hand an vorderster Front. Sie wurde dafür zum Tode verurteilt, später begnadigt und verbrachte viele Jahre ihres Lebens im Gefängnis, auch in Kilmainham. Später wurde sie Arbeitsministerin in der irischen Regierung, die erste Ministerin Westeuropas. All das erfährt man hier so selbstverständlich und hautnah, als wären die Besucher dabei gewesen. Irische Geschichte, erzählt in familiär klingenden Anekdoten.

          Protagonisten aller irischen Aufstände saßen in Kilmainham ein, die Liste gleicht regelrecht einem „Who’s who“ der irischen Geschichte. „Nachträglich gesehen, gehört es fast zum guten Ton für einen Patrioten, Häftling in Kilmainham gewesen zu sein“, resümiert Niall. So wurde das Gefängnis zum nationalen Wallfahrtsort. Den Schulklassen, die regelmäßig herkommen, sind die Namen der Häftlinge aus Lehrbüchern und den Erzählungen bekannt: Wolfe Tone, der von Napoleon im Stich gelassen wurde; Robert Emmett, dem man öffentlich den Kopf abschlug; Charles Parnell, der den britischen Premierminister Gladstone zwang, hier in seiner Zelle einen internationalen Vertrag zu unterschreiben.

          Gewehrsalven statt Hochzeitsglocken

          Das anrührendste Ereignis aber fand in der Gefängniskapelle statt. Der Raum ist dunkel und kühl, die Holzbänke sind hart. In einer Nische steht ein einfacher Altar mit Kerzenleuchtern. Am Abend des 3. Mai 1916, kurz vor seiner Hinrichtung, heiratete hier der Dichter und Revolutionär Joseph Plunkett seine Verlobte, die eigens für diese Zeremonie in das Gefängnis geholt wurde. Wenige Stunden später stand er dem Exekutionskommando gegenüber - Gewehrsalven statt Hochzeitsglocken.

          Seinen letzten Gang gehen wir jetzt nach. Durch feuchte Gewölbe und eine niedrige Holztür treten wir in den Gefängnishof hinaus. Der Kies knirscht unter unseren Schritten. Eine einfache Metallplatte trägt die Namen der vierzehn Männer, die an dieser Stelle hingerichtet wurden. „James Connolly, der Kommandant des Osteraufstands, war so schwer verletzt, dass er nicht mehr stehen konnte. Deshalb hat man ihn auf einem Stuhl erschossen“, schildert Niall die Szene. Sentiment und Zorn liegen hier nah beieinander.

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