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Antiquariat der Superlative : „Keep calm and carry on“

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Bücherhöhle im Bahnhofsgebäude: Barter Books ist der Paradiesgarten aller Bibliophilen. Bild: Volker Mehnert

Zukunftsmusik im Antiquariat: Ein lange Zeit vergessenes Motto ist nicht nur in der nordenglischen Kleinstadt Alnwick plötzlich so aktuell wie nie zuvor.

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          Das Plakat war nicht zu übersehen. Es hing in mehrfacher Ausfertigung an den Wänden des Antiquariats im nordenglischen Städtchen Alnwick. Doch wir kümmerten uns nicht darum, hielten es für britische Folklore aus den Annalen des Zweiten Weltkriegs, vielleicht ein originelles Mitbringsel für besonders anglophile Zeitgenossen. Heute hätten wir gern selbst ein Exemplar bei uns zu Hause, um es ins Fenster zu hängen. Doch davon später. Bei unserem Besuch im vergangenen Jahr jedenfalls fesselte uns der Buchladen aus ganz anderen Gründen.

          Die Räumlichkeiten von Barter Books befinden sich in einem ehemaligen Bahnhofsgebäude, das sogar schon in den Glanzzeiten der britischen Eisenbahn völlig überdimensioniert war. Niemand brauchte damals für den Alltag im abgelegenen englischen Nordosten eine derart pompöse Bahnstation. Gebaut wurde sie trotzdem, denn die einflussreichen Herzöge von Northumberland residierten im gigantischen Alnwick Castle, nach Windsor Castle der zweitgrößte Adelssitz in England. Mit dem Bahnhof wollten sie die regelmäßigen Besucher des Königshauses standesgemäß empfangen und beeindrucken. 1968 wurden Bahnlinie und Station stillgelegt, das Gebäude verkam. Ein Vierteljahrhundert später eröffnete das Ehepaar Mary und Stuart Manley darin sein Antiquariat, das inzwischen mit Café, Imbiss, Eisdiele und Souvenirshop den gesamten Bahnhof belegt. Tausende von Romanen, Gedichtbänden und Kinderbüchern füllen die Regale in der ehemaligen Bahnhofshalle, dazu kommen Sachbücher von Botanik und Gartenbau über Theologie und Militärgeschichte bis zu Kochbüchern, Biographien und Reiseführern. Eine gesonderte Abteilung enthält wertvolle Erstausgaben und Raritäten. Barter Books gilt deshalb inzwischen als eine Art British Library für gebrauchte Bücher.

          Wandgemälde in Lebensgröße

          Wir verloren uns einen ganzen verregneten Tag lang zwischen den Regalen, genossen die bibliophile Atmosphäre, stöberten vor dem Kamin durch Bildbände über Northumberland, sahen der Modelleisenbahn bei ihrem unaufhörlichen Rundendrehen zu, studierten die im Großformat angeschlagenen Gedichtzeilen und tranken zwischendurch eine Tasse Tee nach der anderen. Mindestens eine halbe Stunde lang standen wir vor dem „writers mural“, einem Wandgemälde, das in Lebensgröße dreiunddreißig britische, irische und amerikanische Schriftsteller vereint, und versuchten, so viele von ihnen wie möglich zu identifizieren. James Joyce, Hemingway und Virginia Woolf waren leicht; mit Jane Austen, Emily Dickinson, Samuel Beckett und anderen taten wir uns schwer. Am Ende kauften wir als Urlaubslektüre zwei Kriminalromane der Schriftstellerin Ann Cleeves, deren unkonventionelle Kommissarin Vera Stanhope im Nordwesten Englands ermittelt und dabei viel über die eigenwillige Mentalität der Bewohner von Northumberland zutage fördert.

          Eine aktuelle Abwandlung des Weltkriegsmottos: Prinz Harry wirbt für Hygiene.

          Inmitten all der Wunder dieses Bücherimperiums war es vielleicht verzeihlich, dass wir das anfangs erwähnte Plakat nur am Rande zur Kenntnis nahmen. „Keep calm and carry on“ – ruhig bleiben und weitermachen, hieß die Botschaft darauf, in weißer Schrift auf rotem Grund. Das Plakat gehörte zu einer Serie von Propaganda- und Durchhaltebotschaften, die während des Zweiten Weltkriegs von der britischen Regierung an öffentlichen Plätzen angebracht wurden, um die Moral der Bevölkerung zu stärken. Mehr als zwei Millionen Exemplare dieses Aushangs wurden damals gedruckt, doch sie kamen nie zum Einsatz. Man wollte sie sich für die Extremsituation einer deutschen Invasion aufheben, zu der es nicht kam. Nach dem Krieg wurden die Plakate vernichtet, nur eine Handvoll blieb erhalten, das Motto geriet in Vergessenheit.

          Eine sehr britische Motivationsbotschaft

          Dann tauchte um die Jahrtausendwende ein Exemplar bei Barter Books auf. Stuart Manley entdeckte es in einem Karton mit alten Büchern, den er auf einer Auktion erstanden hatte. Mary ließ es rahmen und hängte es im Laden auf. Viele Besucher waren von der graphischen Schlichtheit und der Klarheit der Botschaft begeistert und wollten es kaufen. Deshalb ließen es die beiden Buchhändler schließlich als Faksimile nachdrucken. Inzwischen wurden Zehntausende von Kopien verkauft, und das Motto findet sich auch auf Kaffeebechern, Schürzen und T-Shirts.

          Nationale Solidarität: England lässt sich nicht beirren.

          „Keep calm and carry on“ ist seither in Großbritannien zum geflügelten Wort geworden und wird in Schlagzeilen und Zeitungsartikeln immer wieder verwendet. Die ebenso schlichte wie eindeutige Motivationsbotschaft aus fünf Wörtern ist gut für viele Lebenslagen – kurz und knapp und „very British“. Und plötzlich ist sie so aktuell wie nie zuvor, als hätte man ausgerechnet im Antiquariat in die Zukunft geschaut. Jetzt sitzen wir am Frühstückstisch und fragen uns, warum wir nicht wenigstens den Kaffeebecher gekauft haben.

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