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Karl-May-Festspiele : Unter Geiern

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„Winnetou hofft, dass der Hass verdorrt wie das Blatt in der Sonne“:Sascha Gluth, Harald Wieczorek und Alexander Klaws. Bild: dpa

Die Karl-May-Festspiele in Bad Segeberg sind ein unverwüstlicher Klassiker. Was macht den Reiz der Wildwest-Show aus?

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          Als Mo-haw, Häuptlingssohn vom Stamme der Schoschonen, mit einem Messer im Bauch tödlich verletzt zusammenbricht und Hong-peh-te-keh, auch „Der Schwere Mokassin“ genannt, Häuptling der Sioux-Oglala und laut Programmheft „ein wirklich übler Charakter“, höhnisch lächelnd danebensteht, bricht im Freilichttheater der Bad Segeberger Karl-May-Festspiele ein kleiner Junge in Tränen aus. Aus der Reihe 19 in Block C erschallt in die Stille hinein ein todtrauriges „Papa, ist der Mann jetzt wirklich tot?“ Mo-haws Hand krallt sich ein letztes Mal in den norddeutschen Sand, das ist theatralisch, aber das Entsetzen des Jungen, sein untröstliches Kinderweinen – das ist in diesem Moment herzzerreißend.

          Es gibt an diesem samstäglichen Nachmittag im Juli einige hochemotionale Augenblicke. So gleich zu Beginn, wenn Winnetou auf seinem Rappen Iltschi ganz dicht zwischen den Zuschauerreihen rund durch den Mittelring des Theaters reitet, sein schwarzes Haar dazu im Wind weht, aus den Lautsprechern die Winnetou-Erkennungsmelodie erklingt, dann ein kollektives Aufseufzen durch die Reihen geht und gleich darauf ein Applaus, so warm und rauschend wie ein heftiger Sommerregen, den legendären Apachen-Häuptling begrüßt.

          Wiehernde Pferde, edle Indianer

          Geregnet hatte es tatsächlich noch zehn Minuten vor Beginn der Vorstellung. Ganze Familien saßen in quietschbunten Plastikumhängen unter Regenschirmen, und die 7500 Plätze fassenden Ränge des Theaters sahen aus wie das Innere einer riesigen Pralinenschachtel. So mancher besorgte Blick richtete sich hinauf in den weiß-grau verhangenen norddeutschen Himmel. Aber dann, nach der Pause, beschien sogar manchmal die Sonne den berühmten Kalkberg, ging alles gut. Und selbst wenn es geregnet hätte, die Stimmung an diesem Nachmittag war so heiter, so aufgeräumt und erwartungsvoll, dass das Wetter eigentlich gar nicht so wichtig war.

          Eine fast schon familiäre Atmosphäre: in der Freiluft-Arena am Kalkberg.

          „Unter Geiern – Der Sohn des Bärenjägers“ heißt das Stück der diesjährigen Saison. Und wie in jedem Jahr ist die Mischung aus Wildwest-Romantik, Naturkulisse, wiehernden Pferden, edlen Indianern und auch etwas Klamauk vor allem höchst vergnüglich. Allerdings hatte es im Vorfeld zur 68. Spielzeit einige und keineswegs nur neue Kritik gegeben. Karl Mays Darstellung der indigenen Bevölkerung Amerikas sei kolonialistisch, sagte die Amerikanistik-Professorin Mita Banerjee. Und immer wieder wird auch darauf hingewiesen, dass Karl May als notorischer Schwindler und vorbestrafter Trickbetrüger den von ihm beschriebenen Wilden Westen nie bereist habe.

          Mit dem notwendigen noblen Pathos

          All das ist richtig und trotzdem an diesem Nachmittag in Bad Segeberg auch egal. Es geht hier um Unterhaltung und nicht um historische Wahrheiten. Etwas irritierend ist vielleicht die Anzahl bewaffneter Kleinkinder. Die Souvenirshops rund um die Freiluftbühne ähneln amerikanischen Waffengeschäften. Pistolen und Gewehre jeder Größe sind zu kaufen, Munition, Halfter, aber ebenso – und das beruhigt dann wieder – auch rosafarbene Plastikhandschellen, Friedenspfeifen und Plüschgeier.

          In Karl Mays Romanen gibt es die Figur der durch die Rocky Mountains reisenden Schauspielerin nicht: Larissa Marolt als Tiffany.

          Zu den Attraktionen der Karl-May-Festspiele gehören seit jeher die aus Film, Funk und Fernsehen bekannten Gaststars. Dabei werden Namen wie Ingrid Steeger, Dunja Rajter, Freddy Quinn oder Elke Sommer überstrahlt von dem Darsteller, der fast schon zu einer Inkarnation Winnetous selbst geworden ist: Pierre Brice. Der Star aus den Winnetou-Verfilmungen stand in den Jahren von 1988 bis 1991 in Bad Segeberg auf der Bühne. In diesem Jahr hat die Kalkberg GmbH den Sänger und Musicaldarsteller Alexander Klaws für die Rolle des Apachenhäuptlings engagiert. Und er macht das fabelhaft. Mit dem notwendigen noblen Pathos – „Winnetou hofft, dass der Hass verdorrt wie das Blatt in der Sonne“ –, aber auch mit akrobatischer Verve in den vielen Kampfszenen, einer bestechenden Eleganz als Reiter und dann im Finale – das Publikum hält die Luft an – bei der spektakulären, an „Indiana Jones“-Filme erinnernde Rettungsaktion der über einem Abgrund hängenden Tiffany O’Toole.

          Die Squaw mit den goldenen Haaren

          Mit einem lässigen „Die Waffen einer Frau schießen nicht mit Blei“ hatte sich Tiffany als Opfer eines Postkutschenüberfalls zu Beginn des Stücks dem „Schweren Mokassin“ entgegengestellt. In Karl Mays Romanen gibt es die Figur der durch die Rocky Mountains reisenden Schauspielerin nicht. Sie wurde von Autor Michael Stamp und Regisseur Norbert Schultze junior für Larissa Marolt – bekannt aus dem „Dschungelcamp“, der ARD-Telenova „Sturm der Liebe“ und allerlei anderen Formaten aus den Untiefen der deutschen Fernsehunterhaltung – erdacht und geschrieben. Auch Raúl Richter als Martin Baumann, der Sohn des Bärenjägers, ist als ehemaliger Schauspieler der RTL-Serie „Gute Zeiten – Schlechte Zeiten“ eine Fernsehberühmtheit. 2011 gewann er den „German Soap Award“ als bester Darsteller einer Daily Soap. Dass der kernige Martin und die kecke Tiffany – „die Squaw mit den goldenen Haaren“ – im Stück ein Paar werden, das ist schon im ersten Augenblick ihrer Begegnung keine Frage mehr.

          Schlußapplaus, dann Abschied mit High Five: Bei der Premiere des Stücks „Unter Geiern“.

          Und genau das macht den Charme und wohl auch den anhaltenden Erfolg der Bad Segeberger Karl-May-Festspiele aus: der Kult um die anscheinend unsterblichen Wildwestgeschichten Karl Mays, spektakuläre Effekte, echte Fernsehstars auf der Bühne, vielleicht auch eigene Kindheitserinnerungen an verbotene Lektüre nachts unter der Bettdecke und dann – trotz der Größe des Freilufttheaters – eine fast schon familiäre Atmosphäre. In der Pause gibt es Pommes oder den „Cowboyteller“. Kleine Jungs mit ketchupverschmierten Gesichtern ballern mit ihren Pistolen in der Gegend herum. Es gibt auch große Jungs, die stolz mit Cowboyhut auf dem Kopf durch das „Indian Village“ spazieren, eine Wildwest-Kulissenstadt. Manche Mütter kramen in den mitgebrachten Kühltaschen, um dann belegte Brote zu verteilen.

          Ein pyrotechnisches Flammenmeer

          Gleichzeitig ist die Kalkberg GmbH ein florierendes Wirtschaftsunternehmen. Der Etat für die Karl-May-Festspiele beträgt in diesem Jahr 5,2 Millionen Euro. 500.000 Euro wurden in das Bühnenbild, Kostüme und die Erneuerung der Licht- und Tonanlage investiert; 350.000 Euro in grundsätzliche Unterhaltungsmaßnahmen des Theaters. Es wurde – das ist die dunkle Seite Bad Segebergs – schon 1937 als „Nordmark-Feierstätte“ in einem ehemaligen Steinbruch am Fuße des Kalkbergs eingeweiht. Joseph Goebbels persönlich kam zur Eröffnung. 1939 fand hier das „KdF-Volksfest“ mit einem Großkonzert der Luftwaffe und Kriegsmarine statt, und am Pfingstmontag des Jahres 1944 eine Fahnenweihe in Anwesenheit von fünftausend Jungen und Mädchen der Hitlerjugend und dem Bund Deutscher Mädchen.

          Dagegen wirken die Bühnenadaptionen der Karl-May-Romane, so fragwürdig auch manches sein mag, doch recht unschuldig. Ganz zum Schluss gibt es dann mehrere Gänsehautmomente. Winnetou kämpft sich durch ein pyrotechnisches Flammenmeer, vorbei an den sich drehenden Felsformationen in der „Stadt über den Wolken“, um Tiffany zu retten. Es gibt einen donnernden Schlussapplaus und dann – gute alte Bad Segeberger Tradition – laufen kleine und große Kinder hinunter zur Bühne, bilden Trauben, strecken Arme und Hände aus und werden von allen Darstellern – den Hauptakteuren, Stuntleuten und den Statisten – mit einem „High five“ verabschiedet. Für einen Moment sind dann alle eine große Karl-May-Familie. „Nur wer an das Gute glaubt, kann es auch bewirken“, sagte Winnetou. Howgh!

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