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Karl-May-Festspiele : Unter Geiern

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Die Squaw mit den goldenen Haaren

Mit einem lässigen „Die Waffen einer Frau schießen nicht mit Blei“ hatte sich Tiffany als Opfer eines Postkutschenüberfalls zu Beginn des Stücks dem „Schweren Mokassin“ entgegengestellt. In Karl Mays Romanen gibt es die Figur der durch die Rocky Mountains reisenden Schauspielerin nicht. Sie wurde von Autor Michael Stamp und Regisseur Norbert Schultze junior für Larissa Marolt – bekannt aus dem „Dschungelcamp“, der ARD-Telenova „Sturm der Liebe“ und allerlei anderen Formaten aus den Untiefen der deutschen Fernsehunterhaltung – erdacht und geschrieben. Auch Raúl Richter als Martin Baumann, der Sohn des Bärenjägers, ist als ehemaliger Schauspieler der RTL-Serie „Gute Zeiten – Schlechte Zeiten“ eine Fernsehberühmtheit. 2011 gewann er den „German Soap Award“ als bester Darsteller einer Daily Soap. Dass der kernige Martin und die kecke Tiffany – „die Squaw mit den goldenen Haaren“ – im Stück ein Paar werden, das ist schon im ersten Augenblick ihrer Begegnung keine Frage mehr.

Schlußapplaus, dann Abschied mit High Five: Bei der Premiere des Stücks „Unter Geiern“.
Schlußapplaus, dann Abschied mit High Five: Bei der Premiere des Stücks „Unter Geiern“. : Bild: dpa

Und genau das macht den Charme und wohl auch den anhaltenden Erfolg der Bad Segeberger Karl-May-Festspiele aus: der Kult um die anscheinend unsterblichen Wildwestgeschichten Karl Mays, spektakuläre Effekte, echte Fernsehstars auf der Bühne, vielleicht auch eigene Kindheitserinnerungen an verbotene Lektüre nachts unter der Bettdecke und dann – trotz der Größe des Freilufttheaters – eine fast schon familiäre Atmosphäre. In der Pause gibt es Pommes oder den „Cowboyteller“. Kleine Jungs mit ketchupverschmierten Gesichtern ballern mit ihren Pistolen in der Gegend herum. Es gibt auch große Jungs, die stolz mit Cowboyhut auf dem Kopf durch das „Indian Village“ spazieren, eine Wildwest-Kulissenstadt. Manche Mütter kramen in den mitgebrachten Kühltaschen, um dann belegte Brote zu verteilen.

Ein pyrotechnisches Flammenmeer

Gleichzeitig ist die Kalkberg GmbH ein florierendes Wirtschaftsunternehmen. Der Etat für die Karl-May-Festspiele beträgt in diesem Jahr 5,2 Millionen Euro. 500.000 Euro wurden in das Bühnenbild, Kostüme und die Erneuerung der Licht- und Tonanlage investiert; 350.000 Euro in grundsätzliche Unterhaltungsmaßnahmen des Theaters. Es wurde – das ist die dunkle Seite Bad Segebergs – schon 1937 als „Nordmark-Feierstätte“ in einem ehemaligen Steinbruch am Fuße des Kalkbergs eingeweiht. Joseph Goebbels persönlich kam zur Eröffnung. 1939 fand hier das „KdF-Volksfest“ mit einem Großkonzert der Luftwaffe und Kriegsmarine statt, und am Pfingstmontag des Jahres 1944 eine Fahnenweihe in Anwesenheit von fünftausend Jungen und Mädchen der Hitlerjugend und dem Bund Deutscher Mädchen.

Dagegen wirken die Bühnenadaptionen der Karl-May-Romane, so fragwürdig auch manches sein mag, doch recht unschuldig. Ganz zum Schluss gibt es dann mehrere Gänsehautmomente. Winnetou kämpft sich durch ein pyrotechnisches Flammenmeer, vorbei an den sich drehenden Felsformationen in der „Stadt über den Wolken“, um Tiffany zu retten. Es gibt einen donnernden Schlussapplaus und dann – gute alte Bad Segeberger Tradition – laufen kleine und große Kinder hinunter zur Bühne, bilden Trauben, strecken Arme und Hände aus und werden von allen Darstellern – den Hauptakteuren, Stuntleuten und den Statisten – mit einem „High five“ verabschiedet. Für einen Moment sind dann alle eine große Karl-May-Familie. „Nur wer an das Gute glaubt, kann es auch bewirken“, sagte Winnetou. Howgh!

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