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Karibikinsel Curaçao : Hollands heiße Liebe

  • -Aktualisiert am

Amsterdam mit Palmen: Der niederländische Einfluss ist besonders am Hafen von Curaçaos Hauptstadt Willemstad bis heute deutlich zu erkennen Bild: obs

Was wirklich zählt: Das North Sea Jazz Festival beweist, dass die Insel Curaçao mehr zu bieten hat als türkisfarbene Karibikklischees.

          Es ist kurz nach Mitternacht, als die Feuerzeuge erstmals in die Luft gehalten werden. Auf der großen Bühne des North Sea Jazz Festivals Curaçao steht Prince mit seiner zwanzigköpfigen New Power Generation Band und spielt die ersten Akkorde von „Purple Rain“. Kaum ertönt der Refrain, singt das Publikum begeistert mit. Es ist einer von vielen Gänsehautmomenten, die man bei der dritten Ausgabe dieses Festivals erlebt. Neben Prince spielen an diesem späten Augustwochenende unter anderem noch Herbie Hancock, Diana Ross, Erykah Badu, The Roots, Raphael Saadiq, die Latin-Music-Götter Marc Anthony und Luis Miguel, aber auch diverse lokale Musikgrößen.

          Für den Percussionisten Roël Calister ist der Abend einfach nur „Dushi“. Er hat vor dem Prince-Konzert in der Band von Kris Berry gespielt, einer der vielversprechendsten Jazz-Sängerinnen von Curaçao. „Dushi“ ist das vermutlich am häufigsten verwendete Papiamento-Wort auf der Insel und bedeutet so viel wie „toll“, ist aber auch ein Synonym für „Liebling“. „Dushi“ ist auf Curaçao so wichtig, dass dem Wort in der Inselhauptstadt Willemstad eine riesige Buchstabenskulptur gewidmet ist. Papiamento, die Umgangssprache auf Curaçao, ist ein kreolischer Sprachhybrid aus Spanisch, Portugiesisch, Englisch und Holländisch. Eine Echokammer der unzähligen Nationen und Kulturen, die Curaçao über die Jahrhunderte geprägt haben.

          Im 17. Jahrhundert boomte hier der Sklavenhandel

          Seit mehr als zweihundert Jahren ist der niederländische Einfluss allerdings dominant. Die Straßen auf Curaçao heißen Herrenstraat oder Windstraat, die Zeile mit den pastellfarbenen Häusern am Hafen von Willemstad könnte so auch in Amsterdam stehen. Zwar wurde Curaçao, ehemals Teil der niederländischen Antillen, 2010 autonom, doch die Niederlande sind für viele Bewohner nach wie vor zweite Heimat. So auch für Roël Calister, der zwischen Curaçao und Amsterdam pendelt. Die Insel sei großartig, sagt Calister, aber für ihn als Musiker gebe es hier einfach zu wenig Arbeit. Der Karibikableger des traditionsreichen niederländischen North Sea Festivals ist für ihn dennoch eine gute Gelegenheit, die eigene Musik einem größeren, heimischen Publikum zu präsentieren. Und es scheint, als wäre wirklich die halbe Insel auf den Beinen. Auch von den angrenzenden Inseln, Bonaire und Aruba, sind viele Besucher angereist. Die Veranstaltung ist für die Bewohner der „ABC“ genannten Inseln eine gute Gelegenheit, Familienmitglieder und alte Freunde zu treffen.

          Die Mehrzahl der Bevölkerung von Curaçao sind Nachkommen von afrikanischen Sklaven. Im 17. Jahrhundert war hier der größte Sklavenhandelsplatz der Karibik, Ausstellungen im Museum für Sklaverei, dem Kurá Hulanda Museum im Stadtteil Otrabanda, erzählen eindrücklich die grausame Geschichte der Verschleppungen und Misshandlungen. 1795 fand einer der ersten großen Sklavenaufstände statt, über dessen Anführer, Tula, wurde soeben ein abendfüllender Spielfilm produziert, überall auf der Insel sieht man sein Porträt an Hauswänden kleben. Mittlerweile zieht es Migranten aus Asien oder dem lateinamerikanischen Festland her. Der große Seehafen gilt als einer der wichtigsten Handelsplätze der Region. Auch die Raffinerie, in der Öl via Pipeline aus dem nahegelegenen Venezuela bearbeitet und verschifft wird, lockt Arbeiter an. Nachts, auf dem Nachhauseweg vom Festival, sieht man am Horizont den Feuerschein der Erdgasabfacklung, es erinnert an den Himmel im Science-Fiction-Klassiker Blade Runner. Von großen Umweltschäden durch die Petrolindustrie ist zum Glück wenig bis gar nichts zu spüren, das Wasser an den Stränden ist kristallklar.

          Sonntag ist Beach-Tag

          Anders als die von Bettenburgen gesäumten Strände der Nachbarinsel Aruba ist der Tourismus in Curaçao wohldosiert und Teil des sozialen Inselnetzes. Wer nicht in einem der isolierten Fünf-Sterne-Luxusresorts wohnt, ist automatisch Teil des gemächlichen Insellebens. Das gilt besonders sonntags, dem offiziellen Beach-Tag. Am nördlich gelegenen Strand Playa Kenepa trudeln schon am Morgen die ersten Sonnenanbeter ein, um sich in der Bucht ein Schattenplätzchen zu sichern. Unter einem großen Baum versammelt sich eine Gruppe Männer um einen Plastiktisch und spielt Domino, die Kühlboxen mit Bier stehen griffbereit.

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