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Kapstadt : Fleischhügel am Tafelberg

Bier macht farbenblind: Auf der Long Street feiern Jugendliche abends gemeinsam. Bild: Andrea Diener

Seit fast zwanzig Jahren ist die Apartheid in Südafrika Geschichte, doch immer noch prägt sie eine Stadt wie Kapstadt. Beim Essen, Trinken und Tanzen kommen sich alle näher.

          Schon mittags ist es voll unter dem großen Wellblechdach, Plastikstuhlbeine verkanten sich, alles drängt sich um die Tische, darauf stehen mitgebrachte Flaschen mit Saft, Bier, Wein und Jack Daniels. Vor der rotgestrichenen Ziegelwand links sitzen einheimische Großfamilien, vor dem orangefarbenen Sichtschutz rechts, durch den von außen neugierige Straßenjungs blinzeln, reichen sich Australierinnen Zigaretten herum. Auf halbem Weg zum Grill steht der DJ hinter seinem Pult und geht langsam zu Tanzbarem über, aber es ist noch früh, und nur ein paar bezopfte Mädchen wippen mit den Kleidchen.

          Zur Mittagszeit ist Essen noch wichtiger als Trinken und Tanzen. Auf Papptellern liegen Fleischberge, denen mit mitgebrachtem Plastikbesteck zu Leibe gerückt werden muss oder gleich mit den Fingern. Seinen Namen trägt dieser Laden ja nicht umsonst: „Mzoli’s Meat“. Hier gibt es Fleisch, ein ganzes großes Alutablett voll für umgerechnet etwa 35 Euro, ein paar Alibistückchen Brot in einer Schüssel und sonst nichts. Gar nichts. Einst war „Mzoli’s“ eine Metzgerei, inzwischen ist es der beliebteste Treffpunkt im Township, und zwar für alle: für Familien, für Jugendliche, für Township-Bewohner, für weiße Innenstädter und für Touristen.

          Häuslich eingerichtet in den Straßen ohne Namen

          Das Township heißt Guguletu; aus dem Xhosa übersetzt bedeutet das so viel wie „Unser Stolz“. Guguletu ist Heimat für 330000 Einwohner, liegt etwa fünfzehn Kilometer vom Stadtkern entfernt in den Cape Flats an der Klipfontein Road und ist eine für Township-Verhältnisse vergleichsweise geordnete Angelegenheit. Es gibt hier kleine steinerne Häuser mit Vorgärten, fließendem Wasser und Stromanschluss. Die Bewohner geben sich sichtlich Mühe, sich angenehm einzurichten, haben alte, schmiedeeiserne Gitter verbaut, die Mauern farbenfroh angestrichen und Bougainvilleen gepflanzt. An der Hauptstraße reihen sich Handyläden, Lebensmittelgeschäfte, Beauty-Salons mit selbstgemalten Schildern. Die Straßen sind asphaltiert, haben aber, wie in allen Townships, keine Namen, nur Nummern.

          Das ist, wie so vieles hier in Kapstadt, ein Erbe aus den Jahrzehnten der Apartheid, während deren feinsäuberlich unterschieden wurde zwischen Weißen, Farbigen, Schwarzen und Indern. Städtisches Wohngebiet war grundsätzlich den Weißen vorbehalten, die Ansiedlung schwarzer Arbeitskräfte nur in provisorischen Unterkünften geduldet, die durch Pufferzonen abgetrennt sein sollten. Und nichts sollte den Township-Bewohnern das Leben in irgendeiner Weise angenehm machen, nichts sollte ihre Anwesenheit legitimieren, nicht einmal eine offizielle Adresse. Das war vor zwanzig Jahren. Einen Namen haben die Straßen noch immer nicht bekommen, weiß der Himmel warum.

          Man hat sich eingerichtet  - ein Imbiss im Township Guguletu

          Zwischen Wellblechhütten und Villenviertel

          Es ist schwer, ein Bild von Kapstadt zu bekommen, man muss zu viele Gegensätze zusammendenken. Man muss Guguletu ebenso berücksichtigen wie die Wellblechhütten entlang der Ausfallstraßen, in denen sich vor allem Arbeiter aus weiter entfernten Landesteilen angesiedelt haben, wo sie ein Haus haben, aber keine Arbeit, während sie in Kapstadt eher eine Stelle bekommen können, aber keine Unterkunft. Man muss die hübschen Villengegenden an den Hügeln einberechnen, in denen die übliche globale Villenviertelklientel wohnt und Villenviertelbeschäftigungen nachgeht, und den Strand, an dem Männer mit weiß bemalten Gesichtern Stammestänze vor den Straßencafés aufführen, wenn sie nicht irgendwas mit Glasperlen verkaufen. Hinter jedem Hügel sieht es anders aus, und Kapstadt hat viele Hügel. Hinter jedem Hügel herrscht zudem ein anderes Mikroklima, es ist mild oder stürmisch oder trocken und sandig.

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