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Kanareninsel El Hierro : Unter uns der Vulkan

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Lava, Lava, Lava, come back to me: Vor drei Jahren bebte der Ozean, Fontänen schossen zwanzig Meter aus dem Ozean, es stank nach Schwefel Bild: Geschke

El Hierro, die westlichste aller Kanareninseln, war schon immer ein ideales Ziel für Wanderer und Ruhesuchende. Dann kamen vor zwei Jahren die Erdbeben und Vulkanausbrüche - und machten die Insel endgültig zum Tauchparadies.

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          Hier ist das Ende. Das Ende der alten Welt. Wer an El Hierros Küste steht, in den Atlantik springt und stur gen Westen schwimmt, wird Tausende von Kilometern nichts anderes sehen als endlose Wasserwüste. Die erste Landmasse, die man dann erreicht, ist die Ostküste der Vereinigten Staaten - irgendwo auf der Höhe von Palm Bay, Florida. Abends, wenn man in dem kleinen Ort La Restinga auf der von der Hitze des Tages gewärmten Hafenmauer sitzt und in den Sonnenuntergang blickt, kommt manchmal ein Mann namens Pepe vorbei.

          Pepe ist Fischer; ein alter Mann mit riesigen Händen und einem Gesicht, das zerfurchter aussieht als das von Keith Richards. Auch Pepe trinkt gerne, und wenn man ihm ein Bier ausgibt, beginnt er auch zuverlässig zu erzählen. Geschichten über das Meer, vorgetragen in einem holprigen Englisch, die alle ein wenig melancholisch klingen. Das sei normal, meint Pepe, weil ja auch das Meer melancholisch sei und er nichts anderes kenne als das Meer. Er erzählt von Walen und Stürmen, von Schiffsunglücken und von Vulkanen, die unter der Wasseroberfläche brodeln. Es sind dramatische Geschichten, und dennoch klingen sie wie eine einzige Liebeserklärung.

          Winziges Stück Europa

          El Hierro ist eine spanische Insel, ein Teil der Kanaren, ein winziges Stück Europa. Hier ist vor allem Natur, Landschaft und dann wieder natürlich schroffe Landschaft - sonst gibt es hier nicht viel. Es sei denn, man ist Taucher. Dann führt der Weg direkt zu einem Platz, der zu den besten der Kanaren gehört und der unter spanischen Tauchern einen Ruf wie Donnerhall genießt: „El Bajón“. Um den erloschenen Unterwasservulkan, der aus knapp hundert Meter Tiefe steil bis auf 15 Meter aufragt, ziehen Makrelen und Barrakudas ihre Bahnen, tummeln sich Zackenbarsche und Grunzer.

          Selbst Mantas sieht man hier ab und zu, und wer ganz heftig vom Glück geküsst wird, kann sogar einen Walhai vor die Maske bekommen. Doch das Beste an diesem Spot ist dessen Topographie: Es gibt in den sieben Weltmeeren nur wenige Tauchplätze, die es diesbezüglich mit El Bajón aufnehmen können. Die Steilwände ziehen einen förmlich in die Tiefe; man sieht Einkerbungen, kleine Höhlen und scharfkantige Platten, unter denen sich Muränen und Krebse verbergen. Dies alles geht einher mit überragenden Sichtweiten von rund 40 Metern, und wenn man dann am Ende des Tauchganges wieder den höchsten Punkt erreicht hat, fällt der Blick auf das, was einen Vulkan auch unter Wasser ausmacht: den Krater in der Mitte.

          Unter Wasser tobt das pralle Leben Bilderstrecke
          Unter Wasser tobt das pralle Leben :

          Dabei ist es gerade mal zwei Jahre her, dass der 600-Seelen-Ort La Restinga sowie der Tauchsport dort am Ende waren. Am 10. Oktober 2011 brach sechs Kilometer vor der Küste, in 1000 Meter Tiefe, die Hölle aus. Fontänen schossen zwanzig Meter hoch aus dem Meer heraus, Fische trieben mit den Bäuchen nach oben, die Erde bebte, und das Meer stank durchdringend nach Schwefel. Ein braun-grünes Leichentuch aus Gasen und Sediment bedeckte die Wasseroberfläche, doppelt so groß wie die Insel selbst. Am Tag darauf wurde La Restinga evakuiert.

          Der Ort, der nur vom Tauchen und Fischfang lebte, verkam zur Geisterstadt. Beben folgte auf Beben, mal stärker, mal schwächer, bis im März 2012 die Eruptionen beendet waren. Heute ist die Region für Biologen zum Sinnbild dessen geworden, was die Natur erreicht, wenn der Mensch ihr nicht ins Drehbuch pfuscht. Nach den Vulkanausbrüchen sorgten die nährstoffreichen Ablagerungen zuerst für einen starken Algenbewuchs, der dann Kleinstlebewesen, Krebsen, Schnecken und jungen Fischen als Nahrung diente. Mit der zunehmenden Masse an Fisch kamen auch die Räuber wieder: Zackenbarsche, Makrelen, Thunfische. Ab und zu sieht man von der Hafenmauer aus, wie weit draußen ein Finnwal seinen Blas in die Luft stößt, und um El Bajón herum tobt wieder die Fischwelt.

          Was Touristen auf El Hierro brauchen, ist ein Leihwagen, sagt Pepe. Einen Tag nur, das würde genügen, aber dieser Tag müsse sein. Seine Insel ist in etwa so groß wie Dortmund, hat lediglich 10 800 Einwohner und weniger Straßen als der New Yorker Central Park. Aber sobald man das wenig ansehnliche La Restinga mit seinen legosteinartigen Häusern hinter sich gelassen hat, beginnt eine Welt voller Schönheit, die mit ihren wie verwunschen daliegenden Kieferwäldern, den schroffen Klippen und mit rotem Mohn betupften Wiesen wie eine Kulisse aus „Der Herr der Ringe“ wirkt. Ansonsten gibt es wenig Sehenswürdigkeiten, die als Ausflugsziel lohnen. Auf El Hierro ist der Weg das Ziel, die Natur die Attraktion. Über wie unter Wasser.

          Der Weg nach El Hierro

          Anreise

          Von vielen Kanareninseln aus bestehen Fährverbindungen nach El Hierro. Die bequemste Anreise führt von Gran Canaria per einstündigem Inlandsflug nach El Hierro. Pro Person gewährt die regionale Fluggesellschaft Binter Canarias 20 Kilogramm Freigepäck - wer beim Einchecken sein Tauchgepäck angibt, bekommt fünf Kilogramm pro Person extra. Jedes weitere Kilo wird vor Ort mit 1,56 Euro pro Strecke verrechnet (Stand Oktober 2013).

          Unterkunft

          Ein Hotel gibt es in La Restinga nicht. Tauchbasen oder Reiseveranstalter vermitteln gerne preisgünstige Apartments, die meist einfach und zweckmäßig eingerichtet sind.

          Tauchen

          Je nach Jahreszeit und persönlichem Kälteempfinden empfiehlt sich ein Fünf- oder Siebenmillimeter-Anzug; die Wassertemperaturen pendeln zwischen 19 und 24 Grad. Auch wenn einige Plätze anfängertauglich sind, ist das Tauchen auf El Hierro eher anspruchsvoll.

          Tauchbasis und Anbieter

          Getaucht wurde mit der Extra-Divers-Tauchbasis in La Restinga (www.extradivers-worldwide.com). Mehr Informationen und Buchungsadresse: Reisecenter Federsee (www.rcf-tauchreisen.de) Die Reise wurde unterstützt vom Reisecenter Federsee.

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