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Kaliforniens Winzer : Macht Wein, nicht Krieg!

Neue Welt mit alter Geschichte: Schon seit 1769 wird in Kalifornien Wein angebaut. Und vielen gilt er bis heute als der beste Nordamerikas. Bild: Foto Sonoma County Tourism

Der cleverste Traubenverkäufer Amerikas, die unpatriotischste Spätburgunder-Liebhaberin an der Pazifikküste und zwei Ex-GIs mit deutschen Erweckungserlebnissen: Kaliforniens Winzerschaft ist so schillernd, wie es seine Weine sind. Drei Proben aufs Exempel.

          11 Min.

          Sein Kopf, so kolossal wie ein Monumentalschädel der Olmeken Mexikos, begrüßt uns am Eingang des Weinguts, und bescheidener sollte er auch nicht sein, denn klein hat Robert Mondavi zeit seines fast hundertjährigen Lebens nie gedacht. Tonnenschwer und basketballspielergroß ist die Skulptur, die kaum merklich zu lächeln scheint, ganz so, als blicke der Großwinzer mit postumer Genugtuung auf das Werk, das er fast im Alleingang erschaffen hat: Er hat aus dem Napa Valley nördlich von San Francisco das berühmteste, beliebteste und zugleich exklusivste Weinbaugebiet der Vereinigten Staaten von Amerika gemacht, das mit seinen Gewächsen längst in der Preisklasse der teuersten Burgunder und kostbarsten Bordelaiser Châteaux spielt, mit seinen vier Millionen Besuchern pro Jahr nur von Disneyland als populärster Touristenattraktion Kaliforniens übertroffen wird und mit seiner hochprofessionellen Kommerzialisierung mitunter auch an ein Disneyland der Reben erinnert.

          Jakob Strobel y Serra
          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Hundertsechzigtausend Menschen defilieren jedes Jahr am Kolossalquadratschädel vorbei in die 1966 gegründete Robert Mondavi Winery, die einer spanischen Missionsstation nachempfunden ist und damit dem mallorquinischen Franziskanermönch Junípero Serra die Honneurs macht, dem Urvater von Kaliforniens Weinbau, der 1769 die ersten Rebstöcke an der Pazifikküste für den Messwein pflanzte. Alle zwanzig Minuten beginnt in der Hochsaison eine Führung in Englisch oder Mandarin, die im Stakkato-Tempo die Besucher durch die Fasskeller mit ihren haushohen Gärtanks und Tausenden französischer Barriques schleust, sie in der VIP-Variante den kraftstrotzenden und trotzdem samtweichen Cabernet Sauvignon Reserve für hundertsiebzig Dollar pro Flasche verkosten lässt und ihnen dabei das märchenhafte Leben des italienischen Einwandererkindes Robert Mondavi erzählt. Er weckte das Tal aus seinem Dornröschenschlaf, in den es nach der Prohibition gefallen war, führte moderne Kellertechniken ein, öffnete als Erster sein Weingut für Touristen, vermarktete seine Cabernets und Fumés so offensiv wie Coca-Cola seine Brause und machte dank seines Verkaufstalents aus dem Napa Valley eine globale Marke. Heute werden unter seinem Namen jedes Jahr hundertfünfzig Millionen Flaschen verkauft, und einmal in der Robert Mondavi Winery gewesen zu sein kommt für viele amerikanische Weinliebhaber einer Pilgerfahrt zum Heiligen Gral gleich.

          Kussmünder als Sitzgelegenheiten

          Ein schöneres Ziel als dieses Tal werden sie in Nordamerika kaum finden, das in seiner pittoresken Kompaktheit an das Burgund oder die Pfalz erinnert. Über vierzig Kilometer zieht es sich wie ein Rebengarten Eden zwischen zwei waldreichen Bergketten von Süden nach Norden, lückenlos bepflanzt mit zwanzigtausend Hektar Rebstöcken, sorgsam bewirtschaftet zumeist von Familienbetrieben, stilsicher möbliert mit fein herausgeputzten Kleinstädten. Die feinste von allen ist Yountville, ein Ort der kultivierten Sorglosigkeit, in dem das Geld nicht zum Protz neigt und sich selbst die Luxushotels mit ihren Fassaden aus alten Fassdauben demütig in das Holzhäuschenensemble einfügen, in denen niemand um sein Leben kämpfen muss und einzig ältere Herrschaften auf Rennrädern in voller Tour-de-France-Montur Kämpfe gegen sich selbst ausfechten.

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