https://www.faz.net/-gxh-7n9cl

Kabeljau-Weltmeisterschaft : Dicke Dinger unterm Kiel

  • -Aktualisiert am
Vermummte Gestalten ohne böse Absichten: Wintersurfer auf dem Weg ins eisige Meer.
Vermummte Gestalten ohne böse Absichten: Wintersurfer auf dem Weg ins eisige Meer. : Bild: Franziska Horn

Immer einsamer wird die Gegend, als die Landstraße direkt auf eine hohe Felswand zuhält und in einem Tunnelloch verschwindet. Zurück im Tageslicht eröffnet sich das vielleicht schönste Ende der Welt: eine abgeschlossene, stille Bucht, begrenzt von hohen Bergrücken, darin wie hingewürfelt ein paar verstreute Häuschen. Weit drüben stecken zwei Pferde die Nüstern in den Schnee. „Unstad ist der beste Spot zum Wintersurfen“, sagt Kristian und schaut aufs Meer hinaus. Seine Augen glitzern vor Vorfreude. In einem der Häuser leben Tommy Olsen und Marion Frantzen. Beide stammen von hier. Mit ihren fünf Kindern verbringen sie den Hochwinter auf Hawaii, zum Surfen natürlich. Wenn die heimische Saison beginnt, kommen sie zurück. Tommy erklärt uns, wie man den hautengen Wetsuit, die gummierten Neoprenschuhe, die Sturmhaube überstreift, die knapp das Gesicht frei lässt. Dann karrt er die vier Verwegenen im Auto mitsamt der Boards die letzten paar hundert Meter zum Strand hinunter.

Die Neugier des Seehundes

Es ist ein seltenes Bild: Fünf pechschwarze Gestalten in Taucheranzügen schleifen bunte Boards erst durch den Schnee, dann über Sand. Dort gibt Tommy letzte Instruktionen, erklärt den Neulingen, wie man Wellen anschneidet, wie man paddelt, auf dem Brett kniet oder aufsteht. Schon in den sechziger Jahren entdeckten die ersten Surfer die Bucht für sich, die Wellen von Unstad sind in der Szene berühmt. Heute sind die Brecher eher zahm, wir haben Anfängerglück. Ab ins Meer und gleich die erste Überraschung: Der Wetsuit lässt Wasser an die Haut, doch es fühlt sich nicht eisig an. Das mag auch am immerhin vier Grad warmen Wasser liegen, das von der Fernwärme des Golfstroms profitiert. Die nächsten beiden Stunden gehören den Wellen, dem Meer, dem Wasser, der Luft. Das kräftige Paddeln strengt an und hält den Körper warm. Eine wahre Sternstunde ist das, hier in der freien Natur. Ein Stück weiter draußen streckt plötzlich, einen Steinwurf entfernt, ein Seehund den Kopf aus dem Wasser, beobachtet neugierig die Bauchpaddlerflotte. Nur Minuten später kreist ein Seeadler über dem Wasser und schraubt sich dann immer höher.

Die Jacke des Erfolges: Dutzende Sticker künden von früheren Triumphen.
Die Jacke des Erfolges: Dutzende Sticker künden von früheren Triumphen. : Bild: Franziska Horn

Solche Momente muss man feiern - mit einem Nordlands-Pils im heißen Wasser des Hot Tub, der gleich neben dem Haupthaus steht. „Japaner, Australier, alle kommen her, um die großen Wellen zu erleben“, sagt Tommy. Während Marion panierte Dorschzungen mit brauner Butter und saurer Sahne auftischt, beginnt es draußen zu schneien. Sonne, Wolken, Schnee: Dieser rasche Wechsel ist typisch für die Lofoten.

Eine Berühmtheit mit Leopardenflecken

Auf dem Rückweg machen die Surfer in Henningsvær halt, dem wichtigsten Hafen im Vestfjord. Der Ort liegt auf einer Landzunge nah an den Fischgründen, und wer wirklich etwas über dieses Dorf erfahren will, geht in die Fischfabrik. Hier löschen die Schiffe ihre kostbare Fracht, hier werden die Köpfe abgetrennt, die Leiber ausgenommen, gesalzen und verarbeitet, bevor sie draußen an Trockengestellen überwintern. An einem der langen Tische stülpt ein junges Mädchen die Fischköpfe über einen Metallpflock, trennt mit einem geschickten Schnitt die Zungen heraus - ein begehrter, weil gutbezahlter Ferienjob. Zudem gelten die Zungen als Delikatesse. In der Empfangshalle warten weitere Spezialitäten auf einer langen Tafel: Es gibt Fischsuppe, geräucherten Rogen mit Brot, Trockenfisch in diversen Varianten. Wer mutig ist, kostet den mit fünfzig Prozent Alkohol versetzten Lebertran, er gilt als Allheilmittel und geht runter wie Öl, wen wundert’s. Wer der innerlichen Anwendung nichts abgewinne, könne mit dem Tran seine Öllampe befeuern oder die Hauswand streichen, sagt einer der Fischer trocken.

Weitere Themen

Topmeldungen

Brennende Waldfläche in Nova Maringa, Brasilien

Earth Overshoot Day : „Ein Sturm aus Klimawandel und Ressourcenknappheit“

Am heutigen Earth Overshoot Day sind die Ressourcen der Erde für dieses Jahr verbraucht. Der Präsident des Global Footprint Network erklärt das Problem hinter dem Klimawandel – und spricht über tiefe Missverständnisse.
Angstgegner in vielen Sportstunden: der Bock mit einem verdächtig flachen Sprungbrett davor und einer täuschend empfänglichen Weichbodenmatte dahinter

Zwischen Corona und Olympia : Schulsport? Fällt aus!

Der Wettkampf wird den Schülern immer fremder. Die Vereine erleben eine Austrittswelle von Kindern und Jugendlichen. Was können ihnen die Olympischen Spiele noch sagen?

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.