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Jetlag : Mehr Licht!

  • -Aktualisiert am

Hilft Vielfliegern: der „Jetlag Advisor” von British Airways Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Nicht selten beginnt ein Urlaub schlaflos: Überwindet man mit dem Flugzeug mehrere Zeitzonen kommt die innere Uhr durcheinander. Um einen Jetlag zu überwinden, hilft der richtige Einsatz von Licht.

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          Der Jetlag trieb ihn nachts immer wieder an die Hotelbar - oder vor den Fernseher: In "Lost in Translation" schaltete sich der abgehalfterte Schauspieler Bob Harris alias Bill Murray verzweifelt durch die japanischen Kanäle, weil er nicht schlafen kann. Bis zu seinem Rückflug nach Los Angeles gelingt Harris die Umstellung auf den japanischen Lebensrhythmus nicht: Er bleibt ein Fremder, der tagsüber mit müdem Blick schlaftrunken durch Tokio wandelt. Damit geht es ihm wie den meisten Menschen, die innerhalb eines Tages mehrere Zeitzonen überfliegen: Durch die hohe Geschwindigkeit des Fluges hinkt die biologische Uhr dem Tag-und-Nacht-Rhythmus des Zielortes hinterher - meist dauert die Umstellung zwei bis drei Tage, manchmal sogar eine Woche.

          Jetzt hat British Airways (BA) als erste Fluggesellschaft mit dem Schlafforscher Chris Idzikowski vom Edinburgh Sleep Centre einen Leitfaden für den Umgang mit Jetlag entwickelt: Mit Hilfe des "Jetlag Advisors" können Reisende auf der Internetseite von BA angeben, wann sie üblicherweise morgens zu Hause aufstehen und wie groß die Zeitverschiebung zum Zielort ist. Der "Jetlag Advisor" errechnet dann per Mausklick jeweils für den ersten und zweiten Tag, wann Reisende Licht am Zielort meiden und wann sie es suchen sollten.

          Nicht jeder hat Zeit sich auszuschlafen

          Irgendwann überwindet jeder Urlauber seinen Jetlag, ob mit dem Online-Ratgeber von "Dr. Sleep" Idzikowski oder den Schlafseminaren des Mediziners Jürgen Zulley von der Universität Regensburg, der Reisenden bei seinen Seminaren die "Angst vor dem Schlaf" nehmen will, wie er sagt.

          Manche Reisende aber haben nicht die Muße, sich auf Seminaren mal so richtig auszuschlafen oder sich derart sorgfältig zu regenerieren, wie es der "Jetlag Advisor" vorschlägt: Für Langstrecken-Piloten zum Beispiel sind die Aufenthalte in Los Angeles, Singapur oder Sidney meist zu kurz, um sich dem dortigen Tag-und-Nacht-Rhythmus anzupassen.

          Piloten leiden oft unter chronischem Jetlag

          Der Lufthansa-Pilot Gunnar Schmidt hat nach einem Flug von Frankfurt nach Los Angeles 48 Stunden Pause - und das ist nach seiner Ansicht zuwenig, um den nächsten Flug erholt anzutreten: "Bei jedem neuen Flug geht man etwas müder an den Start." Das geht so immer weiter, bis die Langstrecken-Piloten ihre gesetzlich vorgeschriebenen vier Tage Ruhe pro Monat in Anspruch nehmen dürfen. In den Sommermonaten, wenn die Flugdichte wächst, befindet sich Schmidt wie viele seiner Kollegen in einem Zustand chronischen Jetlags: Tatsächlich hat Singapore Airlines in einer Studie herausgefunden, daß sich Piloten, die 14 Stunden am Stück fliegen, praktisch nicht mehr erholen können und permanent übermüdet sind.

          Eine denkbare Folge dieser Überbelastung ist der sogenannte Mikroschlaf: Dabei nickt der Pilot - ähnlich wie beim Sekundenschlaf im Auto - für ein bis vier Sekunden ein. "Da kann es schon mal vorkommen, daß man die Landeklappen zu spät ausfährt oder einen Funkspruch verpennt", räumt Schmidt ein.

          Übermüdung kann Abstürze verursachen

          Ein verpaßter Funkspruch ist natürlich noch keine Katastrophe, allerdings ist erwiesen, daß Jetlag in mindestens zwei Fällen zum Absturz von Flugzeugen geführt hat: Im August 1993 stürzte ein amerikanisches Frachtflugzeug etwa 400 Meter vor der Landebahn in Guantanamo Bay ab, nachdem der Pilot die Kontrolle über seine Maschine verloren hatte. Ausgelöst hatte das Unglück der chronische Jetlag des Piloten: Die Crew war zuvor schon neun Stunden geflogen und seit 18 Stunden im Dienst.

          Weniger glimpflich endete vier Jahre später der Absturz einer Passagiermaschine der Korean Air auf dem Weg von Seoul zur Pazifikinsel Guam: Auch weil der Kapitän übermüdet war, lenkte er die Boeing 747 keine fünf Kilometer vom Flughafen entfernt in eine Bergkette, wo sie zerschellte und in Flammen aufging. Nur 23 der 254 Passagiere überlebten das Unglück. "Eigentlich müßten wir nach jedem Flug vier Tage Pause einlegen, um uns richtig zu erholen", sagt der Lufthansa-Pilot Gunnar Schmidt. "Jeder kann sich aber vorstellen, wie teuer Langstreckenflüge dann werden."

          Schnellere Umstellung des Biorhythmus mit Licht

          Vier Tage Ruhe wären mehr als genug, um mit Idzikowskis Methode den Jetlag zu überwinden. Der Mediziner rät Urlaubern, sich je nach Auskunft des "Jetlag Advisors" möglichst direkt dem Tageslicht auszusetzen: "Sonne ist die effektivste Lichtquelle, wenn es am Zielort aber Nacht ist, helfen auch eine Leselampe oder sogar Straßenbeleuchtung."

          Wer umgekehrt Licht vermeiden will, müsse den Raum vollständig abdunkeln oder eine spezielle Schlafbrille tragen. "Licht ist der wichtigste Faktor, um Jetlag zu bekämpfen", sagte Idzikowski kürzlich dem Online-Magazin "The Scotsman". In den vergangenen zehn Jahren hat der Schlafforscher ein Nervenzentrum im Gehirn entdeckt, das die biologische Uhr jedes Menschen steuert. Lichtrezeptoren in den Augen sind direkt mit diesem Nervenzentrum verbunden. Deshalb kann Licht oder Dunkelheit zur richtigen Zeit die Umstellung des Biorhythmus beschleunigen.

          „Jetlag ist ein lösbares Problem“

          Nach bisherigen Erkenntnissen braucht jeder Reisende etwa einen Tag, um sich einer Zeitzone anzupassen. Dank des "Jetlag Advisors" ließe sich die Anpassung jetzt um das Dreifache beschleunigen, behauptet Idzikowski. Während des Fluges, rät der Mediziner weiter, solle man möglichst in horizontaler Position schlafen, in der Economy Class zumindest eine Schlafmaske und Ohrstöpsel tragen und vor allem auf Alkohol verzichten. "Die gute Nachricht für alle Reisenden", tröstet Idzikowski: "Jetlag ist ein lösbares Problem."

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