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Jean-Paul-Weg : In ferne Welten aus den Stuben über Sterne

Wenn der Weg nicht durch den Wald führt, windet er sich durch Ackerland: Der Jean-Paul-Weg bei Metzlersreuth Bild: Freddy Langer

Lebensstationen eines wilden Dichters und sehr viel Natur : Im Fichtelgebirge unterwegs auf dem Jean-Paul-Weg.

          15 Min.

          Am Ende habe ich ihm wohl tausend Mal ins Gesicht geschaut. Diesen Blick erwidert, in dem sich Skepsis und Selbstbewusstsein, Scheu und Arroganz auf ganz seltsame Weise vermischen, und der noch so gar nichts vermittelt von der großen Erscheinung Jean Pauls, von denen die späteren Konterfeis zeugen. Vielmehr unterstellt dieses Jugendbildnis, wie man es trotz der hohen Stirn und trotz des ernsten Ausdrucks nennen möchte, eine arg protestantisch wirkende Verkniffenheit. Heinrich Sintzenich hat das Bild 1797 gestochen, als Titelkupfer für die zweite Auflage des „Hesperus“, des größten literarischen Erfolgs Jean Pauls.

          Freddy Langer
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Jetzt markiert das Bild den längsten Teil des Jean-Paul-Wegs, einer Wanderstrecke von knapp zweihundert Kilometern, die vom Frankenwald durchs Fichtelgebirge nach Bayreuth und dann weiter bis in die Fränkische Schweiz führt. Wie ein Medaillon sitzt das Porträt in einem tanngrünen Oval, darüber der Name der Route, in leicht verschnörkelter Typographie. Das Schild klebt an Bäumen, Pfählen und Straßenlaternen, an Hinweistafeln und Trafokästen, an Zäunen und Scheunen, Hochspannungsmasten und Bushaltestellen. Manchmal sieht man über lange Strecken hinweg immer schon die nächste Markierung grün aufleuchten, so dicht folgen die Schildchen aufeinander. Wie Schnipsel einer Schitzeljagd. Wie ein Versprechen. Und doch passiert es unterwegs ein ums andere Mal, dass Fussgänger den Weg ebenso wenig kennen wie den Namen des Dichters. „Nie gehört“, sagen sie mal mit fränkischem, mal mit bayrischem Zungenschlag, je nachdem, in welchem Ort oder auch nur in welcher Ortshälfte man mit Passanten ins Gespräch kommt. Besonders viele Menschen allerdings waren das nicht, denen ich um diese Jahreszeit bei diesem Wetter im Wald oder selbst in den Dörfern begegnet bin. Kein Dutzend in sieben Tagen.

          Oberfrankens Rückgrat

          „Hesperus“, dieser bizarre, raffiniert verdrehte, blitzgescheite und bis an die Grenzen des Erträglichen herzerwärmende Liebesroman hatte Jean Paul augenblicklich berühmt gemacht. Das Bildnis vor dem Buchtitel aber hat er nie gemocht, schlimmer noch: Er nannte es „abscheulich und unkentlich zugleich“. Überhaupt: An all seinen Porträts krittelte er herum, nannte sie Verwandlungen seines Gesichts oder gleich Verleumdungen. Nur ein einziges ließ er gelten, das Gemälde von Friedrich Meier - das Bild, das man als Vorlage für die Markierung des letzten Teils der Wanderroute ausgewählt hat, durch Bayreuth und von dort aus bis an ihr Ende in Sanspareil. Jean Paul sieht darauf ein wenig aus wie Goethe, ausgerechnet Goethe, der nicht viel auf ihn gab und ihn auf Distanz hielt, als die beiden in Weimar für einige Zeit Nachbarn waren. Aber die Ähnlichkeit war Jean Paul vielleicht gar nicht bewusst, und womöglich hatte sich der Maler auch einfach nur am Ideal eines Dichters orientiert, besser noch: eines Dichterfürsten, wie man ihn sich damals vorgestellt hat. Und das war er wohl. Jean Pauls Bücher jedenfalls verkauften sich um die Wende vom achtzehnten zum neunzehnten Jahrhundert besser als die Goethes, und es heißt von ihm, er sei der erste deutsche Schriftsteller gewesen, der vom Verkauf seiner Bücher leben konnte. Wirklich reich war er nie. Aber es ist schon erstaunlich genug, wie er sich aus bitterster Armut vom Dorfpfarrerssohn, dann Halbwaisen und Bettelstudenten über die Schreiberei unverkäuflicher Satiren sowie Anstellungen als Hauslehrer und Erzieher allmählich nach oben gearbeitet hat.

          Bild: F.A.Z.

          Der Wanderweg durch Oberfranken verbindet mäandernd Jean Pauls zentrale Lebensstationen. Doch wenn man ihn auf eine alte Karte des Fürstentums Bayreuth überträgt, aus der Zeit um 1790, dann führt die Linie zugleich durch die Gesamtheit ebendieses Fleckens, berührt unterwegs fünfmal dessen Grenzen in allen Himmelsrichtungen und wird so etwas wie ihr Rückgrat. Jetzt soll er ihr touristisch den Rücken stärken, einer Gegend, der mit Ausnahme des Tourismus alle anderen Industriezweige in den vergangenen Jahren weggebrochen sind.

          Der Weg beginnt in Joditz, nicht Jean Pauls eigentlichem Geburtsort, aber seinem „geistigen Geburtsort“, wie er gesagt haben soll. So jedenfalls sagt das Eberhard Schmidt, der in einem Fachwerkhaus in Joditz schon vor mehr als fünfzehn Jahren ein bezauberndes, kleines Museum eingerichtet hat mit Jean-Paul-Büchern von den Erstausgaben bis zu Übersetzungen ins Japanische, mit Jean-Paul-Bildern eines ganzen Lebens, mit Damenporträts der „erotischen Gesellschaft“, die Jean Paul um sich versammelt hatte, mit Jean-Paul-Memorabilia bis hin zu Bierflaschen mit Jean-Paul-Etiketten und mit Möbeln aus dem frühen neunzehnten Jahrhundert. Schmidts bestes Stück aber ist er selbst, und er brauchte gar nichts weiter als nur sich, um in die Welt dieses verschrobenen Literaten einzuführen, und dem er ja sogar optisch ein wenig gleicht, zumal wenn er leicht erregt aus dessen Romanen und biographischen Notizen minutenlang auswendig rauf und runter zitiert, dass ihm mitunter das Haar zittert.

          Ein Leben als Romanstoff

          Früher habe er, sagt Schmidt, eine Buchhandlung gehabt, in Hof, und er sagt, dass er das Motto seines Ladens damals aus vierzigtausend Seiten von Jean Paul herausgefischt habe: „Lesen heißt Wandern gehen in ferne Welten aus den Stuben über Sterne.“ Und damit das auch jene begreifen, die den direkten Weg nehmen, den Jean-Paul-Weg nämlich, ohne die Umleitung durch die Lektüre eines schon maßlos zu nennenden Werks, hat Schmidt darüber hinaus Textpassagen zusammengetragen, die nun entlang der Strecke auf Tafeln gedruckt stehen. So wird man, kaum dass man seinen Rhythmus gefunden hat, prompt wieder aufgehalten - und angehalten, sich der Dichtung zu widmen. „Mit wieviel kleinen Mitteln muss sich der Mensch abgeben“, steht an einer dieser Stationen, „ehe er mit etwas Großem sich beschäftigen kann.“

          Es ist früher Morgen. Die Wolken hängen tief und schwer über Joditz. Kein Mensch weit und breit, auch kein Tier, und von nirgendwo ein Laut. Als Eberhard Schmidt seine Führung durch das Dorf beginnt und den Schlüssel im Schloss der Kirchentür dreht, hört man das Knarzen wohl bis zum Ortsausgang. Dort hat er gelegen, sagt Schmidt und deutet über den Altar, wo früher auf einer Empore die Orgel stand. Der junge Jean Paul, der damals noch Johannes Paul Friedrich Richter hieß, habe sich um den Gottesdienst kaum gekümmert. Sein Vater war Pfarrer der kleinen Gemeinde, und der hochbegabte und bildungswütige Bub kannte dessen Predigten auswendig, noch bevor der Vater sie sich durch lautes Vorlesen eingeprägt hatte. So lümmelte er den Gottesdienst über hinter einer Ballustrade, wo er Robinson Crusoe las und von wo aus er amüsiert auf den nackten Po der barocken Christusfigur über der Kanzel schaute oder verliebt zur blatternarbigen Auguste hinunterschielte, einem Mädchen aus dem Dorf, dem er von seinen regelmäßigen Einkaufstouren zu den Großeltern in Hof bisweilen einen Pfefferkuchen mitbrachte. Oder wenigstens fast. Denn unterwegs begann er jedes Mal daran zu knabbern, die Mandeln zuerst, dann hier ein Stückchen, dort ein Stückchen, bis sich die Spuren seiner Bisse nicht mehr verbergen ließen, und dann kam eben kurzerhand auch der Rest an die Reihe. „Der Geliebten einen Pfefferkuchen zu schenken ist sehr schwierig“, zitiert Eberhard Schmidt aus Jean Pauls „Flegeljahren“, „weil man ihn oft vor der Schenkung selber verzehrt.“

          Der Name des Fichtelgebirges leitet sich nicht von den Fichten ab, die dort überall stehen. Sie wurden erste im neunzehnten Jahrhundert gepflanzt, wie hier entlang der Eger.
          Der Name des Fichtelgebirges leitet sich nicht von den Fichten ab, die dort überall stehen. Sie wurden erste im neunzehnten Jahrhundert gepflanzt, wie hier entlang der Eger. : Bild: Freddy Langer

          Heute sind es vor allem die kauzigen Anekdoten, die von Jean Paul in Erinnernung sind. Er selbst hat ja sein halbes Leben zum Stoff seiner Geschichten gemacht und den Rest in seinen Bergen von Kritzelbüchern festgehalten, mit der Begründung, dass man kein anderes Leben lebe und kenne als das eigene. Und gleichsam als Mahnung an sich selbst notierte er: „Schreib’ alles auf, gerade wenn etwas sich zuträgt, glaubt man es nie zu vergesen, weil die Gegenwart glänzt; aber die nächste thuts auch und dan vergisset man.“ Leben und Schreiben waren für ihn zeitlebens ein und dasselbe.

          Der Würstel-Mann in der Fußgängerzone

          Joditz, wo Jean Paul vom dritten bis zum dreizehnten Lebensjahr wohnte, diese „geistige Saharawüste“, wie er den Ort einmal nannte, taucht in seinen Erzählungen als Auenthal, Hukelum oder Elterlein auf; Hof heißt bei ihm Kuhschnappel. Dazwischen liegen gut zehn Kilometer Wanderwegs entlang der Saale.

          Mittlerweile hat es zu regnen begonnen, und es wird, abgesehen von ein paar Stunden pro Tag, für den Rest der Woche auch nicht mehr aufhören, unterbrochen bestenfalls von einem Hagelschauer oder von Schneefall, wie spätnachmittags auf dem Gipfel des Waldsteins. „Man steigt den grünen Berg hinauf, um oben auf dem Eisberge zu sterben“, hat Jean Paul geschrieben. Doch es sind nur ein paar Flocken, und ihr Wirbeln und Purzeln und Treiben dauert nicht einmal eine Minute, gerade so, als habe jemand im Himmel eine Schubkarre ausgekippt, aber das ist erst am folgenden Tag, und richtig interessieren konnte ich dafür auch niemanden, nicht einmal Sylvia, eine Freundin, die sich sonst so gern per SMS über das schlechte Wetter während meiner Wanderungen leicht lästerlich auslässt. Auf die Mitteilung: „Bin auf dem Waldstein. Hier schneits“ kam unmittelbar zurück: „Bin im Museum. Hier kunsts.“

          Jetzt prasseln erst einmal Regentropfen lustig auf den Fluss, die Saale, und springen übermütig wieder aus dem Wasser heraus. Ein paar Enten haben sich unter Büsche verkrochen. Die Fattigsmühle, ein Hof mit biologisch einwandfreien Speisen auf der Karte und einem riesigen Biergarten direkt über dem Fluss, hat geschlossen, nur der Nebensaison wegen und nicht aus wirtschaftlichen Gründen, wie so viele andere Gasthäuser später entlang des Wegs. Aber hier ist das noch egal, denn in Hof steht unter einem vorgezogenen Dach in der Fußgängerzone ein „Wärschtlamo“ oder Würstchen-Mann, wie man auf Hochdeutsch sagen würde, und klappt den Deckel seines tragbaren, mit Holzkohle gefeuerten Herds auf, noch bevor ich meinen Schirm zusammengeklappt habe, nicht etwa, um die Würstchen zu zeigen, sondern den Wasserstand. Denn es gebe, unterscheidet er sein Angebot von dem seiner Kollegen in der Fußgängerzone, hier den einen oder anderen Verkäufer, der seine Würstchen nicht siede, sondern ersäufe. Ich entscheide mich für eine Bauernbratwurst, die besser schmeckt als jede andere Bauernbratwurst, die ich in meinem Leben gegessen habe, und als ich das dem Wärschtlamo sage, erklärt er mir so kurzweilig wie verdrechselt sein Geschäftsmodell und die Funktion des tragbaren Herds, schimpft über die Richtlinien der EU und verät mit allerhand Fremdwörtern seine Geheimnisse der Zubereitung, von denen ich nur Osmose behalte, und erzählt mir dann noch sein halbes Leben, dass ich gar nicht anders kann, als zu denken, in dieser Gegend seien wohl alle Männer irgendwie so, wie Jean Paul gewesen sein könnte.

          Er liebte Kartoffeln und Bier

          Ab Hof, wo Jean Paul als Kind von Joditz aus regelmäßig die Großeltern besucht hat, wo er aufs Gymnasium ging und wohin er später für einige Jahre zog, „wo ich das Schlimmste gelitten und das Beste geschrieben“, wie es bei ihm heißt, und wo er „blutarm und wenig geachtet“ war, ab Hof also verlässt man die Fußstapfen Jean Pauls. Fortan verbindet der Pfad nur noch Lebensstationen. Zwar wurde Jean Paul zum leidenschaftlichen Wanderer, schon allein, weil ihm das Geld für die Kutsche fehlte, und er führte seine stabile Gesundheit gerade auf die täglichen Gänge in der Natur zurück; die fünfzig Kilometer von Bayreuth nach Hof schaffte er an einem Tag, und nach Weimar oder Nürnberg brauchte er drei Tage. Aber dass er auf den Passagen des Jean-Paul-Wegs unterwegs war, ist nicht wahrscheinlich und schon gar nicht verbürgt. Große Teile der Strecke hat es vermutlich damals noch nicht einmal gegeben. So wie ja auch die Landschaft damals ganz anders aussah.

          Dort, wo heute dichte Fichtenwälder die Höhenkuppen überdecken, war zu Jean Pauls Zeiten alles gerodet. Die Berge waren oft „kahl und steinicht“ und die lichten Wälder, wenn es denn welche gab, geprägt von Laubbäumen. Es wuchs noch dicht der Wacholder, aber in erster Linie wurde die Landschaft als Weidefläche für Schweine, Rinder und Ziegen genutzt. Im sandigen Boden pflanzte man Kartoffeln, die ersten in ganz Deutschland, weil sich mit den Knollen ein holländischer Obrist im Jahr 1648 bei einem fichtelgebirgischen Bauern, dessen Tochter er geschwängert hatte, freigekauft haben soll. Deren Erfolg ließ nicht lange auf sich warten. Auch weil nun endlich die vielköpfigen Familien satt wurden - aber vor allem, weil auf Gemüse, das unter der Erde wächst, damals kein Zehnt erhoben wurde. Jean Paul im Übrigen liebte Kartoffeln und ließ sich von seiner Lieblingswirtin außerhalb Bayreuths, der Rollwenzelin, nichts anderes zum Mittagessen bringen. Aber bis dorthin sind es noch fünf Tage.

          Johann Theodor Benjamin Helfrecht, ein Lehrer Jean Pauls am Gymnasium in Hof und zugleich später dessen Gewährsmann, wenn es darum ging, die Landschaft samt Flora exakt zu treffen, hat im Jahr 1800 die Gegend detailliert beschrieben. Auch diesen Studien sind reichlich Texttafeln entlang des Wegs gewidmet, und es passiert mehr als einmal, dass man Helfrechts Beschreibungen mit der Gegenwart beim besten Willen nicht zur Deckung bringen kann.

          Erotik war das zweite große Lebensthema

          Dafür hat man in den Ortschaften bisweilen den Eindruck, es habe sich seit Jean Pauls Tagen nichts geändert. Etwa in Schwarzenbach, wo die Gassen noch eng sind und rund um die Kirche die Häuser noch schief stehen, mit blinden Scheiben und bröckelndem Putz. Dorthin war Jean Pauls Vater 1776 von Joditz aus als Gemeindepfarrer versetzt worden, dort allerdings starb er auch nach nur wenigen Jahren, woraufhin die Mutter mit den fünf Söhnen in ärmlichsten Verhältnissen hauste. Immerhin, für Jean Paul blieb der Ort für immer verbunden mit einem „verbotenen Wagstücke“, als er eines Abends das Pfarrhaus verließ, um in der Schenkstube unten am Fluß „ein lang geliebtes Wesen an Brust und Mund“ zu drücken - „und im Finstern hinter den geschlossenen Augen enfaltete sich das Feuerwerk des Lebens“, fasst er Jahre später sein heimliches Treffen mit Katharina Bär in seiner „Selberlebensbeschreibung“ zusammen. Erotik war das zweite große Thema seines Lebens.

          Dem anderen widme ich mich am Abend, dem ersten meiner Wanderung, im Gasthof „Zur Sonne“, in dem ich mit Produkten der Brauerei Scherdel mein Training für Bayreuth beginne. An den folgenden Abenden werden Kürzdörfer, Michael, Mönchshof und Leikeim hinzukommen. Denn auch ich habe mir ein Jean-Paul-Zitat ausgesucht, als Motto für die Tour, freilich ohne dafür vierzigtausend Seiten zu durchforschen. Es ist hinlänglich bekannt. Jean Paul hatte es in Vorfreude auf die große Stadt geschrieben: „Bin ich erstmal in Bayreuth, Himmel, wie werd’ ich trinken!“ Dazu esse ich Schweinebraten in Schwarzbiersoße mit Sauerkraut und Klößen. Es ist der beste Schweinebraten, den ich in meinem Leben gegessen habe.

          Jean Pauls Umgang mit Bier, aber auch Wein und Kaffee, kann man ohne Übertreibung als medikamentös bezeichnen. Von morgens an suchte er einen bestimmten Pegel zu halten, bei dem er inspiriert und munter vor sich hinschrieb, angeschickert, könnte man sagen, keineswegs betrunken. „Mich ärgert oft ordentlich“, schreibt er in einem Brief, „dass so vieler kostbarer Wein in Europa ohne Feder in der Hand vertrunken wird.“ Und auch: „Was alles Böses gegen das Bier bei Philosophen gesagt wird, gilt nicht bei mir.“ Die Männer vom Stammtisch verfolgen mein Training zunächst mit gewissem Interesse, wenden sich dann aber Themen wie der NSA zu, dem Handy als Ortungsinstrument und dem legendären FBI-Chef Hoover und der Frage, wie der sich heute wohl verhielte. Provinziell kann man die Debatte wahrlich nicht nennen.

          Die beste Brezel der Welt

          Am nächsten Morgen werfe ich im Vorbeigehen rasch einen Blick auf die Arztpraxis von Friedrich Lochner, der dort praktiziert, wo Erika Fuchs einst gewohnt hat. Sie hat über Jahrzehnte hinweg Donald-Duck-Geschichten ins Deutsche übersetzt, und es ist sicher nicht falsch zu behaupten, dass sie bisweilen vom Geiste Jean Pauls beflügelt war. Ortsnamen der Region hat sie eins zu eins übernommen, Oberkotzau etwa, und weil sie die berühmteste Tochter der Stadt ist, errichtet man im neueren Teil des Orts gerade ein Gebäude aus Beton, in dem für sie ein Museum untergebracht werden soll. Dann mache ich mich auf Etappe zwei der Wanderung: von Schwarzenbach nach Weißenstadt - das hätte sich auch Erika Fuchs nicht schöner ausdenken können. Es nieselt.

          Der Weg führt durch eine sanfte Hügellandschaft von Äckern und Feldern, allesamt abgeerntet, viele frisch gepflügt, in den Pfützen spiegeln sich die Schlechtwetterwolken. Hallerstein weist im Schaukasten mit den amtlichen Bekanntmachungen auf gleich zwei oberfränkische Meistertitel der Faustball-Nachwuchsmannschaften hin, und auch sonst hat man den Eindruck, dass das Dorfleben noch einigermaßen intakt ist. In der Bäckerei gibt es die beste Brezel, die ich in meinem Leben gegessen habe. Ich nehme sie gleich auf die Hand, zumindest eine Serviette aber will mir die Bäckerin mitgeben. „Für irgendwas wird sie schon gut sein“, sagt sie und meint damit unmissverständlich meine Nase, die in dem kalten Wind noch schneller läuft als ich.

          Umso überraschender die Wegtafel, die von der kurzen Lebensdauer einer Windmühle am Ortsrand erzählt, im Jahr 1800 gebaut, als die Flüsse einen Sommer lang zu wenig Wasser führten, um die Mühlen anzutreiben. Die Windmühle habe man nach kurzer Zeit wieder „aufgelassen“. Heute klagen Wandervereine und Naturschützer über den Staatsforst, der bereits hundertvierundzwanzig Vorverträge über Plätze für Windkrafträder abgeschlossen hat, selbst im Naturpark sollen solche Stellen ausgewiesen worden sein. Für den Fremdenverkehr, sagen manche, würde dies unabsehbare Folgen haben. Aber als ich mal wieder durch den Nebel laufe, der sich plötzlich öffnet und sich just in der Lücke ein riesiges Rotorblatt über mir dreht, dass es so aussieht, als habe das Windrad selbst den Nebel fortgeblasen, ist die Situation so gespenstisch, dass ihr selbst ein Caspar David Friedrich eine spirituelle Seite hätte abgewinnen können. Und ist es nicht so, dass sich die ersten Darstellungen von Windmühlen in der niederländischen Landschaftsmalerei nur schwer verkaufen ließen, weil sich die Sammler damals an den hässlichen Gebäuden störten?

          Ein Museum von überwältigender Aufgeräumtheit

          Am Ortsrand von Hallerstein dann ein Steinpark mit wohl einem Dutzend Sorten Granits. Der Frankenwald steht auf Schiefer, das Fichtelgebirge auf Granit, die Fränkische Schweiz auf Kalk - das wusste ich vorher schon, aber es ist doch ganz erstaunlich, wie sehr das die Landschaft prägt, wie eigenwillig sie jeweils dort ist, wo der Stein aufragt und, zerfressen von Wind und Regen, regelrecht zu Labyrinthen hingestreut ist, so wie oberhalb von Bad Alexanderbad, wo man sich für vier Euro Eintritt in einer wildromantischen Landschaft voller Stiegen und Leitern, Schluchten und bizarrer Felsen verlieren kann, so wie auch Goethe es schon tat - damals vermutlich noch ohne Eintritt bezahlen zu müssen.

          Aber meist führt der Weg nur einfach durch Ackerland und Wald, solch dichte Fichtenwälder mitunter freilich, dass man meinen müsste, das Fichtelgebirge verdanke ihnen den Namen. Doch wurden die Bäume erst im neunzehnten Jahrhundert gepflanzt. Artig stehen sie in Reih und Glied. Dort allerdings, wo Bäche munter durch den Wald springen, über Felsen hinweg, satt mit Moos bewachsen, und sich unter Wurzeln hindurchwaschen, die Eger am dritten Tag, der Weiße Main, der hier entspringt, am fünften, dort glaubt man sich in einem Märchenwald, so verzaubert und verzaubernd ist die Szenerie. Und am letzten Tag, dem siebten der Wanderung, in einer „Wolfsloch“ genannten Senke, da steht man vollends im Urwald, einem Chaos aus umgestürzten und zersplitterten Stämmen, als hätten Riesen hier Mikado gespielt, und überall wuchert es, dass man den Weg kaum findet im knöcheltiefen Matsch unter einer gelb und orange leuchtenden Decke von Herbstlaub. Gesperrt für Eindringlinge jeder Art, scheint die sich hier völlig selbst überlassene Natur zu sagen. Und Jean Paul hätte gesagt: „Ablaktierte Bäume auf doppelten Stämmen vergittertem dem Auge den Eingang.“ Denn der Blick reicht immer nur bis zum nächsten umgestürzten Baum, und am Boden nicht weit genug, um nicht doch noch in den Bach zu rutschen, wenn auch nur bis knapp unters Knie. Dann ein Anstieg an einem Wasserfall entlang, eine Biegung nach rechts, und unvermittelt stehe ich auf einer Straße, und es ist, als erwachte ich aus einem Traum, so unwirklich, unglaublich war diese Dschungel-Passage. Wie enttäuschend dagegen Stunden später in Sanspareil, am Endpunkt der Wanderung, die künstliche Wildnis, die sich Markgräfin Wilhelmine von Bayreuth, die Schwester Friedrichs des Großen, 1744 hat anlegen lassen - ein barockes Spiel mit den Schrecken der Natur. Das Café hat geschlossen.

          Natürlich gibt es auch reichlich kulturelle Attraktionen unterwegs. Jean Pauls Geburtszimmer zum Beispiel, das zum zweihundertfünfzigsten Geburtstag des Dichters neu hergerichtet wurde. Es ist ein Raum im heutigen evangelischen Gemeindehaus von Wunsiedel, dem ehemaligen Pfarrhaus, in dem Jean Pauls Eltern vor dem Umzug nach Joditz wohnten. Die Stube, in der der Bub getauft wurde, im selben Gebäude, zur Straße hin und deshalb leichter zu erreichen als die Schlafkammer der Eltern hinter der Küche, war nicht lange nach Jean Pauls Tod eine Art Wallfahrtsstätte gewesen, und in einem Fremdenführer aus dem Jahr 1833 ist davon die Rede, dass die Besucher „nicht selten Nägel von der Wand oder Späne vom Fußboden als Reliquien mit sich nehmen“. Das passiert heute nicht mehr. Peter Seißer, der vor vielen Jahren in seiner Funktion als Landrat dafür gesorgt hat, dass es eine Jean-Paul-Straße im Ort gibt, hat das Zimmer mit puristischer Strenge eingerichtet, fast wie einen Andachtsraum in einem Zisterzienserkloster. Wie auch das neu hergerichtete Jean-Paul-Museum in Bayreuth geprägt ist von überwältigender Aufgeräumtheit, obwohl oder vielleicht gerade weil die vielen Vitrinen und Schubladenkästen mit Bildern und Briefen, Erstausgaben und Devotionalien um das rekonstruierte Arbeitszimmer Jean Pauls gruppiert sind - ein Raum hinter Glas, in dem Bücher und Manuskripte sich stapeln, Frösche und Fliegen ihren Platz haben und es akrobatischer Fähigkeiten bedarf, den Schreibtisch zu erreichen, gerade so, wie es von Jean Pauls Besuchern überliefert ist.

          Der Schmutzfink mit den Gänsefüßchen

          Und in Wunsiedel gibt es sogar ein Lokal, „Die ewige Baustelle“, für das Beate Roth Speisen nachkocht oder entwirft, die in Jean Pauls Romanen eine Rolle spielen: Den Schnepfendreck zum Beispiel aus „Doktor Katzenbergers Badereise“, wobei der Darminhalt hier durch ein mit Estragon gewürztes Auberginen-Mus ersetzt ist; so wie sich hinter dem gebackenen Katzendreck Mandeln und Zwiebeln verbergen, in Zuckerwasser getunkt, mit Teig ummantelt und dann frittiert. Als zehnten Gang gab’s Hoppelpoppel, ein Nachtisch mit viel Sahne, viel Eigelb und sehr viel Rum, der damals den Damen bei Hof zu ausgelassener Stimmung verholfen haben soll. Es war das erste Hoppelpoppel meines Lebens. Und es war sehr gut.

          Karla Fohrbeck indes ist über derlei Essenskünste nicht wirklich glücklich. Es verkenne die satirische Absicht des Dichters, sagt sie, der mit seinen Beschreibungen ja vor allem die Dekadenz des Adels kritisierte, und der selber die ärmliche fränkische Küche bevorzugte. Karla Fohrbeck ist die Projektleiterin des Jean-Paul-Wegs. Wir trafen uns in der Rollwenzelei, etwas außerhalb Bayreuths, nahe der Eremitage, ein ehemaliges Gasthaus, von dem es heißt, Jean Paul habe dort Tag und Nacht gearbeitet, von 1804, als er nach Bayreuth gezogen war, bis fast zu seinem Tod 1825. Ein Wirtshaus ist die Rollwenzelei schon lange nicht mehr, aber es gibt noch den Raum samt Sofa und Tisch, an dem Jean Paul wenig gegessen, viel getrunken und noch mehr gearbeitet hat - „Beim Kaffee konzipieren, beim Bier exekutieren“ -, und es gibt Gertrud Sommer, die das Erbe umsorgt, wie die alte Rollwenzelin damals den Dichter.

          An diesem Samstagnachmittag war tatsächlich zum ersten und einzigen Mal während der gesamten Wanderung für ein paar Minuten die Sonne am Himmel erschienen, und ich bin ziemlich erschrocken, als ich plötzlich meinen Schatten neben mir herlaufen sah. Aha, dachte ich, mein Doppelgänger, weil ich gerade erst gelesen hatte, welche Vokabeln die deutsche Sprache dem wortmächtigen Jean Paul alle zu verdanken hat: vom Angsthasen, dem Schmutzfink und den Gänsefüßchen bis zum Abbild, der Gefallsucht und dem Fremdwort - und eben auch den Doppelgänger. Aber der kam ihm sicher nicht angesichts von Sonne und Schatten in den Sinn. Da holte er weiter aus und ließ im „Hesperus“ geschwollene Wolkenklumpen im weiten Blau zu Flocken eingehen, „bis endlich das blaue Meer alle Nebelbänke verschlang und nichts auf seiner unendlichen Fläche trug als die herunterlodernde Sonne“ - wenn auch von ihm nicht als meteorologischer Befund gemeint, sondern als Seelenmetapher. Mir wären unterwegs vermutlich die Vokabeln Waldeinsamkeit und Wirtshaussterben eingefallen, wenn es sie nicht schon gäbe.

          Dann machten wir uns auf den Weg in die Stadt, Frau Fohrbeck und ich, und kehrten in Bayreuth in einem Brauereigasthof ein und unterhielten uns gepflegt, bis das Lokal schloss. Ich hatte Bauernente, die beste Bauernente, die ich in meinem Leben gegessen habe, und dazu, ich traue es mich kaum zu sagen, zwei große Bier. Mehr nicht. Jean Paul möge es mir verzeihen.

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