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Jean-Paul-Weg : In ferne Welten aus den Stuben über Sterne

Natürlich gibt es auch reichlich kulturelle Attraktionen unterwegs. Jean Pauls Geburtszimmer zum Beispiel, das zum zweihundertfünfzigsten Geburtstag des Dichters neu hergerichtet wurde. Es ist ein Raum im heutigen evangelischen Gemeindehaus von Wunsiedel, dem ehemaligen Pfarrhaus, in dem Jean Pauls Eltern vor dem Umzug nach Joditz wohnten. Die Stube, in der der Bub getauft wurde, im selben Gebäude, zur Straße hin und deshalb leichter zu erreichen als die Schlafkammer der Eltern hinter der Küche, war nicht lange nach Jean Pauls Tod eine Art Wallfahrtsstätte gewesen, und in einem Fremdenführer aus dem Jahr 1833 ist davon die Rede, dass die Besucher „nicht selten Nägel von der Wand oder Späne vom Fußboden als Reliquien mit sich nehmen“. Das passiert heute nicht mehr. Peter Seißer, der vor vielen Jahren in seiner Funktion als Landrat dafür gesorgt hat, dass es eine Jean-Paul-Straße im Ort gibt, hat das Zimmer mit puristischer Strenge eingerichtet, fast wie einen Andachtsraum in einem Zisterzienserkloster. Wie auch das neu hergerichtete Jean-Paul-Museum in Bayreuth geprägt ist von überwältigender Aufgeräumtheit, obwohl oder vielleicht gerade weil die vielen Vitrinen und Schubladenkästen mit Bildern und Briefen, Erstausgaben und Devotionalien um das rekonstruierte Arbeitszimmer Jean Pauls gruppiert sind - ein Raum hinter Glas, in dem Bücher und Manuskripte sich stapeln, Frösche und Fliegen ihren Platz haben und es akrobatischer Fähigkeiten bedarf, den Schreibtisch zu erreichen, gerade so, wie es von Jean Pauls Besuchern überliefert ist.

Der Schmutzfink mit den Gänsefüßchen

Und in Wunsiedel gibt es sogar ein Lokal, „Die ewige Baustelle“, für das Beate Roth Speisen nachkocht oder entwirft, die in Jean Pauls Romanen eine Rolle spielen: Den Schnepfendreck zum Beispiel aus „Doktor Katzenbergers Badereise“, wobei der Darminhalt hier durch ein mit Estragon gewürztes Auberginen-Mus ersetzt ist; so wie sich hinter dem gebackenen Katzendreck Mandeln und Zwiebeln verbergen, in Zuckerwasser getunkt, mit Teig ummantelt und dann frittiert. Als zehnten Gang gab’s Hoppelpoppel, ein Nachtisch mit viel Sahne, viel Eigelb und sehr viel Rum, der damals den Damen bei Hof zu ausgelassener Stimmung verholfen haben soll. Es war das erste Hoppelpoppel meines Lebens. Und es war sehr gut.

Karla Fohrbeck indes ist über derlei Essenskünste nicht wirklich glücklich. Es verkenne die satirische Absicht des Dichters, sagt sie, der mit seinen Beschreibungen ja vor allem die Dekadenz des Adels kritisierte, und der selber die ärmliche fränkische Küche bevorzugte. Karla Fohrbeck ist die Projektleiterin des Jean-Paul-Wegs. Wir trafen uns in der Rollwenzelei, etwas außerhalb Bayreuths, nahe der Eremitage, ein ehemaliges Gasthaus, von dem es heißt, Jean Paul habe dort Tag und Nacht gearbeitet, von 1804, als er nach Bayreuth gezogen war, bis fast zu seinem Tod 1825. Ein Wirtshaus ist die Rollwenzelei schon lange nicht mehr, aber es gibt noch den Raum samt Sofa und Tisch, an dem Jean Paul wenig gegessen, viel getrunken und noch mehr gearbeitet hat - „Beim Kaffee konzipieren, beim Bier exekutieren“ -, und es gibt Gertrud Sommer, die das Erbe umsorgt, wie die alte Rollwenzelin damals den Dichter.

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