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Jean-Paul-Weg : In ferne Welten aus den Stuben über Sterne

Umso überraschender die Wegtafel, die von der kurzen Lebensdauer einer Windmühle am Ortsrand erzählt, im Jahr 1800 gebaut, als die Flüsse einen Sommer lang zu wenig Wasser führten, um die Mühlen anzutreiben. Die Windmühle habe man nach kurzer Zeit wieder „aufgelassen“. Heute klagen Wandervereine und Naturschützer über den Staatsforst, der bereits hundertvierundzwanzig Vorverträge über Plätze für Windkrafträder abgeschlossen hat, selbst im Naturpark sollen solche Stellen ausgewiesen worden sein. Für den Fremdenverkehr, sagen manche, würde dies unabsehbare Folgen haben. Aber als ich mal wieder durch den Nebel laufe, der sich plötzlich öffnet und sich just in der Lücke ein riesiges Rotorblatt über mir dreht, dass es so aussieht, als habe das Windrad selbst den Nebel fortgeblasen, ist die Situation so gespenstisch, dass ihr selbst ein Caspar David Friedrich eine spirituelle Seite hätte abgewinnen können. Und ist es nicht so, dass sich die ersten Darstellungen von Windmühlen in der niederländischen Landschaftsmalerei nur schwer verkaufen ließen, weil sich die Sammler damals an den hässlichen Gebäuden störten?

Ein Museum von überwältigender Aufgeräumtheit

Am Ortsrand von Hallerstein dann ein Steinpark mit wohl einem Dutzend Sorten Granits. Der Frankenwald steht auf Schiefer, das Fichtelgebirge auf Granit, die Fränkische Schweiz auf Kalk - das wusste ich vorher schon, aber es ist doch ganz erstaunlich, wie sehr das die Landschaft prägt, wie eigenwillig sie jeweils dort ist, wo der Stein aufragt und, zerfressen von Wind und Regen, regelrecht zu Labyrinthen hingestreut ist, so wie oberhalb von Bad Alexanderbad, wo man sich für vier Euro Eintritt in einer wildromantischen Landschaft voller Stiegen und Leitern, Schluchten und bizarrer Felsen verlieren kann, so wie auch Goethe es schon tat - damals vermutlich noch ohne Eintritt bezahlen zu müssen.

Aber meist führt der Weg nur einfach durch Ackerland und Wald, solch dichte Fichtenwälder mitunter freilich, dass man meinen müsste, das Fichtelgebirge verdanke ihnen den Namen. Doch wurden die Bäume erst im neunzehnten Jahrhundert gepflanzt. Artig stehen sie in Reih und Glied. Dort allerdings, wo Bäche munter durch den Wald springen, über Felsen hinweg, satt mit Moos bewachsen, und sich unter Wurzeln hindurchwaschen, die Eger am dritten Tag, der Weiße Main, der hier entspringt, am fünften, dort glaubt man sich in einem Märchenwald, so verzaubert und verzaubernd ist die Szenerie. Und am letzten Tag, dem siebten der Wanderung, in einer „Wolfsloch“ genannten Senke, da steht man vollends im Urwald, einem Chaos aus umgestürzten und zersplitterten Stämmen, als hätten Riesen hier Mikado gespielt, und überall wuchert es, dass man den Weg kaum findet im knöcheltiefen Matsch unter einer gelb und orange leuchtenden Decke von Herbstlaub. Gesperrt für Eindringlinge jeder Art, scheint die sich hier völlig selbst überlassene Natur zu sagen. Und Jean Paul hätte gesagt: „Ablaktierte Bäume auf doppelten Stämmen vergittertem dem Auge den Eingang.“ Denn der Blick reicht immer nur bis zum nächsten umgestürzten Baum, und am Boden nicht weit genug, um nicht doch noch in den Bach zu rutschen, wenn auch nur bis knapp unters Knie. Dann ein Anstieg an einem Wasserfall entlang, eine Biegung nach rechts, und unvermittelt stehe ich auf einer Straße, und es ist, als erwachte ich aus einem Traum, so unwirklich, unglaublich war diese Dschungel-Passage. Wie enttäuschend dagegen Stunden später in Sanspareil, am Endpunkt der Wanderung, die künstliche Wildnis, die sich Markgräfin Wilhelmine von Bayreuth, die Schwester Friedrichs des Großen, 1744 hat anlegen lassen - ein barockes Spiel mit den Schrecken der Natur. Das Café hat geschlossen.

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