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Jean-Paul-Weg : In ferne Welten aus den Stuben über Sterne

Dem anderen widme ich mich am Abend, dem ersten meiner Wanderung, im Gasthof „Zur Sonne“, in dem ich mit Produkten der Brauerei Scherdel mein Training für Bayreuth beginne. An den folgenden Abenden werden Kürzdörfer, Michael, Mönchshof und Leikeim hinzukommen. Denn auch ich habe mir ein Jean-Paul-Zitat ausgesucht, als Motto für die Tour, freilich ohne dafür vierzigtausend Seiten zu durchforschen. Es ist hinlänglich bekannt. Jean Paul hatte es in Vorfreude auf die große Stadt geschrieben: „Bin ich erstmal in Bayreuth, Himmel, wie werd’ ich trinken!“ Dazu esse ich Schweinebraten in Schwarzbiersoße mit Sauerkraut und Klößen. Es ist der beste Schweinebraten, den ich in meinem Leben gegessen habe.

Jean Pauls Umgang mit Bier, aber auch Wein und Kaffee, kann man ohne Übertreibung als medikamentös bezeichnen. Von morgens an suchte er einen bestimmten Pegel zu halten, bei dem er inspiriert und munter vor sich hinschrieb, angeschickert, könnte man sagen, keineswegs betrunken. „Mich ärgert oft ordentlich“, schreibt er in einem Brief, „dass so vieler kostbarer Wein in Europa ohne Feder in der Hand vertrunken wird.“ Und auch: „Was alles Böses gegen das Bier bei Philosophen gesagt wird, gilt nicht bei mir.“ Die Männer vom Stammtisch verfolgen mein Training zunächst mit gewissem Interesse, wenden sich dann aber Themen wie der NSA zu, dem Handy als Ortungsinstrument und dem legendären FBI-Chef Hoover und der Frage, wie der sich heute wohl verhielte. Provinziell kann man die Debatte wahrlich nicht nennen.

Die beste Brezel der Welt

Am nächsten Morgen werfe ich im Vorbeigehen rasch einen Blick auf die Arztpraxis von Friedrich Lochner, der dort praktiziert, wo Erika Fuchs einst gewohnt hat. Sie hat über Jahrzehnte hinweg Donald-Duck-Geschichten ins Deutsche übersetzt, und es ist sicher nicht falsch zu behaupten, dass sie bisweilen vom Geiste Jean Pauls beflügelt war. Ortsnamen der Region hat sie eins zu eins übernommen, Oberkotzau etwa, und weil sie die berühmteste Tochter der Stadt ist, errichtet man im neueren Teil des Orts gerade ein Gebäude aus Beton, in dem für sie ein Museum untergebracht werden soll. Dann mache ich mich auf Etappe zwei der Wanderung: von Schwarzenbach nach Weißenstadt - das hätte sich auch Erika Fuchs nicht schöner ausdenken können. Es nieselt.

Der Weg führt durch eine sanfte Hügellandschaft von Äckern und Feldern, allesamt abgeerntet, viele frisch gepflügt, in den Pfützen spiegeln sich die Schlechtwetterwolken. Hallerstein weist im Schaukasten mit den amtlichen Bekanntmachungen auf gleich zwei oberfränkische Meistertitel der Faustball-Nachwuchsmannschaften hin, und auch sonst hat man den Eindruck, dass das Dorfleben noch einigermaßen intakt ist. In der Bäckerei gibt es die beste Brezel, die ich in meinem Leben gegessen habe. Ich nehme sie gleich auf die Hand, zumindest eine Serviette aber will mir die Bäckerin mitgeben. „Für irgendwas wird sie schon gut sein“, sagt sie und meint damit unmissverständlich meine Nase, die in dem kalten Wind noch schneller läuft als ich.

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