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Jean-Paul-Weg : In ferne Welten aus den Stuben über Sterne

Er liebte Kartoffeln und Bier

Ab Hof, wo Jean Paul als Kind von Joditz aus regelmäßig die Großeltern besucht hat, wo er aufs Gymnasium ging und wohin er später für einige Jahre zog, „wo ich das Schlimmste gelitten und das Beste geschrieben“, wie es bei ihm heißt, und wo er „blutarm und wenig geachtet“ war, ab Hof also verlässt man die Fußstapfen Jean Pauls. Fortan verbindet der Pfad nur noch Lebensstationen. Zwar wurde Jean Paul zum leidenschaftlichen Wanderer, schon allein, weil ihm das Geld für die Kutsche fehlte, und er führte seine stabile Gesundheit gerade auf die täglichen Gänge in der Natur zurück; die fünfzig Kilometer von Bayreuth nach Hof schaffte er an einem Tag, und nach Weimar oder Nürnberg brauchte er drei Tage. Aber dass er auf den Passagen des Jean-Paul-Wegs unterwegs war, ist nicht wahrscheinlich und schon gar nicht verbürgt. Große Teile der Strecke hat es vermutlich damals noch nicht einmal gegeben. So wie ja auch die Landschaft damals ganz anders aussah.

Dort, wo heute dichte Fichtenwälder die Höhenkuppen überdecken, war zu Jean Pauls Zeiten alles gerodet. Die Berge waren oft „kahl und steinicht“ und die lichten Wälder, wenn es denn welche gab, geprägt von Laubbäumen. Es wuchs noch dicht der Wacholder, aber in erster Linie wurde die Landschaft als Weidefläche für Schweine, Rinder und Ziegen genutzt. Im sandigen Boden pflanzte man Kartoffeln, die ersten in ganz Deutschland, weil sich mit den Knollen ein holländischer Obrist im Jahr 1648 bei einem fichtelgebirgischen Bauern, dessen Tochter er geschwängert hatte, freigekauft haben soll. Deren Erfolg ließ nicht lange auf sich warten. Auch weil nun endlich die vielköpfigen Familien satt wurden - aber vor allem, weil auf Gemüse, das unter der Erde wächst, damals kein Zehnt erhoben wurde. Jean Paul im Übrigen liebte Kartoffeln und ließ sich von seiner Lieblingswirtin außerhalb Bayreuths, der Rollwenzelin, nichts anderes zum Mittagessen bringen. Aber bis dorthin sind es noch fünf Tage.

Johann Theodor Benjamin Helfrecht, ein Lehrer Jean Pauls am Gymnasium in Hof und zugleich später dessen Gewährsmann, wenn es darum ging, die Landschaft samt Flora exakt zu treffen, hat im Jahr 1800 die Gegend detailliert beschrieben. Auch diesen Studien sind reichlich Texttafeln entlang des Wegs gewidmet, und es passiert mehr als einmal, dass man Helfrechts Beschreibungen mit der Gegenwart beim besten Willen nicht zur Deckung bringen kann.

Erotik war das zweite große Lebensthema

Dafür hat man in den Ortschaften bisweilen den Eindruck, es habe sich seit Jean Pauls Tagen nichts geändert. Etwa in Schwarzenbach, wo die Gassen noch eng sind und rund um die Kirche die Häuser noch schief stehen, mit blinden Scheiben und bröckelndem Putz. Dorthin war Jean Pauls Vater 1776 von Joditz aus als Gemeindepfarrer versetzt worden, dort allerdings starb er auch nach nur wenigen Jahren, woraufhin die Mutter mit den fünf Söhnen in ärmlichsten Verhältnissen hauste. Immerhin, für Jean Paul blieb der Ort für immer verbunden mit einem „verbotenen Wagstücke“, als er eines Abends das Pfarrhaus verließ, um in der Schenkstube unten am Fluß „ein lang geliebtes Wesen an Brust und Mund“ zu drücken - „und im Finstern hinter den geschlossenen Augen enfaltete sich das Feuerwerk des Lebens“, fasst er Jahre später sein heimliches Treffen mit Katharina Bär in seiner „Selberlebensbeschreibung“ zusammen. Erotik war das zweite große Thema seines Lebens.

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