https://www.faz.net/-gxh-7jvag

Jean-Paul-Weg : In ferne Welten aus den Stuben über Sterne

Der Name des Fichtelgebirges leitet sich nicht von den Fichten ab, die dort überall stehen. Sie wurden erste im neunzehnten Jahrhundert gepflanzt, wie hier entlang der Eger.
Der Name des Fichtelgebirges leitet sich nicht von den Fichten ab, die dort überall stehen. Sie wurden erste im neunzehnten Jahrhundert gepflanzt, wie hier entlang der Eger. : Bild: Freddy Langer

Heute sind es vor allem die kauzigen Anekdoten, die von Jean Paul in Erinnernung sind. Er selbst hat ja sein halbes Leben zum Stoff seiner Geschichten gemacht und den Rest in seinen Bergen von Kritzelbüchern festgehalten, mit der Begründung, dass man kein anderes Leben lebe und kenne als das eigene. Und gleichsam als Mahnung an sich selbst notierte er: „Schreib’ alles auf, gerade wenn etwas sich zuträgt, glaubt man es nie zu vergesen, weil die Gegenwart glänzt; aber die nächste thuts auch und dan vergisset man.“ Leben und Schreiben waren für ihn zeitlebens ein und dasselbe.

Der Würstel-Mann in der Fußgängerzone

Joditz, wo Jean Paul vom dritten bis zum dreizehnten Lebensjahr wohnte, diese „geistige Saharawüste“, wie er den Ort einmal nannte, taucht in seinen Erzählungen als Auenthal, Hukelum oder Elterlein auf; Hof heißt bei ihm Kuhschnappel. Dazwischen liegen gut zehn Kilometer Wanderwegs entlang der Saale.

Mittlerweile hat es zu regnen begonnen, und es wird, abgesehen von ein paar Stunden pro Tag, für den Rest der Woche auch nicht mehr aufhören, unterbrochen bestenfalls von einem Hagelschauer oder von Schneefall, wie spätnachmittags auf dem Gipfel des Waldsteins. „Man steigt den grünen Berg hinauf, um oben auf dem Eisberge zu sterben“, hat Jean Paul geschrieben. Doch es sind nur ein paar Flocken, und ihr Wirbeln und Purzeln und Treiben dauert nicht einmal eine Minute, gerade so, als habe jemand im Himmel eine Schubkarre ausgekippt, aber das ist erst am folgenden Tag, und richtig interessieren konnte ich dafür auch niemanden, nicht einmal Sylvia, eine Freundin, die sich sonst so gern per SMS über das schlechte Wetter während meiner Wanderungen leicht lästerlich auslässt. Auf die Mitteilung: „Bin auf dem Waldstein. Hier schneits“ kam unmittelbar zurück: „Bin im Museum. Hier kunsts.“

Jetzt prasseln erst einmal Regentropfen lustig auf den Fluss, die Saale, und springen übermütig wieder aus dem Wasser heraus. Ein paar Enten haben sich unter Büsche verkrochen. Die Fattigsmühle, ein Hof mit biologisch einwandfreien Speisen auf der Karte und einem riesigen Biergarten direkt über dem Fluss, hat geschlossen, nur der Nebensaison wegen und nicht aus wirtschaftlichen Gründen, wie so viele andere Gasthäuser später entlang des Wegs. Aber hier ist das noch egal, denn in Hof steht unter einem vorgezogenen Dach in der Fußgängerzone ein „Wärschtlamo“ oder Würstchen-Mann, wie man auf Hochdeutsch sagen würde, und klappt den Deckel seines tragbaren, mit Holzkohle gefeuerten Herds auf, noch bevor ich meinen Schirm zusammengeklappt habe, nicht etwa, um die Würstchen zu zeigen, sondern den Wasserstand. Denn es gebe, unterscheidet er sein Angebot von dem seiner Kollegen in der Fußgängerzone, hier den einen oder anderen Verkäufer, der seine Würstchen nicht siede, sondern ersäufe. Ich entscheide mich für eine Bauernbratwurst, die besser schmeckt als jede andere Bauernbratwurst, die ich in meinem Leben gegessen habe, und als ich das dem Wärschtlamo sage, erklärt er mir so kurzweilig wie verdrechselt sein Geschäftsmodell und die Funktion des tragbaren Herds, schimpft über die Richtlinien der EU und verät mit allerhand Fremdwörtern seine Geheimnisse der Zubereitung, von denen ich nur Osmose behalte, und erzählt mir dann noch sein halbes Leben, dass ich gar nicht anders kann, als zu denken, in dieser Gegend seien wohl alle Männer irgendwie so, wie Jean Paul gewesen sein könnte.

Weitere Themen

Herr Spahn und die Genesenen

F.A.S. Exklusiv : Herr Spahn und die Genesenen

Der Gesundheitsminister macht es Leuten schwer, die Corona schon überstanden haben. Wie viele Impfungen sie brauchen, ist umstritten. Hat Jens Spahn sich selbst vergessen?

Bierbrauer unter Druck

Durch Corona-Krise : Bierbrauer unter Druck

Die Corona-Krise ist auch eine Bier-Krise. Der Markt schrumpft schon länger – doch noch nie so schnell wie im vergangenen Jahr. Nun spüren die Brauereien die Konsequenzen.

Topmeldungen

Deutscher Sieg über Portugal : Ein Abend, an dem Funken sprühen

Mit der überwältigenden Mischung aus Wucht und Wille erfüllt die DFB-Elf ihren Auftrag gegen Portugal. Auch die Konkurrenz in Fußballeuropa dürfte diese deutsche Verwandlung mit einigem Staunen gesehen haben.

Deutsche Einzelkritik : Müller nervt Portugal, Gosens ragt heraus

Beim Sieg über Portugal macht Robin Gosens wohl die Partie seines Lebens. Auch andere DFB-Akteure zeigen sich deutlich verbessert. Aber einer scheint nicht der Lieblingsspieler von Bundestrainer Joachim Löw zu sein.
Kann Jens Spahn als von Corona genesen gelten?

F.A.S. Exklusiv : Herr Spahn und die Genesenen

Der Gesundheitsminister macht es Leuten schwer, die Corona schon überstanden haben. Wie viele Impfungen sie brauchen, ist umstritten. Hat Jens Spahn sich selbst vergessen?

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.