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Jean-Paul-Weg : In ferne Welten aus den Stuben über Sterne

Bild: F.A.Z.

Der Wanderweg durch Oberfranken verbindet mäandernd Jean Pauls zentrale Lebensstationen. Doch wenn man ihn auf eine alte Karte des Fürstentums Bayreuth überträgt, aus der Zeit um 1790, dann führt die Linie zugleich durch die Gesamtheit ebendieses Fleckens, berührt unterwegs fünfmal dessen Grenzen in allen Himmelsrichtungen und wird so etwas wie ihr Rückgrat. Jetzt soll er ihr touristisch den Rücken stärken, einer Gegend, der mit Ausnahme des Tourismus alle anderen Industriezweige in den vergangenen Jahren weggebrochen sind.

Der Weg beginnt in Joditz, nicht Jean Pauls eigentlichem Geburtsort, aber seinem „geistigen Geburtsort“, wie er gesagt haben soll. So jedenfalls sagt das Eberhard Schmidt, der in einem Fachwerkhaus in Joditz schon vor mehr als fünfzehn Jahren ein bezauberndes, kleines Museum eingerichtet hat mit Jean-Paul-Büchern von den Erstausgaben bis zu Übersetzungen ins Japanische, mit Jean-Paul-Bildern eines ganzen Lebens, mit Damenporträts der „erotischen Gesellschaft“, die Jean Paul um sich versammelt hatte, mit Jean-Paul-Memorabilia bis hin zu Bierflaschen mit Jean-Paul-Etiketten und mit Möbeln aus dem frühen neunzehnten Jahrhundert. Schmidts bestes Stück aber ist er selbst, und er brauchte gar nichts weiter als nur sich, um in die Welt dieses verschrobenen Literaten einzuführen, und dem er ja sogar optisch ein wenig gleicht, zumal wenn er leicht erregt aus dessen Romanen und biographischen Notizen minutenlang auswendig rauf und runter zitiert, dass ihm mitunter das Haar zittert.

Ein Leben als Romanstoff

Früher habe er, sagt Schmidt, eine Buchhandlung gehabt, in Hof, und er sagt, dass er das Motto seines Ladens damals aus vierzigtausend Seiten von Jean Paul herausgefischt habe: „Lesen heißt Wandern gehen in ferne Welten aus den Stuben über Sterne.“ Und damit das auch jene begreifen, die den direkten Weg nehmen, den Jean-Paul-Weg nämlich, ohne die Umleitung durch die Lektüre eines schon maßlos zu nennenden Werks, hat Schmidt darüber hinaus Textpassagen zusammengetragen, die nun entlang der Strecke auf Tafeln gedruckt stehen. So wird man, kaum dass man seinen Rhythmus gefunden hat, prompt wieder aufgehalten - und angehalten, sich der Dichtung zu widmen. „Mit wieviel kleinen Mitteln muss sich der Mensch abgeben“, steht an einer dieser Stationen, „ehe er mit etwas Großem sich beschäftigen kann.“

Es ist früher Morgen. Die Wolken hängen tief und schwer über Joditz. Kein Mensch weit und breit, auch kein Tier, und von nirgendwo ein Laut. Als Eberhard Schmidt seine Führung durch das Dorf beginnt und den Schlüssel im Schloss der Kirchentür dreht, hört man das Knarzen wohl bis zum Ortsausgang. Dort hat er gelegen, sagt Schmidt und deutet über den Altar, wo früher auf einer Empore die Orgel stand. Der junge Jean Paul, der damals noch Johannes Paul Friedrich Richter hieß, habe sich um den Gottesdienst kaum gekümmert. Sein Vater war Pfarrer der kleinen Gemeinde, und der hochbegabte und bildungswütige Bub kannte dessen Predigten auswendig, noch bevor der Vater sie sich durch lautes Vorlesen eingeprägt hatte. So lümmelte er den Gottesdienst über hinter einer Ballustrade, wo er Robinson Crusoe las und von wo aus er amüsiert auf den nackten Po der barocken Christusfigur über der Kanzel schaute oder verliebt zur blatternarbigen Auguste hinunterschielte, einem Mädchen aus dem Dorf, dem er von seinen regelmäßigen Einkaufstouren zu den Großeltern in Hof bisweilen einen Pfefferkuchen mitbrachte. Oder wenigstens fast. Denn unterwegs begann er jedes Mal daran zu knabbern, die Mandeln zuerst, dann hier ein Stückchen, dort ein Stückchen, bis sich die Spuren seiner Bisse nicht mehr verbergen ließen, und dann kam eben kurzerhand auch der Rest an die Reihe. „Der Geliebten einen Pfefferkuchen zu schenken ist sehr schwierig“, zitiert Eberhard Schmidt aus Jean Pauls „Flegeljahren“, „weil man ihn oft vor der Schenkung selber verzehrt.“

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