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Japans südlichste Insel : Alles wird gut, sagt der spuckende Gott

Es habe einigen Rummel um den Film gegeben, erzählt Yuki, denn ein so politisches Thema sei man von Miyazaki nicht gewohnt. Der Regisseur meldete sich auch öffentlich zu Wort und wandte sich in einem Essay gegen den Plan des Premierministers, die japanische Verfassung zu ändern und eine Armee aufzubauen, die mehr Befugnisse hat als die bestehende passive Landesverteidigung. Bisher hat Japan in militärischen Angelegenheiten einen engen Pakt mit den Vereinigten Staaten: Amerika verteidigt, Japan zahlt dafür. Und nun ist es ausgerechnet ein Zeichentrickfilm für Erwachsene, der die Debatte über die Landesverteidigung befeuert, und ein ausgemacht erfolgreicher obendrein.

Blick von Hirado über die Neunundneunzig-Insel-Landschaft: Kyushu hat die wohl schönste Natur Japans verzuweisen.

Mit Kind und Kegel in die Kurstadt

Man kann versuchen zu schweigen. Man kann seine Herkunft vertuschen, man kann Geschichtschroniken ändern, man kann Kernschmelzen unerwähnt lassen, aber nicht ewig. Das kann nicht einmal die japanische Gesellschaft, die dem Chaos immer wieder ein strenges Korsett überzustülpen versucht. Die in ihrer Sprache zwar ein Wort für „nein“ hat, es aber aus Höflichkeit nie benutzt. Eine Gesellschaft, die so besessen ist von allem, was „kawaii“, was niedlich ist, dass man ständig über grinsende Cartoonfiguren stolpert, die einen großäugig von Hinweisschildern, Socken, Hochhäusern anstarren. Die ihre Zähne mit Hello-Kitty-Zahnpasta putzt. Und die vor lauter Streben nach Schönheit bis in den letzten Teebecher manchmal die Menschen vergisst, die mit dieser Schönheit leben.

Zum Glück haben sich diese Menschen Strategien zurechtgelegt, sich ab und an zu entspannen. Seit 120 Jahren gibt es das, etwa im Kurstädtchen Kurokawa Onsen. Denn die bebende, brodelnde Erde sorgt nicht nur für Erschütterungen im Land, sie sprudelt auch heißes Wasser hervor. Und so packt man am Wochenende Kind und Kegel ein und fährt in eine Kurstadt wie Kurokawa, um sich in einem traditionellen Gasthaus, einem Ryokan, einzumieten. Im Zimmer steht nur ein niedriger Tisch, und zum Schlafen wird nachts der Futon auf den Tatamimatten ausgerollt. Beim Essen müssen wir westlichen Besucher die Füße unter dem Tisch verstauen, weil wir das Hocken nicht gewohnt sind.

Waldgeister bevölkern das Dorf an der Schlucht

Das Örtchen ist die beschaulichste Ansiedlung, die uns in den vergangenen Tagen begegnet ist. Im letzten Licht des Tages wandern die Besucher in baumwollenen Yukatas, leichten Badekimonos, durch die Straßen und von Quelle zu Quelle. Das beinahe siedendheiße Wasser wird auf etwa vierzig Grad heruntergekühlt, und jede Quelle hat eine etwas andere Mineralienzusammensetzung und ist deswegen für etwas anderes gut: Leber, Herz, Haut, Schönheit.

Vor dem Bad, dem Onsen, duschen wir uns gründlich ab, dann geht es ins warme Wasser. Wir liegen im Becken und schauen durch die mit dunklem Holz gerahmten Fenster über die bewaldete Schlucht hinweg auf die Hügel, die sich über Kurokawa aufstapeln. Mir kommt der Ort bekannt vor, und da fällt es mir ein: Im Film „Prinzessin Mononoke“, mit dem Hayao Miyazaki einem größeren westlichen Publikum bekannt wurde, gibt es im Wald ein ganz ähnliches Dorf an einer Schlucht. Und es wimmelt dort vor Waldgeistern und Waldgöttern. Ich starre ins Dunkel, aber es ist nichts zu sehen, kein seltsames Wesen und kein Irrlicht.

Vielleicht hat der Berggott vom Aso-Schrein mit seinem günstigen Horoskop recht. Zumindest in diesem Moment ist es so friedlich, dass man wirklich glauben könnte, alles werde gut, obwohl man denkt, nichts verstanden zu haben. So ist das mit Japan: Je mehr man fragt und je mehr man darüber weiß, desto weniger versteht man. Hinter jeder Antwort warten drei neue Fragen, aber heute stelle ich keine einzige mehr. Ich schließe die Augen und stelle mir vor, dass irgendwo dort draußen ein kleiner Waldgeist vor sich hinleuchtet und ein großer Berggott weiß, was mir bevorsteht.

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