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Golf von Neapel : Wenn Kaviar vorm Auge klebt

  • -Aktualisiert am

Leider auch nur von Weitem gesehen: Der Fischerhafen Marina di Corricella auf der Insel Procida. Bild: Picture-Alliance

Landschaft und Kultur müssen leider draußen bleiben – eine Segelkreuzfahrt im Golf von Neapel.

          7 Min.

          Es gab auf dieser Reise, und warum nicht mit dem beginnen, was als Erinnerung unvergessen bleiben wird, großartige Augenblicke. So am dritten Tag, als die Rhea, der vierundfünfzig Meter lange Zweimaster, zwischen Ischia und Procida plötzlich Fahrt aufnahm. Zuvor hatte es zwei Tage lange geregnet und gestürmt, und die Stimmung an Bord war so verhangen gewesen wie der trübe Horizont. An diesem Tag aber funkelte das Meer und leuchtete der Himmel, und das Schiff schoss durch die Wellen und die weiß aufschäumende Gischt. „Da sind Delphine! Delphine!“, rief jemand. Die Segel knatterten im Wind, und irgendwann war nicht mehr klar, ob die Rhea noch segelte oder vielleicht schon flog.

          Pures Glück waren auch die Sprünge von Deck direkt ins Meer, um dann beim Auftauchen über den Wellen tanzend Amalfi, Positano oder Capri zu sehen. Oder bei blendendem Sonnenlicht um dieses wunderschöne und nigelnagelneue Segelschiff, das erst im Frühjahr 2017 getauft wurde, herumzuschwimmen, und sich dabei für einen albernen Moment wie der Eigner einer Privatyacht zu fühlen.

          Gruppenreise. Das war mein Problem

          Selbst das nächtliche Unwetter vor Capri, gleich zu Beginn der Reise, war ein Erlebnis. Es war unendlich gemütlich, in der Kabine auf dem Kingsize Bett zu liegen und zu beobachten, wie das brodelnde Meerwasser gegen das Bullauge donnerte. Mitten in der Nacht musste die vor der Marina Piccola ankernde Rhea aufs offene Meer navigiert werden, um nicht womöglich an Capris felsiger Küste zu zerschellen. Das wäre Goethe auf seiner Rückreise aus Sizilien im Jahr 1787 auch fast passiert.

          Jetzt müsste jemand dabei sein, der sich mit der Gegend auskennt: Häuser am Hafen von Sant’Angelo, Ischia.

          Überhaupt die Kabine! Ein kleines Komfortwunder, abgesehen von der Wandverkleidung in falschem Mahagoni. Luxuriös die Regendusche, perfekt funktionierend die Toilette, blütenfrisch die Bettwäsche, ausreichend der Stauraum; und all das jeden Tag aufgeräumt und saubergemacht; samt liebevoll geknickter Ecke der Toilettenpapierrolle. Das alles war wundervoll.

          Warum nur war ich dann so erleichtert, an einem Septembermorgen noch vor Sonnenaufgang im süditalienischen Salerno ins Taxi zu steigen, und die Marina d’Arechi, Salernos Yachthafen, erst immer kleiner und dann endlich verschwinden zu sehen? Und damit auch die „Rhea“. Kompositum ist ein schönes deutsches Wort. Es klingt nach Musik und Ordnung und bedeutet die Besonderheit der deutschen Sprache, fast beliebig viele Nomina aneinanderreihen zu können, um neue Wortschöpfungen entstehen zu lassen: Segelschiffkreuzfahrt zum Beispiel. Oder Gruppenreise. Oder auch Gruppenreiseteilnehmer. Und das war mein Problem.

          Bravourös durch die stürmische Nacht

          Eine Woche dauert die Segelreise entlang des Golfs von Neapel. In vierzehn klimatisierten Kabinen hat die „Rhea“ Platz für achtundzwanzig Gäste, die von einer siebenköpfigen Crew umsorgt werden. Das klingt recht luxuriös und ist es auch.

          Das erste Abendessen an Bord hätte romantischer nicht sein können. Wir ankerten vor Amalfi. Die Lichter des Städtchens leuchteten mit den Sternen um die Wette. Das Schiff schaukelte angenehm, und Marko, der Koch, hatte sich mit dem Menü besonders viel Mühe gegeben. Zum Nachtisch gab es Sorbet und danach den für immer unvergesslichen Satz meiner aufs Meer und auf Amalfi schauenden Tischdame: „Also, das ist Kaviar fürs Auge!“

          Umschwärmt von Yachten: Die Insel Capri.

          „Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich“ heißt eine Kreuzfahrtreportage des amerikanischen Schriftstellers David Foster Wallace. Natürlich ist ein Riesenschiff wie die Zenith, auf der er durch die Karibik fuhr und dabei in die Abgründe der Kreuzfahrtindustrie schaute, nicht mit der eleganten Rhea zu vergleichen. Aber in dieser ewig langen Woche am Golf von Neapel litt auch ich unter dem einen oder anderen Taumel von Klaustrophobie und Anthropophobie. Zum ersten Mal während des Frühstücks am zweiten Tag, das mit der launigen Frage des Kapitäns: „Was wollt ihr hören? Einen Blondinen- oder einen Brünettenwitz?“ begann. Was kann man da machen? Noch einen Schluck Kaffee trinken, seine Tasche schnappen und über Bord springen?

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