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Istanbul : Gesehen: Monumente der Macht

  • -Aktualisiert am

Die vielbestaunte Blaue Moschee Bild: H. W. Rodrian/SRT

Inmitten der Tausenden Blauschattierungen in der Blauen Moschee schweben Fantasien aus Tausendundeiner Nacht und warten auf Entdeckung.

          Die Reise in den Alltag beginnt auf der legendären Galata-Brücke. Die Sinne schwanken wie die Bootskörper, die an den Pontons festgemacht haben. Angler am Rand der Brücke lassen ihre Leinen schnurren, seitwärts liegt ein Fischmarkt mit Händlergeschacher, während ein Lindwurm aus Blech sich übers Goldene Horn, eine der Wasserstraßen, schiebt.

          Welches Wasser aber überquert man da eigentlich? Rechts fließt es ins Goldene Horn, links drängt es aus dem Marmarameer in den Bosporus und wird ins Schwarze Meer davongetragen. Schnell versteht man diesen Istanbuler Art, die Kontinente zu wechseln. Doch noch tritt man fest auf Europas Boden.

          Mitten im herrlichste Blau

          Die Fahrt führt ins Zentrum, wo die große Geschichte der Stadt begann. Stambul der älteste Stadtteil mit der Hagia Sofia und der Blauen Moschee bietet sich als Erfüllungsort für Fantasien von Tausendundeiner Nacht. Die Blaue Moschee des Sultans Achmed, ein architektonisches Harmoniewunder aus Kuppelkaskaden umringt von den stelenhaften Minaretten, bezeugt mit ihrer Dimension auch den furiosen Machtanspruch des Osmanischen Reiches. Und Osmans Erben drängen heute vereint mit Touristen hinein in den riesigen gewölbten Urschoß aus herrlichsten Blauschattierungen. Einzig das Rascheln hunderter Plastiktüten, in denen die Moscheebesucher ihre am Portal abgelegten Schuhe durch den Ort des Gebets tragen, legt eine seltsame Tonspur der Moderne ins Rund.

          Von der Kirche zum Museum

          Anders in der Hagia Sofia. Tausend Jahre war sie das Herz von Byzanz und das gewaltigste Gotteshaus der Christenheit, von den osmanischen Eroberern wurde sie für 500 Jahre als Moschee verkleidet und schließlich 1934 zum Museum erklärt. In ihr scheint sich die Zeit mumifiziert zu haben. Ein leichter Schauder kann den Reisenden befallen. Es herrscht beeindruckte Stille zwischen Arkaden, Emporen und Hochwänden. Unter der von verwirrendem Lichteinfall gefluteten, scheinbar schwerelosen, gigantischen Kuppel bezeugt all die Pracht auch den Blutdurst eines frühen religiös-politischen Fanatismus.

          Nur der Schauder einer Vorstellung

          Im Bildersturm des 8. Jahrhunderts hatte er sich entfacht und war den Ausformungen heutiger fundamentalistischer Machtansprüche nicht unähnlich. Wer will, der kann von einem der Fremdenführer erfahren, welchen Blutzoll die Machtprobe zwischen kaiserlichen Ikonoklasten forderte, die jegliche Ikonendarstellung als Götzenverehrung verdammten, um die Macht der Mönche zu brechen. Verschwörung, Verfolgung und Mord waren an der Tagesordnung, und das Kunstschaffen über 100 Jahre der kulturellen Barbarei unterworfen.

          Doch gleichzeitig bedient der Glanz des Kulturdenkmals den Historienhunger des Touristen. Er nippt nur an der Vorstellung vom schaurigen Morden, sieht dabei Kreuzritter über Kinoleinwände reiten, Heere unterm Banner des Halbmonds gegen Konstantinopel vorrücken. Dann aber steckt man vielleicht die klamm gewordenen Hände in die Jackentasche und stößt auf das abgegriffene Millionen-Papierbündel und ist wieder in Istanbul, der schnelllebigen Verwandlungskünstlerin.

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