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Israel : Zur Welle pilgern

  • -Aktualisiert am
Zwischen Wellenbrechern und Skyline: Trumpeldor Beach, der Stadtstrand von Tel Aviv.
Zwischen Wellenbrechern und Skyline: Trumpeldor Beach, der Stadtstrand von Tel Aviv. : Bild: Louis Josek

Wir passieren Checkpoints und unwirklich wirkende Siedlergebiete. Eine zerfetzte Landschaft ohne Grenzen, in der sich Menschen schuldig und bedroht zugleich fühlen. Die Geisterstadt Hebron ist eine der heiligsten Stätten für gläubige Juden und Palästinenser, sie gilt als Eingang zum Garten Eden, als Verbindung zum Himmel, ist aber heute der Schauplatz eines der größten Konflikte unserer Zeit. Die „Höhle Machpela“, Ruhestätte der Erzväter Abraham, Isaak und Jakob, wurde 1994 zur Hölle, als Baruch Goldstein, ein Sanitätsoffizier und Terrorist, 29 betende Muslime tötete und 150 weitere schwer verletzte. Unser Guide erklärt uns, dass eine fast 20 Zentimeter dicke Metalltür heute beide Weltreligionen voneinander trennt. Amin ist wie viele junge Palästinenser gut gebildet und voller Freude, seine 16 Semester Geschichtswissenschaften endlich auf einige verirrte Touristen loslassen zu können. Wir aber wollen wissen, wie es sich an diesem Ort lebt? Amin blockt ab. Er will wissen: Wo wir gerade herkämen? Tel Aviv. „Der Tod ist besser als dieses Leben. Es gibt keine Hoffnung, keine Perspektive und keine Chance, diesen Ort jemals zu verlassen!“, sagt er und verliert seine Fassung, kommt in Fahrt, zeigt auf die laufenden Sicherheitskameras der Israelis und ruft: „Sie nehmen uns die Luft zum Atmen, die Würde, das Leben. Auf meinem Weg zur Arbeit passiere ich achtzehn Checkpoints, zum Einkaufen muss ich durch drei. In Palästina gibt es keine Flughäfen, und wenn ich fliehe, verrate ich mein Land. Sie kontrollieren alles, unsere Grenzen, die Währung und Bilder, die von der Welt gesehen werden.“ Wir spüren plötzlich, dass unsere Beine wackelig werden. Es ist das Gefühl, langsam die Kontrolle zu verlieren. Einschusslöcher, Gefühlsausbrüche, Spannungen, militärische Präsenz sind vielleicht zu viel für das Gemüt eines Surfers, aber doch immer noch zu wenig, um wirklich zu verstehen, wenn man versuchen möchte, Israel und Palästina im Ansatz zu erfassen.

Surfen als Form des Protest

Trotz erheblicher Unterschiede in der Lebensqualität beider Regionen sind die Menschen im Westjordanland nicht weniger aufgeweckt. Immerhin darf man laut Koran vier Frauen heiraten, wenn man sie nur alle gleich behandelt. Viele interpretieren dies als eine Glaubenslehre zum Wohlfühlen. Ein Zigarettenverkäufer erklärt uns, dass wir beim Über-die-Straße-Gehen einfach die Augen schließen sollten. Im scheinbar hoffnungslosen Gazastreifen hat sich das Surfen inzwischen zu einer ganz eigenen Form des Protestes entwickelt, es steht für den zurückgewonnenen Spaß am Leben, für ein Stück Selbstbestimmung und die Flucht aus einer Welt voller Krieg und Gewalt. Der 2008 gegründete „Gaza Surf Club“ bietet den Menschen einen wirklichen Alltagsausbruch, der mit westlichen Surfslogans nichts mehr gemein hat.

Am Abend sind wir zurück in Tel Aviv. Zurück in der Leichtigkeit des Lebens. In einer Bar in Herzlia, Israels Malibu, werden die israelischen „Surfing Awards“ vergeben. Es gibt Sekt und Plastikpokale für die besten Surferinnen und Surfer des Jahres. Es wird gefeiert, als ob es kein Palästina gäbe. Wir reden mit Yossi Zamir, dem Präsidenten der „Israel Surfing Association“, über das Potential dieser Sportart in Bezug auf die politischen Konflikte, bis wir fast unseren Rückflug verpassen. Der Flug geht früh am Morgen. Aber erst, nachdem der Grenzbeamte diesmal wissen möchte, warum das weiße Hemd nicht gebügelt sei und Leon Glatzer nicht mit uns nach Frankfurt, sondern Lissabon fliege. Ob wir im Wasser fotografiert und unsere Tasche selbst gepackt hätten? Und wieso wir überhaupt so verdammt spät dran seien?

Bild: F.A.Z.

Der Weg nach Israel

An- und Einreise Die israelische Fluglinie El Al, Air Berlin und Lufthansa fliegen von verschiedenen deutschen Flughäfen direkt nach Tel Aviv, Ben Gurion (ab ca. 290 Euro; intensiver Sicherheits-Check, drei Stunden sollte man einplanen und einen mindestens sechs Monate gültigen Reisepass vorweisen können). Zu den Stränden fährt man am besten per Mietwagen, etwa bei Eldan (sieben Tage / 300 Euro).

Surfstrände gibt es jede Menge: um Tel Aviv, Haifa, Netanja und dazwischen. Es gibt geschützte, urbane Hafenmauerwellen, offene Beachbreaks und Riffe. Generell gilt, dass an den Spots zwischen den Städten wenig los ist. Beste Saison ist von September bis April.

Unterkunft Das „Beachfront Hotel“ in Tel Aviv gilt als eines der besten Hotels der Stadt – und der Trumpeldor Beach ist vor der Tür (DZ ab 50 Euro/Nacht, www.telavivbeachfront.co.il). Zentral gelegen, genau wie das etwas luxuriösere „Brown Beach House“ (DZ ab 200 Euro/Nacht, www.brownhotels.com). Im Norden des Landes setzt das „Elma Arts Complex Luxury Hotel“ in Zichron Ja’akow Maßstäbe. Es liegt unweit von Haifa und seinen unzähligen Surfspots (DZ ab 250 Euro/Nacht, www.elma-hotel.com).

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