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Israel : Zur Welle pilgern

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Ein orthodoxer Jude in der Nähe der Klagemauer in Jerusalem.
Ein orthodoxer Jude in der Nähe der Klagemauer in Jerusalem. : Bild: Louis Josek

Israel gibt es seit 1948. Surfing in Israel seit 1957, als Dorian „Doc“ Paskowitz die Surfkultur in das Heilige Land brachte. Der ewig reisende Amerikaner starb vor wenigen Jahren, er wurde hier bereits zu Lebzeiten wie ein Heilsbringer verehrt. Im authentischsten Surfshop der Stadt, der „Klinika“, direkt am Hilton Beach, hängt heute ein Gemälde des Vorreiters mit dem Zitat: „Menschen, die miteinander surfen, können auch miteinander leben“. So wie in Haifa, der nördlichen Küstenmetropole, die einen Großteil von Bewohnern und Surfern arabischer Herkunft beherbergt und von Stränden umzingelt ist, die anders als im quirligen Tel Aviv auch mal weniger Surfer im Wasser zulassen. Spricht man Arthur Rashkovan oder Shachar Aharoni, die Mitbegründer von „Surfing For Peace“, auf die Legende Paskowitz an, wird die harte Schale gestandener Männer schnell zur sensiblen Gänsehaut, denn Wellenreiten ist nicht nur im Gazastreifen, sondern in ganz Israel von hoher emotionaler Bedeutung. Seit 2016 ist die „World Surf League“ erstmals wieder mit einer Veranstaltung vertreten und gibt nationalen Stars wie Yoni Klein oder den Lilior-Schwestern eine heimatliche Bühne des internationalen Wettkampfs. Auch David Noy und Ely Cassirer, zwei junge Talente, die gerade mit einem Sixpack Bier (immer noch Purim) in unserem Hotel aufgekreuzt sind, würden in diesem Jahr gerne alles in den Traum des Profisurfens stecken und wieder an internationalen Wettkämpfen teilnehmen, müssen jedoch unmittelbar nach den Feiertagen ihren dreijährigen Wehrdienst antreten. Danach ist man entweder zu alt, zu geschädigt oder verdammt in Eile, wenn man den sportlichen Karrierezug noch erwischen möchte. Indonesien, das Land, in dem die perfekten Wellen fließen, darf man mit israelischem Pass nicht besuchen, was für die Launen des Mittelmeeres ein Segen wäre. Die Entwicklung israelischer Surftalente wird dadurch mehr als nur beeinträchtigt. Umso mehr feiert Israels Surfszene den Besuch des Surfstars Leon Glatzer. Sohn deutscher Eltern, geboren auf Hawaii, aufgewachsen in Costa Rica, zählt der Zwanzigjährige zu den international erfolgreichsten Surfern mit deutschem Pass.

Wellen vor Ruinenpanorama

Endlich: Das Tiefdruckgebiet hat Israels Küste erreicht. Wir haben jetzt jeden Tag Wellen. Sogar in Tel Aviv, zwischen den Molen. Sogar einen Geheimtipp, eine Riffplatte nördlich von Netanja, dürfen wir surfen – ein Ruinenpanorama südlich von Haifa. Und dürfen dort sogar Bilder machen! Nur nicht von den angrenzenden Militärstützpunkten, wenngleich die Soldaten hinter dem Stacheldrahtzaun jedes einzelne Manöver mit Getöse verfolgen. Sie wollen, dass wir der Welt erzählen, wie weit sich Israel bereits zu einer ernst zu nehmenden Surf-Nation entwickelt hat. Auf dem Weg zurück sprechen wir über Tunnel, Grenzen und den wahren Vitamingehalt von Trockenfrüchten. Shachar erzählt, dass sein Vater ein hoher Sicherheitsbeamter war und sie den Gazastreifen seit Jahren mit Neoprenanzügen und Surfboards versorgen möchten, doch immer wieder an der Willkür der Hamas-Regierung scheitern.

Wir fahren nicht zurück nach Tel Aviv, sondern nach Jerusalem. Die Stadt ist das Gegenteil von Tel Aviv und ein wunderbarer Ort, um Atheist zu werden oder sich in den unzähligen Touristenshops bis auf die Socken völlig neu einzukleiden. Ein Ausverkauf von Religion, der nicht einmal vor den Ritualen der Klagemauer haltmacht. Fotowütige Abenteuertouristen inmitten jahrtausendealter Gassen, Gartenstühle, die vor Heiligkeit und Abnutzung strotzen. Wie wir zum Felsendom kommen, will uns auf jüdisch-orthodoxer Seite niemand sagen. Und dass man diesen Ort nur noch zu bestimmten Zeiten besuchen darf, weil sich jüdische Terroristen, als Touristen verkleidet, immer wieder in die Luft zu sprengen versuchen, erfahren wir auch erst von unserem Taxifahrer, mit dem wir gerade auf dem Weg nach Hebron sind. Tags zuvor wurde am Löwentor, dem Eingang zum muslimischen Viertel der ummauerten Altstadt, ein Fundamentalist von Soldaten erschossen. „Ein Muslim, auf dem Weg zu seinem Mittagsgebet“, beteuert unser Taxifahrer. „Ein bewaffneter Terrorist“, schreiben die israelischen Zeitungen.

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