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Wildes Irland : Achterbahn am Ozean

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Auch im wildesten, einsamsten Irland ist man nie wirklich allein. Bild: Volker Mehnert

Im abgelegenen Nordwesten Irlands verheddert sich der Wild Atlantic Way auf mitreißende Art in einem wild zusammengewürfelten Labyrinth aus Land und Wasser.

          7 Min.

          Dieser Bericht kann nichts anderes werden als eine Laudatio auf die irische Küstenlandschaft. Sicher, in der Grafschaft Donegal gibt es auch Menschen und Schafe, Bauernhöfe und Dörfer, Pubs, Folkmusic und Guinness vom Fass. Doch all das verblasst samt und sonders hinter der landschaftlichen Superschau, die im Nordwesten Irlands gezeigt wird. Denn dort hat der unbändige Ozean mit seiner heranrollenden atlantischen Macht das Festland angenagt und zerfressen und dadurch ein elementares Gemenge aus Land und Wasser erschaffen, ein geographisches Puzzle, zusammengesetzt aus tief eingeschnittenen Buchten, Flüssen und Flussmündungen, aus felsigen Ufern und Klippen, aus Marsch, Watt und Torfmooren, gigantischen Dünen und versteckten Sandstränden, aus üppig bewachsenen Tälern und kargen Wiesen sowie aus Hunderten von Landzungen und Inseln, die in den Atlantik hinauskleckern.

          Jetzt haben die Iren beschlossen, dieses landschaftliche Wunder in eine neue Touristenroute einzugliedern, die gerade eröffnet worden ist. Wild Atlantic Way - der Name klingt aufregend, vielleicht ein wenig reißerisch. Doch ist das alles andere als ein bloßer Marketing-Gag. Denn schon ein Blick auf die Landkarte offenbart: Sage und schreibe zweieinhalbtausend Kilometer Straße sind es, die sich von Kinsale im irischen Süden kurvenreich entlang der Atlantikküste bis zum Malin Head an der Nordspitze der Insel schlängeln, und fast überall führt die Route unmittelbar an der Küste entlang. Den gesamten Wild Atlantic Way abzufahren, jetzt vermutlich die längste ausgeschilderte Küstenstraße der Welt, dürfte ein ehrgeiziges Unterfangen sein; die vierhundert Kilometer lange Strecke durch die abgelegene Grafschaft Donegal hingegen ist eine ebenso überschaubare wie fesselnde Etappe. Man folgt dabei auch dem Lockruf des irischen Poeten und Literaturnobelpreisträgers William Butler Yeats: „Come away, O human child, to the waters and the wild“. Viele Sommer verbrachte er während seiner Jugend im irischen Nordwesten und erlag dabei für immer dem Reiz dieser Gegend.

          Ein wenig Mut für den Grat

          Slieve League, die gigantische Klippe im Süden von Donegal, hält nicht nur ein erstes famoses Panorama bereit, sondern auch gleich eine abenteuerliche Herausforderung. Denn wer traut sich schon über den One Man’s Pass? Bei Wind und Regen sollte man die Überquerung dieses schmalen Bergrückens auf jeden Fall meiden, doch sogar bei schönstem Wetter braucht man Courage. Nur eineinhalb Meter breit ist dieser atemraubende Grat hoch über dem Atlantik. Auf der einen Seite fällt er fünfhundert Meter fast senkrecht zum Meer hinunter ab, auf der anderen ist der Abhang ebenfalls zum Fürchten - hochalpine Verhältnisse unmittelbar am Ozean. Der Anstieg von Meereshöhe bergauf über weichen Torfboden und schieren Fels ist zwar steil, aber zunächst keineswegs schwindelerregend, weil die Route genügend Distanz zum Abgrund hält. Vor Augen hat man dabei stets die Steilwand von Slieve League, einem kolossalen Fels, der sich bis zu einer Höhe von sechshundert Metern fast senkrecht aus der Brandung des Atlantiks aufrichtet - eine der höchsten Meeresklippen in Europa.

          Von oben schweift der Blick über eine karge, irische Berglandschaft mit vereinzelten Häusern und Siedlungen im Tal, in der Ferne ragt der Tafelberg Benbulben in die Höhe, zum Meer hin erstrecken sich Buchten und Halbinseln, und schließlich schaut man weit hinaus auf den Atlantik, zum Horizont, Richtung Amerika. Die Geräusche der Zivilisation sind verschwunden. Nur das Pfeifen des Windes ist zu hören, dann blökt irgendwo ein Schaf, und es zwitschert ein einsamer Vogel. Mehrere hundert Meter weit führt die Strecke an der Kante der Klippe entlang, doch kann man sich immer in sicherem Abstand zum Abgrund halten, bis der Weg schließlich in den One Man’s Pass übergeht, auf dem einem nach Möglichkeit niemand entgegenkommen sollte.

          Ein wenig Erholung für die Augen

          Die Klippen von Slieve League sind nur der Auftakt für eine andauernde Serie grandioser Meerblicke. Wie viele sind es, hundert, zweihundert, noch mehr? Man braucht gar nicht mit dem Zählen anzufangen, weil man irgendwann sowieso aufhört. Denn ein Land-Meer-Insel-Klippen-Dünen-Strand-Spektakel folgt auf das nächste. Fährt man dann doch einmal zehn Minuten lang durch einen Hohlweg, begrenzt von drei Meter hohen Hecken, oder durch einen Tunnel von mächtigen Alleebäumen, dann dient das der dringend erforderlichen Entspannung der Augen und einer allerdings nur kurzfristigen Abkühlung der Begeisterung.

          Noch in Sichtweite von Slieve League streckt die Halbinsel St. John’s Point ihren dünnen Fühler ins Meer hinaus - eine Lavazunge, die einst von einem Vulkan herabgeflossen sein muss. Ihre leicht ondulierte Oberfläche erscheint auf den ersten Blick wie eine beliebige eintönige Kuhwiese, doch an ihren Rändern hat das Meer dramatisch modellierte Lavaformationen freigespült und die Uferkante ausgewaschen, ausgehöhlt und abgeschmirgelt. Es scheint, als sei der Stein erst gestern erkaltet, und bei Ebbe ist diese ganze felsige Pracht fünf, zehn, fünfzehn Meter hoch freigelegt. Schicht um Schicht ragt das Gestein aus dem Meer heraus und präsentiert senkrechte Klippen, sanfte Schrägen, ebenmäßige Bögen, freistehende Felsklötze und vereinzelte Höhlen.

          Und wieder überwältigt vom Panorama

          Auch in der anderen Richtung setzt sich das landschaftliche Schauspiel fort, diesmal etwas abseits des Meeres. Vom Städtchen Ardara aus fährt man in einem alpenähnlichen Talschluss bergauf, zunächst durch langgestreckte Kurven, dann über steile Serpentinen bis zum Glen Gesh Pass. Von dort geht der Blick zurück auf den gigantischen Einschnitt im Gebirge, den man gerade durchquert hat: breit, langgestreckt und saftig grün. Von dort überquert der Wild Atlantic Way eine Hochebene mit mächtigen Felsen, Torfmooren und den typisch irischen Trockensteinmauern, die das Land geometrisch gliedern. Plötzlich aber trifft die Straße auf einen Abbruch im Gelände, und schon präsentiert sich das nächste überwältigende Meerespanorama, das sich auf dem Weg bergab zum entlegenen Dörfchen Glencolumbkille hinter jeder Kurve erneuert und wandelt.

          Bloody Foreland heißt der nordwestliche Ausläufer von Donegals Küste zwischen Bunbeg und Dunfanaghy. Der Name spielt weder auf keltische Schlachten noch auf katholisch-protestantische Auseinandersetzungen an, sondern verdankt sich einer rötlich schimmernden Klippenküste, die in den Strahlen der untergehenden Sonne blutig rot auflodert. Im Hinterland des Foreland haben sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten viele Iren und irische Exilanten ihre Ferienhäuschen errichtet. Es ist die einzige Region in Donegal, die deutliche Spuren einer touristischen Entwicklung zeigt. Ansonsten trägt die Grafschaft noch immer an der Last einer Vergangenheit, die 1921 mit der Teilung der Insel begann. Die Grenze zwischen der Republik Irland und dem britischen Ulster hatte damals die natürlichen und historischen Beziehungen zwischen Donegal und dem benachbarten Derry gekappt und beim Städtchen Bundoran nur einen knapp zehn Kilometer breiten Korridor als Landverbindung zum Kern der Republik Irland freigelassen. Jahrzehntelang ist deshalb kaum ein Besucher in den Nordwesten der Insel vorgedrungen, und noch heute kommen nur drei Prozent aller ausländischen Irland-Touristen nach Donegal.

          Golfplätz inmitten der Wildnis

          So führt der Wild Atlantic Way dort durch kaum berührte Landschaften, und je weiter man nach Norden kommt, desto einsamer wird es. Am Horn Head sowie auf den Halbinseln Rosguill, Fanad und Inishowen verheddern sich schmale, kurvenreiche Sträßchen bergauf und bergab im Gelände. Auf diesen atlantischen Achterbahnen braucht man nicht mehr auf das immer wieder gewöhnungsbedürftige irische Linksfahren zu achten, weil die Straße sowieso nur noch für ein Fahrzeug Platz bietet und man bei Gegenverkehr eine passende Ausweichstelle finden muss.

          Von Ehrfurcht vor der elementaren Küstenlandschaft zeugen im Nordwesten Irlands sogar die Golfplätze, die anderswo in der Welt ein Gelände manchmal völlig umkrempeln. Hier jedoch hat man ein typisch irisches Freizeitvergnügen unaufdringlich mit der Natur verknüpft. Es handelt sich dabei um die traditionellen „links courses“, also Küsten- und Dünenplätze, die oft seit mehr als hundert Jahren existieren. Im landwirtschaftlich nutzlosen Korridor zwischen Meer und Weideland richteten sich sowohl Aristokraten als auch Bauern schon im neunzehnten Jahrhundert solche Spielplätze ein. In Donegal sind sie in der Regel so harmonisch in die Dünen eingepasst, dass sie mit dem spärlichen Badebetrieb auf den Stränden nebenan wie selbstverständlich in Einklang stehen. In Dunfanaghy führt der Zugang zum Strand sogar quer durch die Spielbahnen des Platzes, und in Portsalon bilden Strand und Golfplatz eine so perfekt gestaltete Einheit, dass der britische „Observer“ den Strand zum zweitschönsten der Welt gekürt hat. Der Rosapenna Golf Club in Downings ist ebenfalls ein Meisterstück dieser Rücksicht sportlicher Ambitionen auf die Vorgaben der Natur: 1891 wurde er von Tom Morris, dem schottischen Altmeister der Golfplatzarchitekten, so gekonnt in die Dünen eingebettet, dass man selbst aus kurzer Entfernung kaum erkennen kann, wie der Mensch hier in die Landschaft eingegriffen hat.

          Und plötzlich ist Schluss

          Von der Befestigungsanlage Grianán of Aileach aus nähert sich der Wild Atlantic Way langsam seinem Abschluss - einem passenden Abschluss. Denn er endet am Malin Head, dem nördlichsten Punkt der irischen Insel. Auf dem Weg dorthin gibt es noch einmal einen landschaftlichen Leckerbissen: die Lagg Sand Dunes. Es sind unbewegliche, von Gräsern dicht bewachsene Dünen, die zu den größten ihrer Art in Europa gehören und natürlich mit einem malerischen Strand verbunden sind. Dennoch verirrt sich kaum jemand hierher, während am Malin Head tatsächlich ein wenig Betrieb herrscht. Der eine oder andere Ire will wohl dort seine Haare einmal in den Wind halten, nach Möglichkeit einen Blick auf das gelegentlich aufscheinende Nordlicht erhaschen oder hinüber nach Schottland schauen, dessen Küste bei schönem Wetter in Sichtweite liegt. Kein Wunder, dass enge historische Bande zwischen diesem Teil Irlands und Schottland bestehen. Auswanderer aus Donegal hat es seit jeher weniger nach Amerika gezogen als nach Glasgow, Edinburgh und Aberdeen, und bis heute haben viele Iren deshalb familiäre Bindungen in den Norden der britischen Inseln.

          Wie überdimensionale, prähistorische Geoglyphen erscheinen am äußersten Rand der Landzunge von Malin Head die vier Buchstaben des Wortes „Eire“, zusammengesetzt aus großen, weißgestrichenen Wackersteinen. Für die Reisenden auf dem Wild Atlantic Way zeigen sie den Abschluss ihrer Irland-Route an. Während des Zweiten Weltkriegs jedoch sollten amerikanische Bomberpiloten erkennen, dass sie an dieser Stelle das neutrale Irland erreicht hatten. Weitere Relikte des Krieges ruhen unmittelbar vor Malin Head im Meer. Dort haben die Briten nach dem Zweiten Weltkrieg hundert deutsche U-Boote versenkt, und direkt daneben liegt im glasklaren Wasser ein gesunkener amerikanischer Frachter mit Sherman-Panzern auf dem Deck - vereint zu einer kuriosen Unterwasserlandschaft. Die Wracks komplettieren einen der größten Schiffsfriedhöfe der Weltmeere. Denn früher verlief eine höchst ungemütliche und gefährliche maritime Route vor der irischen Westküste. Mehr als zwölftausend Schiffe sind dort im Laufe der Zeit zerschellt und versunken, darunter 1588 drei Karavellen der Spanischen Armada, 1884 der Großsegler Wasp und 1917 der Passagierdampfer „Laurentic“ der White Star Line. Sie wären die Protagonisten einer Geschichte über einen ganz anderen, einen mit menschlichen Schicksalen verketteten Wild Atlantic Way.

          Wild Atlantic Way

          Information: Die bestehenden Küstenstraßen von Kinsale im County Cork bis zum Malin Head im County Donegal sind zum Wild Atlantic Way zusammengeschlossen worden. An manchen Stellen wurden die Straßen verbreitert oder ausgebessert, hier und da zusätzliche Parkplätze und Aussichtspunkte eingerichtet. Die 2500 Kilometer lange Route ist durchgehend und übersichtlich beschildert. Auf zahlreiche Nebenrouten und lohnende Umwege wird unterwegs ebenfalls hingewiesen. Weitere Auskünfte: Irland Information, Gutleutstraße 32, 60329 Frankfurt, Telefon: 069/66800950, www.ireland.com. Die Reise wurde von Tourism Ireland unterstützt.

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