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Wildes Irland : Achterbahn am Ozean

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Ein wenig Erholung für die Augen

Die Klippen von Slieve League sind nur der Auftakt für eine andauernde Serie grandioser Meerblicke. Wie viele sind es, hundert, zweihundert, noch mehr? Man braucht gar nicht mit dem Zählen anzufangen, weil man irgendwann sowieso aufhört. Denn ein Land-Meer-Insel-Klippen-Dünen-Strand-Spektakel folgt auf das nächste. Fährt man dann doch einmal zehn Minuten lang durch einen Hohlweg, begrenzt von drei Meter hohen Hecken, oder durch einen Tunnel von mächtigen Alleebäumen, dann dient das der dringend erforderlichen Entspannung der Augen und einer allerdings nur kurzfristigen Abkühlung der Begeisterung.

Noch in Sichtweite von Slieve League streckt die Halbinsel St. John’s Point ihren dünnen Fühler ins Meer hinaus - eine Lavazunge, die einst von einem Vulkan herabgeflossen sein muss. Ihre leicht ondulierte Oberfläche erscheint auf den ersten Blick wie eine beliebige eintönige Kuhwiese, doch an ihren Rändern hat das Meer dramatisch modellierte Lavaformationen freigespült und die Uferkante ausgewaschen, ausgehöhlt und abgeschmirgelt. Es scheint, als sei der Stein erst gestern erkaltet, und bei Ebbe ist diese ganze felsige Pracht fünf, zehn, fünfzehn Meter hoch freigelegt. Schicht um Schicht ragt das Gestein aus dem Meer heraus und präsentiert senkrechte Klippen, sanfte Schrägen, ebenmäßige Bögen, freistehende Felsklötze und vereinzelte Höhlen.

Und wieder überwältigt vom Panorama

Auch in der anderen Richtung setzt sich das landschaftliche Schauspiel fort, diesmal etwas abseits des Meeres. Vom Städtchen Ardara aus fährt man in einem alpenähnlichen Talschluss bergauf, zunächst durch langgestreckte Kurven, dann über steile Serpentinen bis zum Glen Gesh Pass. Von dort geht der Blick zurück auf den gigantischen Einschnitt im Gebirge, den man gerade durchquert hat: breit, langgestreckt und saftig grün. Von dort überquert der Wild Atlantic Way eine Hochebene mit mächtigen Felsen, Torfmooren und den typisch irischen Trockensteinmauern, die das Land geometrisch gliedern. Plötzlich aber trifft die Straße auf einen Abbruch im Gelände, und schon präsentiert sich das nächste überwältigende Meerespanorama, das sich auf dem Weg bergab zum entlegenen Dörfchen Glencolumbkille hinter jeder Kurve erneuert und wandelt.

Bloody Foreland heißt der nordwestliche Ausläufer von Donegals Küste zwischen Bunbeg und Dunfanaghy. Der Name spielt weder auf keltische Schlachten noch auf katholisch-protestantische Auseinandersetzungen an, sondern verdankt sich einer rötlich schimmernden Klippenküste, die in den Strahlen der untergehenden Sonne blutig rot auflodert. Im Hinterland des Foreland haben sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten viele Iren und irische Exilanten ihre Ferienhäuschen errichtet. Es ist die einzige Region in Donegal, die deutliche Spuren einer touristischen Entwicklung zeigt. Ansonsten trägt die Grafschaft noch immer an der Last einer Vergangenheit, die 1921 mit der Teilung der Insel begann. Die Grenze zwischen der Republik Irland und dem britischen Ulster hatte damals die natürlichen und historischen Beziehungen zwischen Donegal und dem benachbarten Derry gekappt und beim Städtchen Bundoran nur einen knapp zehn Kilometer breiten Korridor als Landverbindung zum Kern der Republik Irland freigelassen. Jahrzehntelang ist deshalb kaum ein Besucher in den Nordwesten der Insel vorgedrungen, und noch heute kommen nur drei Prozent aller ausländischen Irland-Touristen nach Donegal.

Golfplätz inmitten der Wildnis

So führt der Wild Atlantic Way dort durch kaum berührte Landschaften, und je weiter man nach Norden kommt, desto einsamer wird es. Am Horn Head sowie auf den Halbinseln Rosguill, Fanad und Inishowen verheddern sich schmale, kurvenreiche Sträßchen bergauf und bergab im Gelände. Auf diesen atlantischen Achterbahnen braucht man nicht mehr auf das immer wieder gewöhnungsbedürftige irische Linksfahren zu achten, weil die Straße sowieso nur noch für ein Fahrzeug Platz bietet und man bei Gegenverkehr eine passende Ausweichstelle finden muss.

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