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Innere Mongolei : Mit Adele in der Jurte

Etwas gewöhnungsbedürftig für westliche Augen: Stadtverschönerung mit Pandabären. Bild: Andrea Diener

Von wegen, Asien ist total überlaufen: Man könnte ja auch nach Manzhouli in die Innere Mongolei fahren, wo es Pferde, Zuckerbäckerhochhäuser und viel weites Grasland gibt.

          8 Min.

          Als ich aus Manzhouli abflog, kam mir der Flughafen fast schlicht vor. Das war bei der Ankunft noch anders gewesen, denn da hatte ich nach einem Flug über das endlose Grasland der Inneren Mongolei vor Entzücken sofort die Kamera hochgerissen: Ein Flughafen mit Säulenportikus! Ein Tower mit pseudobiedermeierlichen Lisenen! Ein wehrloses Terminal, dem mit einiger Gewalt allerschönste Zuckerbäckerstukkatur appliziert worden war, verziert mit chinesischen Leuchtbuchstaben in sozialistischem Revolutionsrot! Und innen ging das so weiter: Riesige Glaslüster in Mattweiß und Gold, schmiedeeiserne Schnörkelgeländer und an der Decke der Empfangshalle Putten von so grotesker Hässlichkeit, dass sie nicht einmal in einer saudi-arabischen Einkaufsmall geduldet würden. All das hatte mich enorm beeindruckt; jetzt, nach ein paar Tagen in Manzhouli, ließ es mich kalt. Die Fassade war bloß einfarbig beige, und nicht einmal Goldkuppeln hatte das Ding. Diese Stadt verschiebt einem innerhalb kürzester Zeit sämtliche Maßstäbe, und als Erstes kommt die Sensibilität für architektonische Angemessenheit abhanden. Ich müsste allerdings lügen, wenn ich behaupten würde, sie besonders vermisst zu haben.

          Andrea Diener
          Redakteurin im Feuilleton.

          Vor dem Hotel wurden wir von einer Stalinorgel empfangen, die auf der Ladefläche eines Pick-ups stand. Gibt es hier etwa einen bewaffneten Konflikt? Warum hatte mir das keiner gesagt? Und warum hat das Rohr da ein rotes Schleifchen? Schade, wir hätten knapp die Hochzeit verpasst, beschied man uns. Und wer in der Inneren Mongolei etwas auf sich hält, begeht diesen Anlass mit dem entsprechenden Freudengeballer. Gern lang, laut und aus allen Rohren. Später wunderte ich mich nicht mehr, dass vor sämtlichen Brautmodenläden diese Geschütze standen, alle mit rotem Stern auf olivfarbenem Lack und liebevoll gebundener Schleife. Auch der Maßstab für Romantik, das lernte ich als Nächstes, ist interkulturell durchaus variabel. Gut, wenn man das erklärt bekommt, bevor man die Gelegenheit hat, sich Sorgen zu machen.

          Russischer Betonklassizismus mit Ramschläden

          Warum in der Weite des Graslandes überhaupt eine Stadt steht, ist ganz grundsätzlich erklärungsbedürftig. Seine gut hundertjährige Existenz hat Manzhouli der Transmandschurischen Eisenbahn zu verdanken und vor allem dem russisch-chinesischen Grenzbahnhof, um den herum eine Siedlung entstand, die bald zu einem wichtigen Handelszentrum wurde. Bis heute rollen güterwaggonweise die Holzstämme aus den sibirischen Wäldern in die innermongolischen Sägewerke und von dort aus in den ganzen chinesischen Norden. Textilien und andere Exportgüter nehmen den umgekehrten Weg. Und weil die Spurweite der russischen und der chinesischen Bahnschienen sich unterscheiden und weil in Manzhouli die Schnittstelle ist, muss dort seit jeher alles umgeladen werden.

          In den Anfangsjahren zuckelten noch Pferdekarren zwischen einstöckigen Holzhäuschen mit Schnitzverzierungen hindurch, über deren Türen Schilder mit russischer Beschriftung hingen. Die Pferdekarren gibt es bis heute, die allgegenwärtigen kyrillischen Lettern auch, aber der Rest wurde ziemlich konsequent auf russischen Betonklassizismus getrimmt. Das Städtchen mit seinen sechzigtausend Einwohnern boomt still und leise vor sich hin, Arbeit und Geld gibt es genug, auch wenn man es auf den ersten Blick kaum glauben mag. Unter eher unspektakulären Vorzeichen entstand eine Stadt voller kleiner Ramschläden, die pinkfarbene Plastiksandalen und echte Pelzcapes verkaufen, Letztere vor allem an Russen, und mit Hochhäusern, die konsequent jeglichen Modernismus verweigern. Die globalen Indizien wirtschaftlichen Erfolges fehlen sämtlich. Keine Prada-Boutiquen, keine internationalen Modeketten, kein Starbucks, kein McDonald’s, keine glitzernden Glasfassaden und monströsen Malls. Nur eine einsame Kentucky-Fried-Chicken-Filiale im Zentrum behauptet wacker den westlichen Standard gegen die fliegenden Obsthändler und die russischen Restaurants.

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