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Foto: Barbara Liepert

Die Entdeckung der Arten

Von BARBARA LIEPERT
Foto: Barbara Liepert

20.02.2019 · Auf einem Tauchboot im indonesischen Raja-Ampat-Archipel hat man die schönsten Korallengärten fast für sich allein.

R aja Ampat“ tauchte vor knapp 20 Jahren auf. Zuerst als sagenhaftes Unterwassergebiet, in dem Wissenschaftler bei jeder Expedition neue Arten und die erstaunlichsten Kreaturen entdeckten. Im langen Schlepptau der Biologen kamen dann in den späten neunziger Jahren die Taucher, erste Basen entstanden, bald danach kamen die ersten „Liveaboards“ – so nennt man die Schiffe, auf denen Taucher schlafen und zwischen den Tauchgängen essen, während der Kapitän das nächste Korallenriff ansteuert. Und vor zehn Jahren sprach man dann schon auf der Luxusreisemesse in Cannes von dem abgelegenen indonesischen Archipel als dem „letzten Paradies“.

Wer sich für die Evolutionstheorie und ihre Väter interessierte, kannte Raja Ampat freilich schon vorher – aus Alfred Russel Wallace' „Der Malayische Archipel“: „Dieser Golf war seinen Ufern entlang mit zahlreichen felsigen Eilanden bestanden, die meist pilzartig geformt waren, da das Wasser die unteren Teile des löslichen korallinischen Kalksteins ausgewaschen hatte und sie daher zehn bis zwanzig Fuß überhingen“, schrieb der britische Naturforscher über seine Anreise nach Waigeo. Für ihn war die Landschaft eine „der eigentümlichsten und malerischsten, die ich je gesehen“. Und Wallace war 1860 bereits ein sehr weit gereister Mann. Auf seinen Erkundungsreisen in Südostasien von 1854 bis 1862 hatte er bahnbrechende Thesen zur Entstehung der Arten entwickelt und bereits ein Jahr vor dem Erscheinen von Charles Darwins berühmtem Buch zum gleichen Thema zu Papier gebracht und dem Forscherkollegen zugesandt, was Darwin unter akuten Publikationsdruck setzte.

Das Schiff „Purnama“ ist strenggenommen ein Alila-Hotel, und zwar das kleinste. Foto: Alila Hotels and Resorts

Und doch weiß man über 150 Jahre später immer noch nicht alles über Raja Ampat. Besteht der Archipel aus 1800 Inseln? Oder aus 1500? Das hängt davon ab, ab welcher Größe man einen Felsen als Insel zählt. Sicher ist, dass die vier größten Inseln Waigeo, Salawati, Batanta und Misool heißen, „die vier Könige“ – so die Bedeutung des Namens Raja Ampat. Taucher überall auf der Welt träumen von diesen Inseln, denn egal, welche Unterwasserzeitschrift man aufschlägt – unter den Fotos mit den noch nie gesehenen Tieren steht meistens Raja Ampat oder ein anderes Tauchgebiet des Indopazifiks: Fransenteppichhaie, Weihnachtsbaumwürmer, Büffelkopfpapageienfische, Haarsterne und Epaulettenhaie, die sich wie Salamander über den Meeresboden bewegen. Es gibt hier einzelne Riffe, die mehr Arten als die gesamte Karibik beherbergen; drei Viertel aller bekannten Korallenarten kommen hier vor, weit über 500 wurden bisher gezählt, und mehr als 1500 Fische, die Kleinstlebewesen nicht eingerechnet. Zudem gilt Raja Ampat als Geheimtipp bei Makro-Fans, so nennt die Fachpresse Leute, die gerne nach winzigen Tierchen wie Pygmäenseepferdchen suchen. Wegen des Anblicks dieser, fast nicht von der Koralle, an der sie klammern, zu unterscheidenden Wesen, oder fingernagelgroßer Nacktschnecken lassen die dann jeden Manta stehen.

Raja Ampat birgt für die meisten Träumer allerdings zwei Hindernisse: das Budget und die Anreise. Denn recht viel weiter weg als nach Raja Ampat kann man von Deutschland aus nicht reisen; am schnellsten geht es über Singapur und Jakarta, aber auch das dauert über 24 Stunden. Ab Jakarta muss manchmal ein Zwischenstopp in Sulawesi eingelegt werden. Oder auch nicht – am Äquator und zur Monsunzeit bestimmt der Regen die Flugpläne. Aber irgendwann kommt jeder irgendwie an, stolpert morgens trotz Wollpullover tiefgefroren aus der Maschine, weil der Sriwijaya-Pilot die Temperatur auf Gemüsefachniveau herabgesetzt hat.

Gut vorbereitet auf dem Weg in die faszinierende Unterwasserwelt. Foto: Barbara Liepert

Und dann ist man in Sorong, im äußersten Nordwesten Neuguineas, auf der Vogelkop-Halbinsel. Zwei Kulturen laufen hier scheinbar nebeneinander her: die lokalen Papua und die vor wenigen Generationen eingewanderten Indonesier; Kinder mit lustig aufgetürmten Lockenmähnen und Shorts spazieren neben Mädchen mit Hidschab über die staubigen Straßen. Im Hafen von Sorong legen die meisten Liveaboards nach Raja Ampat ab. An diesem Morgen liegt auch das exklusivste unter den Safarischiffen hier: die „Alila Purnama“. Sie wirkt hinter den rostigen Fischkuttern und neben den martialischen Schiffen der Marine wie eine feine Dame mit Hut, die sich gründlich verlaufen hat. Das schwimmende Boutiquehotel hat nur vier Kabinen und eine Balkonsuite und sieht von außen so aus wie ein Pinisi, ein traditionelles Handelsschiff aus Sulawesi. Auf dem Boot findet man weder die sonst bei Safarischiffen üblichen Stockbetten noch die typischen Tauchbootkunden, die mit ziegelsteindickem Logbuch und Piratenkopftuch herumlaufen, unbedingt Hammerhaie sehen wollen, sich für Tec-Diving interessieren und nach dem Tauchgang schnell einen im Tee haben, denn was soll man sonst an Bord tun. Das Publikum der „Purnama“ ist dagegen sehr zivilisiert und gut gekleidet, drei der Gäste – Italiener – wollen überhaupt gar nicht tauchen, nur ein bisschen schnorcheln und Strände anschauen.

Die „Purnama“ ist strenggenommen ein Alila-Hotel, und zwar das kleinste. Die Kette hat gerade in Kambodscha ihr 17. Haus eröffnet, das erste steht seit fast 20 Jahren mitten in Jakarta, mehr als zwanzig weitere Hotelprojekte sind in Planung.

Die „Purnama“ kann wie ein Safarischiff genutzt werden – die Crew fährt gerne drei Mal täglich zum Tauchen, aber genauso euphorisch organisiert sie Vogelbeobachtungs-, Höhlen- oder Wandertouren. Der Gast bestimmt das Programm. Was man gerne frühstückt und welche Literatur man in der Bordbibliothek erwartet, weiß die Mannschaft längst. Ein detaillierter Fragebogen wurde vor der Reise zugeschickt, damit keine Wünsche offenbleiben. Dort gibt es bei „Reisegrund“ auch die schöne Ankreuzmöglichkeit because I can. Wer es sich leisten kann, mietet das kleine schwimmende Hotel gerne komplett für Familie oder Freunde, oder nur für sich alleine, alles schon da gewesen, sagt ein Crew-Mitglied. Die Route darf man dann selbst bestimmen. Ansonsten machen das der Kapitän und Cruisedirector Mario Gonzalez – und der geht Gewitterfronten lieber aus dem Weg, denn wer nur sieben Tage unterwegs ist, sollte nicht nur Regen abbekommen.

Ein eigener Planet: Im Raja Ampat finden Wissenschaftler noch immer neue Arten, seien es nun Korallen oder Fische oder Farne, Seegurken oder Würmer. Foto: Alila Purnama

Aus genau diesem Grund navigieren wir ein wenig neben der geplanten Route, der Umweg führt zu einem Ort, der alle Erwartungen an ein Paradies einlöst: „Melissas Garden“ ist eines der ältesten Riffe in Raja Ampat, ein riesiger Park mit Hart- und Weichkorallen und Anemonen, so weit das Auge unter Wasser reicht – und die Sicht ist an diesem strahlenden Morgen ausgezeichnet. Man sieht Abertausende Glasfische, Fledermausfische, Doktorfische, Barsche, Grunzer, Muränen, alles, was Flossen hat, ist da, alle in Schwärmen sortiert, dann alle durcheinander und schließlich, wie vom Blitz getroffen, alle wieder als Formationsschwimmer im Schwarm; und ein Dutzend verschiedene Arten von Anemonenfischen, nur der Teppichhai zeigt sich nicht. Später, vom Schlauchboot aus, beobachten wir einen kleinen Schwarzspitzenriffhai, der immer wieder wie ein Hund nach einem modrigen Brett schnappt, das im Wasser treibt. Während wir noch den Grund für sein eigenartiges Verhalten suchen, stürzt eine Möwe vom Himmel herab und jagt ihm den Krebs ab, der offenbar auf der Planke Zuflucht gesucht hatte. Beim zweiten Tauchgang des Tages begegnen wir einer sehr langen schwarzweißgestreiften Seekobra, seltsamen Würmern, leuchtend bunten Nacktschnecken und ein paar Schildkröten.

Abends erklärt Cruisedirektor Gonzalez, über Seekarten gebeugt, woher das nährstoffreiche Wasser kommt, das den Generator für all das Leben hier anwirft – und leider auch Plastikabfälle mitbringt: aus dem Pazifik, von Norden, wo die Anrainerstaaten nicht für Müllvermeidung bekannt sind. Mantas, vor allem die ozeanischen Arten, sehe er immer weniger, sagt er. Und dabei ist es seit einigen Jahren überall in Indonesien verboten, sie zu fischen. Sie filtern mit ihrem Riesenmaul Plankton aus dem Wasser, aber immer öfter landen auch Flipflops oder Plastiktüten in ihren Mägen, und daran verenden sie. Vor 15 Jahren war – verglichen mit heute – quasi kein Plastik im Meer zu sehen –, da sind sich alle an Bord einig. Im Hafen von Sorong konnte man gar nicht vorbeischauen an den Plastikmüllteppichen. Und je entlegener die Weltgegend, desto größer ist der Müllberg, der an den unberührten Stränden liegt, weil morgens keiner kommt und alles wegnimmt, was nicht ins Katalogbild passt. Der Plastikmüll spricht viele Sprachen: Shampooflaschen aus Japan, Suppendosen aus China, Flaschen aus Vietnam.

In der Balbulol-Lagune stehen die unglaublichsten Karstformationen im flachen Wasser. Foto: Barbara Liepert

2017 lief ein Kreuzfahrtschiff mit 102 Gästen vor der Insel Kri auf Grund, fast 15 000 Quadratmeter Riff wurden zerstört. Der Aufschrei war groß, der Unfall galt manchen Umweltschützern als Menetekel des Massentourismus. Der wirtschaftliche Schaden belief sich laut indonesischer Presse auf fast 20 Millionen Dollar. Die Erkenntnis, dass das größte Kapital dieser Welt unter Wasser liegt, sickert mit dem Tourismus langsam auf die abgelegenen Inseln. Etwa 20 000 Besucher kamen 2017 nach Raja Ampat, davon ein Viertel aus dem eigenen Land. Eine Eintrittsgebühr von 100 Euro für den Nationalpark soll der lokalen Bevölkerung und dem Umweltschutz zugutekommen, wie viel davon wirklich ankommt, weiß keiner genau zu sagen.

Dank der steigenden Touristenzahlen gebe es erfreulicherweise kaum mehr Dynamitfischerei, sagt Mario Gonzalez: Die Technik, bei der selbstgebastelte Flaschenbomben ins Wasser geworfen werden, haben sich philippinische Fischer von amerikanischen GI während des Zweiten Weltkriegs abgeschaut. Die Präsenz der Safarischiffe halte sie aus dem Schutzgebiet fern.

Später, beim Nachttauchgang, sucht eine Sepie das Licht und leuchtet und glitzert dabei wie ein Disco-Turnschuh; kurz vor dem Auftauchen halten alle, wie vorher ausgemacht, ihre Lampen an den Bauch, die andere Hand planscht im Wasser, und plötzlich sieht man überall im Wasser Blitze und fluoreszierendes Plankton. Wir tauchen auf unter einem Zelt aus Sternen.

Am nächsten Tag geht es mit dem Dingy zur Balbulol-Lagune. Die unglaublichsten Karstformationen stehen da im flachen Wasser – kegelförmige Felsen, die an amerikanische Weihnachtsbäume erinnern, Schwämme, die wie Amphoren aussehen, und den heiteren Alltag von Grundel und Knallkrebs kann man hier auch studieren: Ein Fisch, groß wie ein Kinderfinger, und eine Garnele, die schlecht sieht, gehen eine Vernunftehe ein – der eine gräbt das Loch, der andere verteidigt es. Als wir vom letzten Tauchgang zurückkehren, tauchen Delfine auf und tanzen derart anmutig um das Schlauchboot, als würden sie dafür bezahlt. Kurz vor Sonnenuntergang wirft die Natur dann noch mal den ganz großen Projektor an, und die „Purnama“ gleitet auf die große Leinwand zu, ins Illusionstheater der anbrechenden indopazifischen Nacht: Am Horizont türmen sich Wolken auf, die untergehende Sonne beleuchtet ihre schnell wechselnden, bizarren Formen in Rot und Orange und glühendem Gold, als wolle sie hier, wo Wallace der Evolutionstheorie auf die Spur kam, noch einmal vorführen, zu welchen irrwitzigen Erfindungen die Natur auch über Wasser in der Lage ist.

Der Weg nach Paja Ampat

Anreise: Mit Singapore Airlines via Singapur bis nach Jakarta (ab 679 Euro). Da der Flug von Jakarta bis Sorong oft mitten in der Nacht mit Umsteigen in Sulawesi stattfindet, man acht Stunden Zeitverschiebung verarbeiten muss und anschließend tägliche Tauchgänge nicht unbedingt entspannt sind, sollte man ein oder zwei Puffertage einplanen; über singaporeair.com gibt es Stop-over-Angebote für Singapur ab 50 Euro/DZ.
Nach Sorong fliegen unter anderem Batik Air oder Sriwijaya Air, ab 300 Euro.

Einreise und Gesundheit: Für Indonesien braucht man kein Visum mehr;
unbedingt eine Reiseapotheke mitführen, vor Reiseantritt Impfschutz prüfen.

Schiff: Die „Alila Purnama“ ist noch bis März in Raja Ampat, danach geht es nach Cendrawasih Bay (Walhaie!), anschließend nach Alor und Ambon (Muck Diving!), von Juni bis Oktober fährt sie durch die Gewässer rund um Komodo, ab November wieder in Raja Ampat. Es gibt eine Bibliothek an Bord und einen Spa-Therapeuten. Kajaks und Stand-up-Paddle-Boards werden auf Wunsch zu Wasser gelassen. Die exakte Route hängt immer vom Wetter ab, das in den Tropen häufig wechselt. Platz ist für zehn Passagiere (vier Doppelkabinen mit Duschbad und eine Mastersuite mit Balkon zum Heck); Vollcharter ab 11 000 Euro/Tag bzw. 1050 Euro/Person im DZ. Weitere Informationen unter: alilahotels.com/purnama

Homestays: Die preisgünstigste Möglichkeit sind einfache Hütten/Zimmer der Homestays, es gibt bereits über 100 dieser Fremdenzimmer in Raja Ampat; Preise beginnen bei 20 Euro pro Tag, Elektrizität gibt es meist nur in den Abendstunden, Internetverbindung mit unter gar nicht. Mehr unter: stayrajaampat.com

Literatur: Alfred R. Wallace: „Der Malayische Archipel“. Edition Erdmann, 24 Euro
Weitere Informationen unter: indonesia.travel

Quelle: F.A.S.

Veröffentlicht: 20.02.2019 13:24 Uhr