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Indochina : Buddha darf in den Himmel, Onkel Ho darf es nicht

Die Speisung der himmlischen Bettler: Jeden Morgen bei Sonnenaufgang sammeln sich die buddhistischen Mönche in Luang Prabang zu ihrem Almosengang. Bild: Holger Peters

Indochina ist so sehr Sehnsuchtsbegriff wie Hirngespinst. Im Grunde haben Vietnam, Laos und Kambodscha nur eines gemeinsam: Sie vereinen lauter Unvereinbarkeiten in sich, ohne jemals ihre Anmut oder ihre Würde darüber zu verlieren. Eine Reise zu drei unvergleichlichen Orten.

          11 Min.

          LUANG PRABANG, LAOS

          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Sie tauchen auf, als seien sie gerade vom Himmel herabgestiegen und würden gleich wieder dorthin verschwinden. So unwirklich, so unirdisch schälen sich die currygelben Kutten aus der Fahlheit des Morgendunstes und reihen sich zu Prozessionen buddhistischer Gottesmänner und Gotteskinder aneinander, barfüßig sie alle, kahlgeschoren und blechnapfbewehrt, weil es im Himmel anscheinend nichts zu essen gibt. Der Abt geht immer vorneweg, die Novizen schreiten wie Engelsenten hinterher, keiner verzieht eine Miene, niemand sagt ein Wort, alle sind sich der unantastbaren Würde dieses jahrhundertealten Rituals bewusst. Am Straßenrand warten schon die Frauen mit ihren Klebereistöpfen, um die himmlischen Bettler zu speisen und den Segen für ihre Ahnen zu erbitten. Mit den Fingern formen sie aus einer Handvoll Körnern kleine Kugeln und werfen sie in die Näpfe, die sich im Sekundentakt öffnen und schließen. Denn es muss für alle Mönche reichen, die den Reis ihrerseits mit den wartenden Lumpenbettlern teilen, so wie der Himmelsherr es befiehlt. Und hungrige Gottesknechte gibt es zu Hunderten beim allmorgendlichen Almosengang in Luang Prabang, dem spirituellen Zentrum des sozialistisch-buddhistischen Arbeiter-und-Bauern-und-Gottesstaates Laos.

          Luang Prabang ist der eigenartigste Ort in Indochina. Wie eine Himmelsburg versteckt er sich vor dem Lärm der Welt in den Bergen hoch im Norden der Volksrepublik Laos, schmiegt sich an die Felsen, deren Schroffheit von einem Teppich aus Urwald gebändigt ist, sucht Halt am Ufer des Mekong, der schon Tausende Kilometer vor seiner Mündung ein gewaltiger Strom ist, nicht blau, nicht weiß, sondern so ockerfarben wie die Kutten der Mönche, als suche auch er in Luang Prabang die Erleuchtung. Denn nichts anderes ist der Wesensgrund dieses Städtchens mit seinen drei Dutzend Tempeln, prachtvollen Gottespalästen voll geistigen Lebens und beflissener Novizen, die in ihrer Blattgoldherrlichkeit den Betonprotz der sozialistischen Repräsentationsbauten noch armseliger erscheinen lassen, als er ohnehin schon ist. Hier herrscht nicht die Partei, deren Kader indes eifrig in den Tempel gehen, sondern das buddhistische Pantheon mit Buddha in allen Meditationsposen und Erleuchtungsstufen an der Spitze, flankiert auf goldstarrenden Holzrefliefs von Elefanten, Hirschen, Pfauen, Schwänen, Affen, Drachen und siebenköpfigen Schlangen, gekrönt von ziselierten Türmen auf den Tempeldächern, die sechzehn Himmel des Buddhismus symbolisierend und die fünfzehn Höllen in Schach haltend zum Wohle aller Rechtschaffenen und Rechtgläubigen.

          Vergnügungen mit barbusigen Lautenspielerinnen

          Buddha ist auch der allgegenwärtige Regent des Berges, der sich im Herzen von Luang Prabang wie eine Himmelsahnung mit herrlicher Aussicht auf die Schönheit der laotischen Erde erhebt: sitzend, liegend, stehend, als Statue, als Relief oder auf Gemälden, die sein Leben erzählen - wie er sich in seiner wilden Jugend, als er noch ein böser Bube war, mit vier barbusigen Lautenspielerinnen vergnügt, und wie er, geläutert und vergeistigt, ins Nirwana eintritt, über allem irdischen Tand schwebend. Was würde er heute tun, stünde er leibhaftig und nicht nur als goldene Inkarnation seiner selbst auf diesem Berg und schaute hinab auf Luang Prabang? Würde er hinuntersteigen zu seinen Mönchen, die ihm nacheifern und die 227 ihnen auferlegten Gebote einzuhalten versuchen, um ihre Seele zu reinigen? Oder würde er direkt in den Himmel auffahren, weil er sich mit Grausen abwandte von der Stadt, die einmal alleine seine war und es jetzt nicht mehr ist?

          Backpacker sind selten Buddhisten, und wenn doch, dann höchstens in ihrer Freizeit. Das aber hat sie nicht daran gehindert, Luang Prabang als ihr Rucksack-Shangri-la zu erobern und das spirituelle Ambiente des Städtchens um das etwas profanere des internationalen Massenindividualtourismus zu ergänzen. Jetzt gibt es eben beides hier: Klöster und Guest Houses, Kahlgeschorene und Rastalockige, Seelenpurgatorien und Waschsalons, Almosengänge und Pasta-Pizza-Antipasti, Theravada-Sutras und Büchertauschbörsen für Langzeitreisende, Mönchskutten und Trikots vom FC Barcelona und Real Madrid, die in ihrer Weise ja auch Glaubensrichtungen sind. Die einen suchen die Meditation als drahtlose Verbindung zu höheren Sphären, die anderen Wireless Lan in Weinbars, in denen man sich von Louis Armstrong oder Adele nicht nur bei einem Bier, sondern auch bei einem Glas Moët et Chandon-Champagner berieseln lassen kann. Denn inzwischen sind - der übliche Gang der Dinge - die Luxustouristen mit ihren Fünfsternehotels den Backpackern dicht auf den Fersen.

          Die volle Wucht der westöstlichen Kulturkollision

          Inmitten dieser ganzen touristischen Infrastruktur, die es sich in wunderschönen Kolonialhäusern mit Holzschindeldächern, Lamellenfensterläden und Balustradenbalkonen bequem gemacht und Luang Prabang den Segen irdischen Reichtums gebracht hat, wirken die Mönche manchmal schon wie Fremde im eigenen Haus - exotisches Beiwerk zwischen all den Nachtmärkten mit folkloristischem Souvenirschnickschnack, Massagesalons mit überwiegend ehrenwerten Absichten, Fahrradverleihern mit anständigen Trekkingrädern, Dschungelelefantencamps mit Eintagesausbildung zum Hobby-Mahut, German Restaurants mit Bratwurst und Sauerkraut und Cafés für das Publikum mit gutem Gewissen. Dort wird nur fair Gehandeltes ausgeschenkt oder gleich der Saffron-Kaffee, der die gute Tat eines amerikanischen Idealisten ist: Den Bergvölkern im Goldenen Dreieck, die schon lange kein Opium mehr anbauen dürfen und mit der Brandrodung für Mais oder Reis schlechte Erfahrungen gemacht hatten, hat er den Kaffeeanbau beigebracht. Kaffee schont die Böden und füllt die Kassen, ist also ein passabler Ersatz für Mohn. Jetzt ist wieder fast alles gut bei den Hmong und den Khmu, und ihr Kaffee schmeckt auch noch ganz ausgezeichnet.

          Die westöstliche Kulturkollision findet allerdings nicht immer einen so glücklichen Ausgang, vor allem nicht morgens um halb sechs beim Almosengang der Bettelmönche. Denn inzwischen sind die Immobilienpreise im Zentrum derart in die Höhe geschossen, dass die Einheimischen an die Stadtränder vertrieben werden und deswegen nicht mehr genügend Spender am Straßenrand sitzen. Ihren Platz nehmen jetzt gerne Touristen ein, von ihren Hotels gegen ein ganz und gar nicht barmherziges Entgelt mit Reis- und Keksspenden, aber von keiner höheren Macht mit dem notwendigen Feingefühl ausgestattet. Wie die Hühner auf der Stange hocken halbe Hundertschaften vor dem Haupttempel, kichern und prusten und feixen, während sie den Mönchen mit vollen Händen das Essen in den Napf schmeißen, als seien es Kamellen beim Karneval, fotografieren sich dabei selbst und auch gerne gegenseitig, stehen ab und zu auf, um die Beine auszuschütteln, benehmen sich mitunter eher wie bei einer Tierfütterung als einer Mönchsspeisung, haben viel zu früh nichts mehr für die nachfolgenden Prozessionen übrig und gehen dann einfach weg, der Spaß hat schließlich schon lange genug gedauert.

          Die Bettelmönche verziehen auch bei diesem seltsamen Schauspiel keine Miene. Vielleicht ahnen sie, dass der Tourismus weder gut noch böse ist, sondern einfach nur unausweichlich, unaufhaltsam.

          HANOI, VIETNAM

          Onkel Ho ist nicht im Himmel. Er ist auch nicht in der Hölle, obwohl ihn manche seiner Feinde dort am liebsten sähen. Onkel Ho liegt seit siebenunddreißig Jahren da vorne in seinem Mausoleum, einem proletarischen Parthenon aus Marmor und Granit für den Gott der Revolution. Wir sind noch etwa einen Kilometer oder geschätzt eine Million Menschen von Onkel Ho entfernt, weil wir an diesem Sonntagmorgen ganz am Ende der Warteschlange stehen. Sie windet sich wie ein Lindwurm um das Grabmal und lässt uns ernsthaft daran zweifeln, dass wir es heute bis zum Onkelchen schaffen. Schließlich ist er schon ein älterer Herr von 122 Jahren und hält deswegen nur drei Stunden am Tag Audienz. Dann muss er sich wieder ausruhen.

          Schlange stehen für die Audienz beim Vater der Revolution: das Mausoleum von Ho Chi Minh in der vietnamesischen Hauptstadt Hanoi.
          Schlange stehen für die Audienz beim Vater der Revolution: das Mausoleum von Ho Chi Minh in der vietnamesischen Hauptstadt Hanoi. : Bild: Holger Peters

          Wenigstens wird es nicht langweilig, weil wir uns die Zeit mit der Betrachtung der Mitwartenden vertreiben können. Versammelt hat sich ein buntes Volk aus Schulkindern im Sonntagsstaat, Parteikadern in Paradeuniform, Veteranen mit Ordenslametta, Landbevölkerung mit schiefen Zähnen und Touristen in Trägershirts, die sofort herausgewinkt werden, so respektlos geht man ja wohl nicht zu Onkel Ho. Wir stehen inmitten von Greisen und Kleinkindern, Pubertierenden und Schwangeren, Bergvolkvertretern und Hanois Jeunesse dorée mit Wolkenkratzerabsätzen. Sie alle trippeln mit Engelsgeduld voran und hören mit größter Andacht den Jubelarien zu, die auf Bildschirmen entlang des Weges zu Onkel Hos Ehren von der nationalen Popprominenz mit schwülstiger Inbrunst geschmettert werden. Und wir denken im Stillen, dass eine solche Massenmobilisierung allein mit Propaganda und Indoktrination in einem modernen Land wie Vietnam unmöglich zu bewerkstelligen ist. Das kann nur eines bedeuten: Die Vietnamesen mögen ihren Onkel Ho wirklich.

          Jeder Kir Royal eine Dosis Melancholie

          Trotz der allgegenwärtigen Heiligenverehrung des Revolutions- und Nationalhelden Ho Chi Minh in Form von Tausenden Porträts, Plakaten und politischer Losungen ist er nicht mehr der einzige Gott auf dem Olymp und muss nun auch die Anbetung italienischer Handtaschen oder deutscher Oberklasselimousinen durch sein Volk hinnehmen. Die Gleichzeitigkeit eines rabiaten Raubtierkapitalismus und einer allmächtigen Partei, die das klassenfeindliche Wirtschaftsmodell mit der Peitsche kommunistischer Doktrin ein klein wenig im Zaum zu halten versucht, ist in Vietnam noch verwirrender als im ideologischen Vorbild China. Hanoi platzt fast vor unternehmerischer Energie, es ist rastlos in Bewegung, jeder kauft und verkauft andauernd irgendetwas, kaum ein Bürgersteig ohne improvisierten Straßenmarkt, kaum eine Ecke ohne eine duftende Garküche, kaum ein Baum, unter dem nicht ein Freiluftfriseur seinem Geschäft nachginge. Vier Millionen Mopeds machen aus der Stadt einen summenden Bienenmonsterkorb und acht Millionen Menschen einen Moloch, der mit engelsgleicher Gelassenheit seine Widersprüche erträgt.

          Im Grand Hotel Metropole, dem ersten Haus am Platz, einem messingblinkenden Traumbild kolonialen Prunks, kann man sich unter Teakholzventilatoren in den Schimärenglanz des alten „Indochine“ zurücktrinken, jeder Kir Royal eine Dosis Melancholie. Und einen Kilometer weiter in der Altstadt kann man zwischen verwitternden Fassaden in Hauseingänge kriechen, die so eng und finster wie Bergwerksstollen sind und nach zwanzig Metern in einem Wohnverlies enden, zehn modrige Quadratmeter mit Deckenfunzellicht für zehn Personen. Wir haben Maybachs gesehen und Ferraris und Rolls-Royces und die S-Klassen irgendwann nicht mehr gezählt. Und wir haben bei Nguyen Tuyet gegessen, deren Vorname Schnee bedeutet und die es nach der reinen Lehre des Sozialismus in Vietnam ebenso wenig geben dürfte wie Maybachs - oder wie es dort Schnee gibt.

          Die Würde der Menschenpuppenbettlerin

          Nguyen Tuyet ist ein Straßenkind, das Glück gehabt hat und aus der Wellblechhütte ihrer Eltern am Ufer des Roten Flusses in die Obhut der australischen Hilfsorganisation Koto gelangt ist. „Know one, teach one“ bedeutet das Akronym, das kein leeres Versprechen ist. Tuyet und Dutzende anderer Jugendliche werden in einem Restaurant der Organisation im Zentrum der Stadt zu Köchen und Kellern ausgebildet, in der Weltsprache Englisch und dem nützlichen Hauptfach Lebenskunde unterrichtet und finden - nach Darstellung von Koto - in neunundneunzig Prozent der Fälle ihren Platz im Leben.

          Sie wolle später allerdings nicht am Herd stehen, sondern Fotografin werden, sagt Fräulein Schnee mit einem Blick zwischen Scheu und Stolz, Glück und Unsicherheit, aus dem schon vor langer Zeit alle Unschuld in ein fernes Exil vertrieben wurde. Ihre Eltern und ihr Bruder seien Müllsammler, sagt Tuyet, sie selbst habe jahrelang auch nichts anderes getan, Landflüchtlinge seien sie und in der neuen Zeit, in der neuen Welt der wirtschaftlichen Freiheit durch alle Raster gefallen, Gestrandete eines Gezeitenwechsels, der sehr viele Gewinner hat und viel zu viele Verlierer - so wie die alte Bettlerin vor Tuyets Restaurant mit ihrer grotesk dilettantischen Beinprothese, die sie aussehen lässt, als sei sie halb Mensch, halb Menschenpuppe. Doch niemand scheucht sie fort. Stattdessen fordern uns unsere vietnamesischen Begleiter so schüchtern wie bestimmt auf, ihr etwas Geld zu geben - es ist ein Moment der Menschlichkeit, der uns dieses Land ganz tief in unser Herz schließen lässt.

          Onkel Ho darf nicht sterben

          Doch solche Menschlichkeit allein reicht nicht aus, um zu verhindern, dass sich Vietnam mit seinen Gleichzeitigkeiten und Widersprüchen selbst auseinandersprengt. Deswegen braucht man Onkel Ho, der jetzt nurmehr ein paar Meter vor uns entfernt ist. Wir müssen schnell noch eine Delegation von Parteikadern vorbeilassen, die sich frech vorgedrängelt hat, und dann sehen wir ihn endlich: ein wächsernes Männlein, das wie schlafend bei Kühlschranktemperaturen in einem pompösen Sarg liegt, nur noch von der Kunst russischer Präparatoren zusammengehalten und von einer stummen Ehrengarde in weißer Uniform voller goldrotem Christbaumschmuck bewacht.

          Demütigst geben wir zu, dass wir in seinem Angesicht nicht das empfunden haben, was die Partei von uns verlangt: keine Ehrfurcht, sondern Mitleid mit dem armen Onkel Ho, der hier die Rolle des ewigen Untoten geben muss. So lächerlich und zugleich so anrührend ist dieser hilflose Versuch, dem Materialismus einen letzten Triumph zu verschaffen, die Unausweichlichkeit des Todes ungeschehen zu machen und aus einem Menschen mit Hilfe von Chemikalien etwas Übermenschliches zu fabrizieren. Onkel Ho wollte gar nicht hier liegen, sondern als Asche über sein Heimatland rieseln. Jetzt ruht er in seinem Mausoleum als letztgültiger, unumstößlicher Beweis, dass es ihn wirklich gegeben hat, weil agnostische Kommunisten nicht an den heiligen Geist, sondern nur an Leichen glauben dürfen. Dabei würden wir, lieber Onkel Ho, es auch so glauben.

          ANGKOR, KAMBODSCHA

          Die Natur ist ein Sadist. Kein Ende mit Schrecken, keinen schnellen Tod gönnt sie dem Tempel. Stattdessen quält sie ihn mit grausamer Lust an einem unendlich langsamen Sterben. Nicht Sekunden, sondern Jahrhunderte dauert schon der Todesmoment, und er ist - Menschen sind manchmal auch nur Sadisten - ein schrecklich schönes Bild: Der Tempel Ta Prohm mitten im Urwald von Angkor sieht so verstörend aus, als habe hier eine fürchterliche Schlacht stattgefunden, ein Zyklopenkampf um Leben und Tod. Er ist ein ruinöses Chaos aus umgestürzten Mauern, zerborstenen Fundamenten, zersplitterten Reliefs, zertrümmerten Steinquadern, ein Tempeltorso wie von Titanenfäusten zerschmettert. Nichts Verwunschenes und schon gar nichts Romantisches hat dieses kurz und klein geschlagene Gotteshaus, nichts als Unheil verkündet das Gekrächze der Papageien in den Baumkronen, die sich gar nicht mehr beruhigen wollen, als stünden sie noch immer unter Schock - und als könnten sie den Anblick der bösartigen Natur nicht ertragen, die sich jetzt Ta Prohm wie ein rachsüchtiges, gefräßiges Tier zurückholt.

          Die Natur als gefräßige Bestie: Würgefeigen verschlingen den Tempel Ta Prohm in der kambodschanischen Ruinenstätte Angkor.
          Die Natur als gefräßige Bestie: Würgefeigen verschlingen den Tempel Ta Prohm in der kambodschanischen Ruinenstätte Angkor. : Bild: Holger Peters

          Am schlimmsten sind die Kapokbäume und die Würgefeigen. Sie schlingen ihre Äste wie Tentakeln um den Stein und strangulieren ihn wie Hydra Laokoon. Sie stoßen ihre Stämme wie Rammböcke ins Mauerwerk und lassen ihre Wurzeln über den Tempelboden kriechen, als seien es schlafende Schlangen, die in jedem Moment zum Leben erwachen können. Wie knöchrige Hexenhände umklammert ihr bleiches Holz die Skulpturen, wie eine Würgeschlange verschlingt ein mächtiger, sich grotesk aufblähender Baum einen kompletten Pavillon, der langsam im Schlund des Stamms verschwindet und jämmerlich um Hilfe zu schreien scheint. Es ist ein entsetzlicher Anblick, von dem man seine Augen gar nicht mehr lassen kann.

          Die Verführung der himmlischen Tänzerinnen

          In Ta Prohm schlägt man sich unwillkürlich auf die Seite des Tempels. Böse ist die Natur, gut das Menschenwerk, das sie zerstört. In Angkor Wat aber, dem größten sakralen Bauwerk auf Erden und Herzstück der gigantischen Tempelanlage von Angkor im Westen Kambodschas, hat die Natur keine Chance. Dort übernehmen die Menschen selbst das Zerstörungswerk, nicht aus böser Absicht, sondern aus grenzenloser Begeisterung. Und wer wollte es einem einzigen der zwei Millionen Besucher pro Jahr übelnehmen, dieses Wunder sehen zu wollen - dieses Abbild des Universums in unfassbar kunstvoll bearbeitetem Sandstein, umgeben von einem Wassergraben, der die Urozeane symbolisiert, gekrönt von einer Empore, die in Wahrheit das himmlische Milchmeer ist, bevölkert von Tausenden Nagas, heiliger Schlangen, die ihren steinernen Nacken aufblähen wie Kobras beim Angriff, geschmückt von achthundert Meter langen Reliefs, wie es sie kein zweites Mal auf Erden gibt. Sie erzählen die Geschichten der tausendjährigen Epen „Ramayana“ und „Mahabharata“ vom ewigen Kampf zwischen dem Guten und dem Bösen, dem Schönen und dem Schrecklichen. Und sie bestehen aus derart dicht und dynamisch ineinander verschlungenen Leibern von Affenkriegern und Drachendämonen, von Streitwagen und schwingenden Schwertern, dass man beim Zusammenkneifen der Augen glaubt, die Reliefs lebten und bewegten sich und seien aus Fleisch und Blut statt aus Stein.

          Und erst recht wünschte man sich das von den tausendfünfhundert Apsaras, den göttlichen Tänzerinnen, diesen Sirenen der Anmut mit ihrem himmlischen oder auch teuflischen Lächeln, keine einzige ihrer Schwester gleichend, sondern alle in ihrer Mimik und ihren Gesten ganz eigen, jede Einzelne die Schönheit ihrer Nachbarin noch übertreffend. Ausnahmslos alle sind mit nichts anderem als einer Krone und einem Lendenschurz bekleidet und blicken die Besucher so verführerisch an, dass das Fleisch sogar bei Stein schwach zu werden droht.

          Freche Liebhaber greifen an nackte Brüste

          Die Apsaras haben viele freche Liebhaber, die ihnen in unbemerkten Momenten an die nackten Brüste fassen. Doch das ist noch die geringste Sorge der Konservatoren. Sie fürchten sich vor dem Schweiß der Millionen Touristen, der die Wandmalereien angreift; vor den Fäkalien der Fledermäuse, die Skulpturen verätzen; vor dem Tropenregen, der in den porösen Sandstein dringt und ihn sprengt; vor der Gier krimineller Sammler, die Tänzerinnen kaltblütig entführen lassen; vor Idioten, die ihren Namen in die Mauern ritzen; und vor nichts mehr als dem wahnsinnigen Wachstum der benachbarten Stadt Siem Reap.

          Vor zwanzig Jahren noch hatte sie zehntausend Einwohner und ist einzig und allein wegen der touristischen Mega-Attraktion Angkor inzwischen auf hundertfünfzigtausend Menschen angeschwollen, inklusive Souvenirsupermärkten, „Pub Streets“, einer ganzen Batterie von Luxushotels und dreier Golfplätze - doch exklusive Slums, Wildwuchs und Chaos, denn diese Welttourismusmetropole ist blendend organisiert. Der Durst von Siem Reap aber ist so gewaltig, dass der Grundwasserspiegel dramatisch sinkt und die Statik der Tempel von Angkor ins Wanken bringt. Schon sieht man bedrohliche Risse an den Mauern, Menetekel des zweiten Untergangs jener Stadt, die in ihrer Blütezeit im zwölften Jahrhundert die größte der Erde war, eine Million Einwohner hatte und die Fläche von New York bedeckte, um dann so plötzlich von der Bildfläche und aus der Weltgeschichte zu verschwinden, als habe sie der Zorn eines fürchterlichen Rachegottes getroffen.

          Memento mori im Würgefeigendschungel

          Vielleicht endet ganz Angkor eines Tages so wie der Tempel von Ta Prohm: als ein steinernes Ausrufungszeichen der Vanitas mundi, als ein stranguliertes Memento mori im kambodschanischen Würgefeigenurwald, als Mahnmal menschlicher Maßlosigkeit. Vielleicht ist das die Zukunft. Zum Glück ist es nicht unsere. Denn die Natur ist ein geduldiger Sadist.


           

          Sehnsucht nach Indochina

          Anreise: Vietnam Airlines (www.vietnamairlines.com) fliegt achtmal pro Woche nonstop von Frankfurt nach Vietnam, fünfmal nach Hanoi und dreimal nach Ho-Chi-Minh-Stadt (Saigon). Von dort geht es mehrmals täglich zu 20 Zielen in Vietnam und fünf Zielen in Laos und Kambodscha. Derzeit kosten Flüge nach Vietnam ab 679 Euro und nach Laos oder Kambodscha ab 759 Euro in der Economy Class, ab 1029 Euro und 1069 Euro in der Deluxe Economy Class sowie ab 2139 Euro und 2179 Euro in der Business Class inklusive Rail&Fly ab allen deutschen Bahnhöfen.

          Arrangements: Verschiedene Veranstalter bieten Rundreisen in den drei Ländern an, darunter das auf kleine Gruppen und Begegnungen mit Einheimischen spezialisierte Unternehmen SKR Reisen (Venloer Straße 47–53, 50672 Köln, Telefon: 0221/933720, www.skr.de). Bei dem Arrangement „Laos & Kambodscha“ (15 Tage, ab 2549 Euro pro Person im Doppelzimmer) werden auch Luang Prabang und Angkor besucht. „Vietnam – Impressionen von Nord nach Süd“ führt in 19 Tagen von Hanoi bis nach Saigon (ab 2788 Euro pro Person im Doppelzimmer). Daneben gibt es maßgeschneiderte Touren für Einzelreisende. SKR ist für seine Reisen mehrfach ausgezeichnet worden.

          Informationen: im Internet unter www.vietnamtourism.com

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