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Indochina : Buddha darf in den Himmel, Onkel Ho darf es nicht

Die Verführung der himmlischen Tänzerinnen

In Ta Prohm schlägt man sich unwillkürlich auf die Seite des Tempels. Böse ist die Natur, gut das Menschenwerk, das sie zerstört. In Angkor Wat aber, dem größten sakralen Bauwerk auf Erden und Herzstück der gigantischen Tempelanlage von Angkor im Westen Kambodschas, hat die Natur keine Chance. Dort übernehmen die Menschen selbst das Zerstörungswerk, nicht aus böser Absicht, sondern aus grenzenloser Begeisterung. Und wer wollte es einem einzigen der zwei Millionen Besucher pro Jahr übelnehmen, dieses Wunder sehen zu wollen - dieses Abbild des Universums in unfassbar kunstvoll bearbeitetem Sandstein, umgeben von einem Wassergraben, der die Urozeane symbolisiert, gekrönt von einer Empore, die in Wahrheit das himmlische Milchmeer ist, bevölkert von Tausenden Nagas, heiliger Schlangen, die ihren steinernen Nacken aufblähen wie Kobras beim Angriff, geschmückt von achthundert Meter langen Reliefs, wie es sie kein zweites Mal auf Erden gibt. Sie erzählen die Geschichten der tausendjährigen Epen „Ramayana“ und „Mahabharata“ vom ewigen Kampf zwischen dem Guten und dem Bösen, dem Schönen und dem Schrecklichen. Und sie bestehen aus derart dicht und dynamisch ineinander verschlungenen Leibern von Affenkriegern und Drachendämonen, von Streitwagen und schwingenden Schwertern, dass man beim Zusammenkneifen der Augen glaubt, die Reliefs lebten und bewegten sich und seien aus Fleisch und Blut statt aus Stein.

Und erst recht wünschte man sich das von den tausendfünfhundert Apsaras, den göttlichen Tänzerinnen, diesen Sirenen der Anmut mit ihrem himmlischen oder auch teuflischen Lächeln, keine einzige ihrer Schwester gleichend, sondern alle in ihrer Mimik und ihren Gesten ganz eigen, jede Einzelne die Schönheit ihrer Nachbarin noch übertreffend. Ausnahmslos alle sind mit nichts anderem als einer Krone und einem Lendenschurz bekleidet und blicken die Besucher so verführerisch an, dass das Fleisch sogar bei Stein schwach zu werden droht.

Freche Liebhaber greifen an nackte Brüste

Die Apsaras haben viele freche Liebhaber, die ihnen in unbemerkten Momenten an die nackten Brüste fassen. Doch das ist noch die geringste Sorge der Konservatoren. Sie fürchten sich vor dem Schweiß der Millionen Touristen, der die Wandmalereien angreift; vor den Fäkalien der Fledermäuse, die Skulpturen verätzen; vor dem Tropenregen, der in den porösen Sandstein dringt und ihn sprengt; vor der Gier krimineller Sammler, die Tänzerinnen kaltblütig entführen lassen; vor Idioten, die ihren Namen in die Mauern ritzen; und vor nichts mehr als dem wahnsinnigen Wachstum der benachbarten Stadt Siem Reap.

Vor zwanzig Jahren noch hatte sie zehntausend Einwohner und ist einzig und allein wegen der touristischen Mega-Attraktion Angkor inzwischen auf hundertfünfzigtausend Menschen angeschwollen, inklusive Souvenirsupermärkten, „Pub Streets“, einer ganzen Batterie von Luxushotels und dreier Golfplätze - doch exklusive Slums, Wildwuchs und Chaos, denn diese Welttourismusmetropole ist blendend organisiert. Der Durst von Siem Reap aber ist so gewaltig, dass der Grundwasserspiegel dramatisch sinkt und die Statik der Tempel von Angkor ins Wanken bringt. Schon sieht man bedrohliche Risse an den Mauern, Menetekel des zweiten Untergangs jener Stadt, die in ihrer Blütezeit im zwölften Jahrhundert die größte der Erde war, eine Million Einwohner hatte und die Fläche von New York bedeckte, um dann so plötzlich von der Bildfläche und aus der Weltgeschichte zu verschwinden, als habe sie der Zorn eines fürchterlichen Rachegottes getroffen.

Memento mori im Würgefeigendschungel

Vielleicht endet ganz Angkor eines Tages so wie der Tempel von Ta Prohm: als ein steinernes Ausrufungszeichen der Vanitas mundi, als ein stranguliertes Memento mori im kambodschanischen Würgefeigenurwald, als Mahnmal menschlicher Maßlosigkeit. Vielleicht ist das die Zukunft. Zum Glück ist es nicht unsere. Denn die Natur ist ein geduldiger Sadist.


 

Sehnsucht nach Indochina

Anreise: Vietnam Airlines (www.vietnamairlines.com) fliegt achtmal pro Woche nonstop von Frankfurt nach Vietnam, fünfmal nach Hanoi und dreimal nach Ho-Chi-Minh-Stadt (Saigon). Von dort geht es mehrmals täglich zu 20 Zielen in Vietnam und fünf Zielen in Laos und Kambodscha. Derzeit kosten Flüge nach Vietnam ab 679 Euro und nach Laos oder Kambodscha ab 759 Euro in der Economy Class, ab 1029 Euro und 1069 Euro in der Deluxe Economy Class sowie ab 2139 Euro und 2179 Euro in der Business Class inklusive Rail&Fly ab allen deutschen Bahnhöfen.

Arrangements: Verschiedene Veranstalter bieten Rundreisen in den drei Ländern an, darunter das auf kleine Gruppen und Begegnungen mit Einheimischen spezialisierte Unternehmen SKR Reisen (Venloer Straße 47–53, 50672 Köln, Telefon: 0221/933720, www.skr.de). Bei dem Arrangement „Laos & Kambodscha“ (15 Tage, ab 2549 Euro pro Person im Doppelzimmer) werden auch Luang Prabang und Angkor besucht. „Vietnam – Impressionen von Nord nach Süd“ führt in 19 Tagen von Hanoi bis nach Saigon (ab 2788 Euro pro Person im Doppelzimmer). Daneben gibt es maßgeschneiderte Touren für Einzelreisende. SKR ist für seine Reisen mehrfach ausgezeichnet worden.

Informationen: im Internet unter www.vietnamtourism.com

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