https://www.faz.net/-gxh-734jb

Indochina : Buddha darf in den Himmel, Onkel Ho darf es nicht

Demütigst geben wir zu, dass wir in seinem Angesicht nicht das empfunden haben, was die Partei von uns verlangt: keine Ehrfurcht, sondern Mitleid mit dem armen Onkel Ho, der hier die Rolle des ewigen Untoten geben muss. So lächerlich und zugleich so anrührend ist dieser hilflose Versuch, dem Materialismus einen letzten Triumph zu verschaffen, die Unausweichlichkeit des Todes ungeschehen zu machen und aus einem Menschen mit Hilfe von Chemikalien etwas Übermenschliches zu fabrizieren. Onkel Ho wollte gar nicht hier liegen, sondern als Asche über sein Heimatland rieseln. Jetzt ruht er in seinem Mausoleum als letztgültiger, unumstößlicher Beweis, dass es ihn wirklich gegeben hat, weil agnostische Kommunisten nicht an den heiligen Geist, sondern nur an Leichen glauben dürfen. Dabei würden wir, lieber Onkel Ho, es auch so glauben.

ANGKOR, KAMBODSCHA

Die Natur ist ein Sadist. Kein Ende mit Schrecken, keinen schnellen Tod gönnt sie dem Tempel. Stattdessen quält sie ihn mit grausamer Lust an einem unendlich langsamen Sterben. Nicht Sekunden, sondern Jahrhunderte dauert schon der Todesmoment, und er ist - Menschen sind manchmal auch nur Sadisten - ein schrecklich schönes Bild: Der Tempel Ta Prohm mitten im Urwald von Angkor sieht so verstörend aus, als habe hier eine fürchterliche Schlacht stattgefunden, ein Zyklopenkampf um Leben und Tod. Er ist ein ruinöses Chaos aus umgestürzten Mauern, zerborstenen Fundamenten, zersplitterten Reliefs, zertrümmerten Steinquadern, ein Tempeltorso wie von Titanenfäusten zerschmettert. Nichts Verwunschenes und schon gar nichts Romantisches hat dieses kurz und klein geschlagene Gotteshaus, nichts als Unheil verkündet das Gekrächze der Papageien in den Baumkronen, die sich gar nicht mehr beruhigen wollen, als stünden sie noch immer unter Schock - und als könnten sie den Anblick der bösartigen Natur nicht ertragen, die sich jetzt Ta Prohm wie ein rachsüchtiges, gefräßiges Tier zurückholt.

Die Natur als gefräßige Bestie: Würgefeigen verschlingen den Tempel Ta Prohm in der kambodschanischen Ruinenstätte Angkor.
Die Natur als gefräßige Bestie: Würgefeigen verschlingen den Tempel Ta Prohm in der kambodschanischen Ruinenstätte Angkor. : Bild: Holger Peters

Am schlimmsten sind die Kapokbäume und die Würgefeigen. Sie schlingen ihre Äste wie Tentakeln um den Stein und strangulieren ihn wie Hydra Laokoon. Sie stoßen ihre Stämme wie Rammböcke ins Mauerwerk und lassen ihre Wurzeln über den Tempelboden kriechen, als seien es schlafende Schlangen, die in jedem Moment zum Leben erwachen können. Wie knöchrige Hexenhände umklammert ihr bleiches Holz die Skulpturen, wie eine Würgeschlange verschlingt ein mächtiger, sich grotesk aufblähender Baum einen kompletten Pavillon, der langsam im Schlund des Stamms verschwindet und jämmerlich um Hilfe zu schreien scheint. Es ist ein entsetzlicher Anblick, von dem man seine Augen gar nicht mehr lassen kann.

Weitere Themen

Die Verführung des Wissens

Aby Warburgs Bilderatlas : Die Verführung des Wissens

Aby Warburg hat unseren Blick auf Kunstwerke für immer verändert. Der „Bilderatlas Mnemosyne“, den er bei seinem Tod unvollendet hinterließ, ist sein Vermächtnis. Im Haus der Kulturen der Welt werden die 63 Tafeln samt Vorstudien jetzt zelebriert.

Topmeldungen

 Visualisierung des Tunneleingangs auf der dänischen Seite in Rodbyhavn

Streit um die Ostseequerung : Der Bau im Belt

Unter der Ostsee soll ein langer Tunnel Deutschland und Dänemark verbinden. Der Widerstand ist heftig – aber nur in Deutschland. Ein Ortsbesuch.
Paul Rusesabagina vor Gericht in Ruandas Hauptstadt Kigali am 14. September

„Hotel Ruanda“-Star entführt : In der Höhle des Löwen

Während des Völkermords in Ruanda rettete er Tutsi das Leben. Nun ließ Präsident Kagame den einstigen Helden Paul Rusesabagina entführen. Seinen Prozess will die Juristin Amal Clooney beobachten.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.