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Indochina : Buddha darf in den Himmel, Onkel Ho darf es nicht

Im Grand Hotel Metropole, dem ersten Haus am Platz, einem messingblinkenden Traumbild kolonialen Prunks, kann man sich unter Teakholzventilatoren in den Schimärenglanz des alten „Indochine“ zurücktrinken, jeder Kir Royal eine Dosis Melancholie. Und einen Kilometer weiter in der Altstadt kann man zwischen verwitternden Fassaden in Hauseingänge kriechen, die so eng und finster wie Bergwerksstollen sind und nach zwanzig Metern in einem Wohnverlies enden, zehn modrige Quadratmeter mit Deckenfunzellicht für zehn Personen. Wir haben Maybachs gesehen und Ferraris und Rolls-Royces und die S-Klassen irgendwann nicht mehr gezählt. Und wir haben bei Nguyen Tuyet gegessen, deren Vorname Schnee bedeutet und die es nach der reinen Lehre des Sozialismus in Vietnam ebenso wenig geben dürfte wie Maybachs - oder wie es dort Schnee gibt.

Die Würde der Menschenpuppenbettlerin

Nguyen Tuyet ist ein Straßenkind, das Glück gehabt hat und aus der Wellblechhütte ihrer Eltern am Ufer des Roten Flusses in die Obhut der australischen Hilfsorganisation Koto gelangt ist. „Know one, teach one“ bedeutet das Akronym, das kein leeres Versprechen ist. Tuyet und Dutzende anderer Jugendliche werden in einem Restaurant der Organisation im Zentrum der Stadt zu Köchen und Kellern ausgebildet, in der Weltsprache Englisch und dem nützlichen Hauptfach Lebenskunde unterrichtet und finden - nach Darstellung von Koto - in neunundneunzig Prozent der Fälle ihren Platz im Leben.

Sie wolle später allerdings nicht am Herd stehen, sondern Fotografin werden, sagt Fräulein Schnee mit einem Blick zwischen Scheu und Stolz, Glück und Unsicherheit, aus dem schon vor langer Zeit alle Unschuld in ein fernes Exil vertrieben wurde. Ihre Eltern und ihr Bruder seien Müllsammler, sagt Tuyet, sie selbst habe jahrelang auch nichts anderes getan, Landflüchtlinge seien sie und in der neuen Zeit, in der neuen Welt der wirtschaftlichen Freiheit durch alle Raster gefallen, Gestrandete eines Gezeitenwechsels, der sehr viele Gewinner hat und viel zu viele Verlierer - so wie die alte Bettlerin vor Tuyets Restaurant mit ihrer grotesk dilettantischen Beinprothese, die sie aussehen lässt, als sei sie halb Mensch, halb Menschenpuppe. Doch niemand scheucht sie fort. Stattdessen fordern uns unsere vietnamesischen Begleiter so schüchtern wie bestimmt auf, ihr etwas Geld zu geben - es ist ein Moment der Menschlichkeit, der uns dieses Land ganz tief in unser Herz schließen lässt.

Onkel Ho darf nicht sterben

Doch solche Menschlichkeit allein reicht nicht aus, um zu verhindern, dass sich Vietnam mit seinen Gleichzeitigkeiten und Widersprüchen selbst auseinandersprengt. Deswegen braucht man Onkel Ho, der jetzt nurmehr ein paar Meter vor uns entfernt ist. Wir müssen schnell noch eine Delegation von Parteikadern vorbeilassen, die sich frech vorgedrängelt hat, und dann sehen wir ihn endlich: ein wächsernes Männlein, das wie schlafend bei Kühlschranktemperaturen in einem pompösen Sarg liegt, nur noch von der Kunst russischer Präparatoren zusammengehalten und von einer stummen Ehrengarde in weißer Uniform voller goldrotem Christbaumschmuck bewacht.

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