https://www.faz.net/-gxh-734jb

Indochina : Buddha darf in den Himmel, Onkel Ho darf es nicht

Backpacker sind selten Buddhisten, und wenn doch, dann höchstens in ihrer Freizeit. Das aber hat sie nicht daran gehindert, Luang Prabang als ihr Rucksack-Shangri-la zu erobern und das spirituelle Ambiente des Städtchens um das etwas profanere des internationalen Massenindividualtourismus zu ergänzen. Jetzt gibt es eben beides hier: Klöster und Guest Houses, Kahlgeschorene und Rastalockige, Seelenpurgatorien und Waschsalons, Almosengänge und Pasta-Pizza-Antipasti, Theravada-Sutras und Büchertauschbörsen für Langzeitreisende, Mönchskutten und Trikots vom FC Barcelona und Real Madrid, die in ihrer Weise ja auch Glaubensrichtungen sind. Die einen suchen die Meditation als drahtlose Verbindung zu höheren Sphären, die anderen Wireless Lan in Weinbars, in denen man sich von Louis Armstrong oder Adele nicht nur bei einem Bier, sondern auch bei einem Glas Moët et Chandon-Champagner berieseln lassen kann. Denn inzwischen sind - der übliche Gang der Dinge - die Luxustouristen mit ihren Fünfsternehotels den Backpackern dicht auf den Fersen.

Die volle Wucht der westöstlichen Kulturkollision

Inmitten dieser ganzen touristischen Infrastruktur, die es sich in wunderschönen Kolonialhäusern mit Holzschindeldächern, Lamellenfensterläden und Balustradenbalkonen bequem gemacht und Luang Prabang den Segen irdischen Reichtums gebracht hat, wirken die Mönche manchmal schon wie Fremde im eigenen Haus - exotisches Beiwerk zwischen all den Nachtmärkten mit folkloristischem Souvenirschnickschnack, Massagesalons mit überwiegend ehrenwerten Absichten, Fahrradverleihern mit anständigen Trekkingrädern, Dschungelelefantencamps mit Eintagesausbildung zum Hobby-Mahut, German Restaurants mit Bratwurst und Sauerkraut und Cafés für das Publikum mit gutem Gewissen. Dort wird nur fair Gehandeltes ausgeschenkt oder gleich der Saffron-Kaffee, der die gute Tat eines amerikanischen Idealisten ist: Den Bergvölkern im Goldenen Dreieck, die schon lange kein Opium mehr anbauen dürfen und mit der Brandrodung für Mais oder Reis schlechte Erfahrungen gemacht hatten, hat er den Kaffeeanbau beigebracht. Kaffee schont die Böden und füllt die Kassen, ist also ein passabler Ersatz für Mohn. Jetzt ist wieder fast alles gut bei den Hmong und den Khmu, und ihr Kaffee schmeckt auch noch ganz ausgezeichnet.

Die westöstliche Kulturkollision findet allerdings nicht immer einen so glücklichen Ausgang, vor allem nicht morgens um halb sechs beim Almosengang der Bettelmönche. Denn inzwischen sind die Immobilienpreise im Zentrum derart in die Höhe geschossen, dass die Einheimischen an die Stadtränder vertrieben werden und deswegen nicht mehr genügend Spender am Straßenrand sitzen. Ihren Platz nehmen jetzt gerne Touristen ein, von ihren Hotels gegen ein ganz und gar nicht barmherziges Entgelt mit Reis- und Keksspenden, aber von keiner höheren Macht mit dem notwendigen Feingefühl ausgestattet. Wie die Hühner auf der Stange hocken halbe Hundertschaften vor dem Haupttempel, kichern und prusten und feixen, während sie den Mönchen mit vollen Händen das Essen in den Napf schmeißen, als seien es Kamellen beim Karneval, fotografieren sich dabei selbst und auch gerne gegenseitig, stehen ab und zu auf, um die Beine auszuschütteln, benehmen sich mitunter eher wie bei einer Tierfütterung als einer Mönchsspeisung, haben viel zu früh nichts mehr für die nachfolgenden Prozessionen übrig und gehen dann einfach weg, der Spaß hat schließlich schon lange genug gedauert.

Weitere Themen

Die Verführung des Wissens

Aby Warburgs Bilderatlas : Die Verführung des Wissens

Aby Warburg hat unseren Blick auf Kunstwerke für immer verändert. Der „Bilderatlas Mnemosyne“, den er bei seinem Tod unvollendet hinterließ, ist sein Vermächtnis. Im Haus der Kulturen der Welt werden die 63 Tafeln samt Vorstudien jetzt zelebriert.

Ein hinreißender Schuhhändler

Zum Tod von Michael Lonsdale : Ein hinreißender Schuhhändler

Improvisation verhieß ihm Erlösung: Michael Lonsdale war nicht nur ein Gegenspieler von James Bond, er brillierte auch in den Filmen Jacques Rivettes und François Truffauts. Nun ist er im Alter von 89 Jahren gestorben.

Topmeldungen

Finanzminister und SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz bei einer Veranstaltung im August 2020 in Ahlen

Allensbach-Umfrage : Die SPD kann nicht von Scholz profitieren

Nur eine Minderheit glaubt, dass der Kanzlerkandidat der SPD die Unterstützung seiner Partei hat. Und das ist noch nicht das größte Problem der Sozialdemokraten, wie eine neue Umfrage zeigt.

Spenden nach Ginsburgs Tod : Die Angst, die großzügig macht

Kaum war Ruth Bader Ginsburg tot, flossen demokratischen Wahlkämpfern Spenden in Millionenhöhe zu – mehr denn je. Fällt Trumps Supreme-Court-Plan den Republikanern auf die Füße?

Corona-Pandemie : Trump vor UN: China zur Rechenschaft ziehen

Amerikas Präsident wirft Peking zum Auftakt der UN-Generaldebatte vor, die Welt über das Coronavirus getäuscht zu haben. Chinas Staatschef weist das zurück und verlangt Mäßigung, während Putin den russischen Impfstoff bewirbt.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.