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Indien : Wilde Geschichten

  • -Aktualisiert am

Wer dem Bengalischen Tiger in die Augen blicken will, muss sich auf Pirschfahrt begeben; etwa im Bandhavgarh-Park in Indien. Bild: Picture-Alliance

Wolkenbruch mit Tiger: In den Parks des indischen Bundesstaates Madhya Pradesh leben noch Bengalische Tiger. Wer einen von ihnen sehen will, braucht viel Geduld.

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          Mowgli ist überall. Er lacht von verrosteten Plakaten. Er leiht Hotels am Rande des Pench-Nationalparks seinen Namen. Jenem Park im indischen Bundesstaat Madhya Pradesh, der Rudyard Kipling als Vorlage für sein „Dschungelbuch“ und dessen Helden diente: für Mowgli, das Findelkind, das Wölfe im Dschungel großziehen; für Balu, den Bär; für Kaa, die Schlange. Vor allem aber: für Shir Khan, den Tiger.

          Er ist der Grund, warum wir hier schon die achte erfolglose Pirschfahrt unternehmen. Wobei „erfolglos“ nicht ganz richtig ist, wie unser Fährtenleser Shree etwas beleidigt festhält: elegante Axis-Hirsche, im Wasser äsende Sambar, Wildschweinrotten, neugierige Schakale, Rhesusaffen und Makakentrupps mit bis zu 50 Mitgliedern. Wir sahen räderschlagende Pfauen, scheue Kammhühner, die Vorfahren aller domestizierten Hühner und Hähne, schillernde Eisvögel und Bienenfresser, schläfrige Eulen und bunte Papageien. Nur die Tiger machten sich rar. Im Pench-Reservat leben auf mehreren hundert Quadratkilometern etwa 30 von ihnen. Viel Wald, wenig Raubkatze. Außerdem sind nur 20 Prozent der Fläche des Parks für Touristen zugänglich. Macht statistisch betrachtet nur noch sechs Tiger. An deren Pfoten heften sich zweimal täglich, frühmorgens und abends, mehrere Dutzend Mahindra-Jeeps, deren Insassen mit Teleobjektiven bewaffnet sind. Die Ranger kämpfen an der Schranke zum Parkeingang verbissen um die Pole-Position. Geht der Schlagbaum dann nach oben, brettern sie mit atemberaubender Geschwindigkeit in den Park, meist zu den Plätzen, wo am Vortag Tiger gesichtet wurden. Nach der anfänglichen Hektik stellt Shree dann den Motor ab und lauscht. Tiger, so erklärt er, findet man mit den Ohren, nicht mit den Augen, weil ihnen die dichten Teakholz- und Sal-Wälder perfekte Deckung bieten. Es sind andere Tiere, die anpirschende Tiger verraten. Vor allem die Rhesusaffen sind richtige Petzen und machen ein Riesengeschrei. Das Frühwarnsystem des Dschungels funktioniert.

          Doch heute Morgen ist nichts zu hören. Shree berät sich mit einem Kollegen, dessen Safarigäste langsam ungehalten werden: „Wo ist der Tiger?“, fauchen sie ihren Ranger an. Unsere britischen Mitfahrer nehmen es dagegen mit Humor: Der Bengalische Tiger, scherzen sie, heiße wohl Königstiger, weil man leichter die Königin von England zu sehen bekomme als so eine Katze.

          Viele Tiger fallen Wilderern zum Opfer

          Tatsächlich wird das Leben und Überleben der Tiger immer schwerer. 1,3 Milliarden Inder bedrängen die verbliebenen 1400 Tiere. Bis ins 17. Jahrhundert, bis zur Erfindung der Schusswaffen, ging es den Katzen vergleichsweise gut. Die Tigerjagd war der Sport der Könige und Maharadschas, aber es war bis dahin ein halbwegs fairer Kampf mit Speeren und Lanzen, den oft auch die Menschen verloren. Die Gewehre brachten dieses Gleichgewicht aus den Fugen. Indische Prinzen organisierten große Kesseltreibjagden mit Elefanten, an deren Ende Dutzende tote Tiger im Gras lagen. Einige Maharadschas brüsteten sich, in ihrem Leben bis zu tausend Tiere erlegt zu haben, und britische Kolonialbeamte und Offiziere ließen sich zu diesen Massakern gerne einladen. Trotzdem gab es 1930 noch etwa 40 000 Tiger. Nach dem Zweiten Weltkrieg gelangten dann viele Schusswaffen in die Hände der Landbevölkerung, und die Population sank dramatisch. Noch heute werden Waldarbeiter in den Sümpfen der Sundarbans in Ostindien regelmäßig Opfer der Raubkatzen. Die Tiger finden hier nur wenig Wild und werden aus Opportunismus zu Menschenfressern. „Auch hier, in der Pufferzone des Pench-Nationalparks, haben die Reisbauern Angst vor den Katzen“, sagt Shree.

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