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Indien : Die Kunst des Sterbens

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Morgengebet eines Priesters am Ganges Bild: AP

Im indischen Varanasi, wo der Beatle George Harrison wie tausend andere Hindus seine Asche über den Ganges verstreuen ließ, sterben die Menschen gelassen.

          Varanasi ist verlebt. Als gehörte es sich so für einen Ort, den die meisten Inder zum Sterben betreten, der bevölkert ist von alten, todgeweihten Menschen. "Beste Stadt", stottert der Bootsführer in gewagtem Englisch und blickt über den Ganges. "Mehr Leben und Tod als sonstwo." Ein Delphin springt aus den Fluten, taucht wieder ein, ein zweiter springt hintendrein. Der Bootsführer gönnt sich einen Schluck Wasser aus dem Fluß und wirft etwas Kautabak hinterher: "Holy water".

          Wer hier am Ufer des Ganges auf den nie erlöschenden Scheiterhaufen der zwei "Burning Ghats" verbrannt wird, wessen Asche über den heiligen Fluß verstreut wird, der hat eine gute Chance, in den Kreislauf der Wiedergeburten aufzubrechen. Der könnte "My sweet lord" sanft in die Arme gleiten. John Lennon, der Beatle, hat einmal gesagt, daß man Ende der 70er Jahre nicht das Radio anschalten konnte, ohne innerhalb der nächsten halben Stunde dieses Stück, diesen größten Hit seines einstigen Mitstreiters George Harrison zu hören. "My sweet lord" - mit diesem Song bekannte sich der jüngste Beatle zum Hinduismus. Nur einen Monat nach seinem Tod am 29. November 2000 verstreute Harrisons Familie dessen Asche, oder besser: etwas davon, in Varanasi über den heiligen Ganges. So, wie es sich alle Hindus wünschen.

          Gelassen sterben

          Was George Harrison in "I me mine" sang, versteht man erst so recht am Ufer des Flusses: "Jeder sorgt sich ums Sterben, aber der Sinn des Todes ist die Geburt, wenn du also nicht sterben willst, wirst du nicht geboren." Mit anderen Worten: Stirb' gelassen, sonst kannst du nicht geboren werden. Gelassen sterben: Hunderte tun das täglich in Varanasi.

          Tempelstadt Varanasi: Mehr als 1.500 heilige Stätten sind in der Millionenstadt Gott Shiva geweiht

          Zurück bleiben Tagetesblüten. Die Blumen werden den Toten über die Augen gelegt, ihre Körper damit geschmückt. Entlang der sogenannten Ghats, der Treppen zum Ganges, spült das Wasser die Blütenblätter ans Ufer.
          Mit der Morgensonne bricht dann plötzlich das Leben über das Wassergrab herein. Menschen eilen zum Fluß, vertreiben so den Tod. Frauen tragen ihre Wäsche heran. Man reinigt sich ungeniert in Unterhosen. Ein Mädchen springt kreischend ins heilige Wasser. Auf den Ghats trocknen die Saris der Frauen im Morgenlicht: Sechs Meter lang sind die manchmal und meist knallbunt.

          Stadt des Lichts

          Glaubt man den indischen Heldenepen Skanda Purana und Mahabharata, dann liegt die Altstadt von Varanasi seit über dreitausend Jahren dort, wo die Flüsse Varuna und Assi sich im Ganges vereinen. Varanasi hieß einst Kashi, die Stadt des Lichts, und gehört zu den ältesten dauerhaft bewohnten Städten der Welt. Die Engländer tauften sie Benares. Varanasi ist die wichtigste der sieben heiligen Städte der Hindus. Frisch getraut, wählte Shiva diesen Ort zum Leben: 1.500 Tempel und Schreine und vor allem die Pilger - täglich strömen 70.000 in die Millionenmetropole - erinnern bis heute daran. Riesige Mengen heiligen Gangeswassers schleppen sie in Gefäßen und Plastikflaschen in ihre Heimatorte.

          Betritt man die engen Gassen der Stadt, bleibt der Tod zurück, empfängt einen flackerndes Licht. Dies ist eine Zauberwelt. Eine Welt, in der zwei Kinder eine leere Schokoladenpappe an einer Schnur über das Pflaster schleifen, anhalten, um aus den Händen eines Jongleurs, der im hohen Bogen eine weiße Flüssigkeit von Kelle zu Kelle durch die Luft schwenkt, ein Glas warme Milch zu empfangen. Zwei Neohippies stellen sich dazu, im spirituellen Lotterlook, den kein Einheimischer je freiwillig tragen würde. Augenscheinlich sind sie auf der Suche: nach Selbsterfahrung. Nach den Sitarklängen einer der vielen George-Harrison-Musikschulen. Und vielleicht sogar nach einer Pizza. Denn auch die gibt es in dem riesigen Angebot an Speisen, die meist in fettschwitzenden Woks an den Straßenrändern dünsten: Gemüsenudeln, Samosa-Teigtaschen, Chapati-Brot, Dahl-Suppe und Curry-Reis. Viel Curry-Reis.

          Glaube an Übersinnliches

          An der Kreuzung von Dashaswamedh und Mandaoura Road, den beiden Hauptstraßen, die den Stadtkern durchschneiden, wächst ein Berg aus dem Müll des vergangenen Tages heran. Mit Pappen fischen und schaufeln jugendliche Müllsammler Teller aus vernähten Blättern, tönerne Chai-Tee-Schälchen, Nelkenzigaretten, Plastikflaschen, Kot von heiligen Kühen und allerlei Formloses aus den Rinnsteinen auf ihre Karren.

          Eine Million Menschen und scheinbar genauso viele Fahrzeuge drängen auf die Straßen von Varanasi. Schon nach einigen Stunden glaubt der Besucher in dieser Stadt an Übersinnliches: Daß nicht ständig Fahrradrikscha in Lastwagen kracht oder in Fahrrad, in Fußgänger, in heilige Kuh, in Schulbus, in Schulbus-Fahrradrikscha, in Moped, in Dreirad, in Taxi, in Buddhist, in Sikh, in Neohippie, in Leichenumzug, in Tourist, in Bettler, in Verkaufsbude, in Brahmanen, in Sitarspieler, daß also niemand, statt am Ganges, im Verkehr den Tod findet, wundert ihn nicht mehr.

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