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Weinanbau in Frankreich : Der Winzer geht auf Falkenjagd

  • -Aktualisiert am

Seit tausend Jahren bewacht die Benediktinerabtei Saint-Michel am Ufer des Tarn das Städtchen Gaillac. Bild: Klaus Simon

Zwischen Languedoc und Bordelais versteckt sich die kleine Weinbauregion Gaillac. Bekannt ist sie für kantige, kraftvolle, charakterstarke Gewächse.

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          Eine Burg kann eine Liebe sein, also doch. Sogar dann, wenn das Objekt der Begierde kurz davor ist, in sich zusammenzufallen. Ende der siebziger Jahre verschlug es Alan Geddes auf der Rückfahrt von Bordeaux nach Paris, wo der Schotte für einen Ölkonzern arbeitete, zufällig ins südwestfranzösische Département Tarn. In den Crêtes, den nördlich von Gaillac sanft dahinrollenden Weinbergen, stand eine Wehrburg zum Verkauf – oder besser das, was vom auf das zwölfte Jahrhundert zurückgehenden Château de Mayragues übrig geblieben war. Der Fels, auf dem die Rückfront einmal ruhte: geborsten. Die auf den Steinbau gepfropfte Fachwerkgalerie: morsch. Oberschenkeldicke Risse in den Außenwänden und ein teils eingestürztes Dach signalisierten, dass rasch eine Entscheidung gefällt werden musste.

          Damit nicht genug. Zur Burg gehörte ein Dutzend Hektar Weinberge, aus deren Trauben die damaligen Eigentümer, eine 1962 aus Algerien repatriierte Pieds-noirs-Familie, einen kaum trinkbaren Massenwein herstellten. Vom Weinbau aber hatte Alan Geddes ebenso wenig eine Ahnung wie vom Sanieren eines maroden, unter Denkmalschutz stehenden mittelalterlichen Gemäuers. Und doch. Alan Geddes fuhr nach der Besichtigung flugs nach Paris zurück und kehrte mit seiner französischen Frau Laurence, die als Konservatorin am Musée Carnavalet in kunstgeschichtlichen Fragen einige Expertise einbringen konnte, ebenso flott wieder nach Gaillac um. „Vierzehn Stunden dauerte die Autofahrt damals“, erinnert sich der heute erfolgreiche Biowinzer, „und keiner unserer Pariser Freunde hatte eine Vorstellung davon, wo Gaillac liegen könnte, noch wie ein Gaillac-Wein schmeckt. Es gab damals keinen Tourismus im Tarn.“

          Vierzig Jahre später braucht man für die Fahrt von Paris nach Gaillac dank inzwischen gebauter Autobahnen nur noch sieben Stunden. Die Malereien an den erhaltenen Decken des Château de Mayragues sind restauriert. Betoneinspritzungen stabilisieren den Felsuntergrund. Alle Wände stehen wieder aufrecht, und der separate Taubenturm aus dem sechzehnten Jahrhundert ruht wieder auf festen Steinsäulen. Es gibt zwei Chambres d’hôtes auf der Burg, die über den restaurierten Wehrgang zu erreichen sind und eine willkommene Alternative zum eher mageren Hotelangebot im Gaillac-Gebiet sind.

          Auch im Weinberg und im Keller des Château de Mayragues hat sich viel getan. Neben der Plakette des Grand Prix des Vieilles Maisons Françaises an der Burg selbst, den die Geddes für die Rettung des Gemäuers verliehen bekamen, prangt am Keller das Demeter-Logo des 1999 auf biodynamischen Anbau umgestellten Weinguts. In den Weinbergen selbst hat Geddes, der sich zu einem der führenden Winzer der Appellation gemausert hat, alle für das Gaillac untypischen Rebsorten ausreißen und durch autochthone Sorten ersetzen lassen.

          Eine Meer von Reben

          Der Schotte stand mit der Rückbesinnung auf die ursprünglichen Rebsorten des Gaillac nicht allein. Dank der Winzervereinigung Terres de Gaillac, die seit der Jahrtausendwende für das Pflanzen autochthoner Reben und die Stärkung des Terroir eintritt, hat sich die Qualität der Weine der AOP Gaillac erfreulich gesteigert. Doch noch immer verliert sich die mit knapp viertausend Hektar kleine Appellation zwischen dem gewaltigen Rebenmeer des Languedoc im Süden und dem prestigeträchtigen Bordelais im Westen.

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