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Im Weltmeister-Land : Gott ist kein Brasilianer mehr

Wir fragen uns, ob Fußball doch das einende Elixier des zerrissenen Landes ist - nicht als Geisel der Fifa, sondern als flauer Plastikball am Strand. Bild: Getty Images

In knapp zwei Wochen beginnt die Fußball-Weltmeisterschaft. Doch die Brasilianer sind nicht in Feierlaune, sondern voller Selbstzweifel: Eine Reise durch ein Land auf der Suche nach seiner verlorenen Seele.

          9 Min.

          Wer Bahia verstehen will, muss einen Ausflug nach Nigeria unternehmen. Der Weg ist kurz. Vom zentralen Platz Largo do Pelourinho im bonbonbunten Herzen der Hauptstadt Salvador sind es nur ein paar Schritte zu dem geduckten Haus, in dessen Innenhof Sklaven vor vierhundert Jahren ihres Weiterverkaufs harrten und das ihre Nachfahren nun wieder öfter aufsuchen. Wer das Nigeria Cultural Centre betritt, begibt sich in eine andere Welt. Auch sie ist bunt, doch ist es nicht die pastellfarbene Kolonialherrlichkeit der zum Süßwarengeschäft restaurierten Altstadt, sondern die dunkle Farbigkeit Westafrikas.

          Judith Lembke

          Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Eingerahmt von Stickereien des Fulani-Volkes, sitzt Mojeed Oyewo auf einem grünen Plastikstuhl, hinter sich die nigerianische Landkarte, vor sich ein großer dunkler Schreibtisch, auf dem nur ein Ventilator steht. Seine Aufgabe ist es, zusammen mit den afrikanischstämmigen Bewohnern Bahias, die vier Fünftel der Bevölkerung des Bundesstaates ausmachen, auf die Suche nach ihren Wurzeln zu gehen. Oft ist es nur die Textzeile eines Liedes, das die Großmutter vor dem Einschlafen sang, mehr ist den Suchenden von ihren versklavten Vorfahren nicht geblieben. Und sehr oft klingen die Mosaiksteinchen nach Yoruba, der Volksgruppe aus dem Südwesten Nigerias, deren Siedlungsgebiet entlang der Meereslinie verläuft. Vor fünfhundert Jahren war sie nur als „Sklavenküste“ bekannt.

          Salvadors ursprünglicher Charme

          Jedes Jahr kommen mehr Brasilianer, mit denen Oyewo die Puzzlestücke ihrer Herkunft sortiert. Sie finden keinen Halt im Brasilien der Gegenwart und suchen ihn in der afrikanischen Vergangenheit. Im Nigeria Cultural Centre bekommt man einen Eindruck davon, warum das Land der Zukunft, zu dem Stefan Zweig Brasilien schon vor mehr als siebzig Jahren erklärte, nicht von seiner Vergangenheit loskommt. Es ist eine Zerrissenheit, die in der kolonialen Sklavenhaltergesellschaft begründet liegt und die noch immer nicht überwunden ist. Diese Wunde schmerzt. Kurz vor Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft scheint Brasilien mehr denn je auf der Suche nach sich selbst. Die Bewohner von Salvador suchen nach ihren afrikanischen Wurzeln, unzufriedene Studenten suchen nach den Verantwortlichen für das marode Bildungssystem, wütende Hausfrauen suchen nach den teuersten Tomaten im Supermarkt, um den Wucherer an den Internet-Pranger zu stellen.

          Um acht Uhr morgens sind in Carmo, einem Teil der Altstadt Salvadors, nur wenige Touristen unterwegs. Ein Amerikaner mit neonpinken Turnschuhen joggt neben uns den Berg hinab über das bucklige Pflaster. Wir haben ein bisschen Mitleid mit ihm, bekommt er doch gar nicht mit, wie wunderbar langsam die Altstadt erwacht. Aber vielleicht hat er unserem Hotelportier auch nur besser zugehört, der uns genau beschrieben hat, wo und wie wir uns in den Gassen bewegen dürfen und welche wir besser meiden.

          Dabei wirkt die Altstadt in den Morgenstunden so friedlich, dass es ein Frevel ist, nicht zu schlendern, sondern zu rennen. Die Besitzer öffnen die Türen ihrer Cafés, um die Düfte einer langen Nacht zu verscheuchen. Die kleinen Galerien, die in den vergangenen Jahren überall eröffnet haben, sind noch geschlossen. Während es im benachbarten Pelourinho schwerfällt, den Puls der Stadt unter all der Schminke und dem Touristentand zu erfühlen, ist in Carmo noch viel von dem ursprünglichen Charme der einstigen Hauptstadt Brasiliens zu spüren.

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